Hof Obergrüt

Demenz mitten im Leben

Sei es im Wald oder im Stall bei den Kühen – der frühere Finanzcontroller Hans-Peter Hochstrasser legt gerne Hand an.
Sei es im Wald oder im Stall bei den Kühen – der frühere Finanzcontroller Hans-Peter Hochstrasser legt gerne Hand an. Bild Monique Wittwer

Rund 3000 Menschen in der Schweiz trifft die Diagnose Demenz noch vor der Pensionierung. Mit der sich verändernden Bevölkerungsstruktur steigt ihre Zahl. Hof Obergrüt in Sigigen LU bietet sinnvolle Arbeit in einer natürlichen Umgebung.

Von Usch Vollenwyder, Pro Senectute

Schaufel um Schaufel füllt Hans-Peter mit Holzschnitzeln und wirft sie in hohem Bogen in den bereitstehenden Traktoranhänger. Von Zeit zu Zeit stellt er sich auf die Zehenspitzen und kontrolliert, wie weit sich der Wagen bereits gefüllt hat. Dann packt er wieder zu, die Kappe tief über die Ohren gezogen.

Der Morgen ist frostig kalt im offenen Ökonomiegebäude des Hofs Obergrüt, wo in einer Ecke die Holzschnitzel für die Heizung lagern. Er friere nicht, sagt Hans-Peter. Diese Arbeit mache er gern. Und müde Arme bekomme er davon nicht.

Hans-Peter ist gross; ein stattlicher, attraktiver Mann, körperlich gesund und kräftig. Er ist 62 Jahre alt und hat Alzheimer. Bis 2011 war er Finanzcontroller bei Siemens. Tränen steigen ihm in die Augen, als er sich zu erinnern versucht. Seine Hand macht die immer gleiche abwärtsführende Wellenbewegung.

Luzia Hafner
Luzia Hafner Bild Hof Obergrüt

Er sucht nach Worten. Manchmal gehe es besser, dann wieder schlechter: «Es ist jetzt halt so.» Luzia Hafner, Pflegefachfrau, Bäuerin und Leiterin des Hofs Obergrüt, unterstützt ihren Gast: «Du machst es gut. Ich bewundere dich, wie du die Krankheit annimmst.»

Hans-Peter war 55, als er die Diagnose Alzheimer erhielt. Damit gehört er zu den schweizweit rund 3000 Menschen, die noch vor dem Pensionierungsalter an Demenz erkranken – «präsenile Demenz» lautet der Fachausdruck. Bei den 45- bis 65-Jährigen ist etwa jeder Tausendste davon betroffen.

Die Zahl Demenzerkrankter wird möglicherweise auch in dieser Altersgruppe zunehmen. Grund dafür sind die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer-Generation, die ins Alter kommen. Aber auch, weil Betroffene heute schneller auffallen: Unsere stark digitalisierte Arbeitswelt kennt keinen Spielraum für Unzulänglichkeiten und organisatorische Schwächen.

Bei den wenigsten jung Betroffenen werden Vergesslichkeit und Konzentrationsschwäche, Orientierungslosigkeit oder Persönlichkeitsveränderungen als Symptome einer beginnenden Demenz erkannt. Bei acht von zehn wird zunächst ein Burn-out oder eine Depression vermutet.

Im Rückblick denkt Hans-Peters Frau Sonja Hochstrasser, dass erste Anzeichen der Krankheit sich schon viel früher bemerkbar machten – als zärtliche Berührungen sich plötzlich merkwürdig kalt und mechanisch anfühlten. «Als hätte mein Mann Roboterhände», sagt die in einem Teilzeitpensum arbeitende Physiotherapeutin.

Die Schwingungen zwischen ihnen als Liebespaar hatte die Krankheit als Erstes ausgelöscht.

Hans-Peter Hochstrasser wurde aggressiv, war frustriert und unruhig. Die Ehe schlitterte in eine Krise, das Paar ging in eine Beratung. Doch die Beziehung wurde immer schlechter, Sonja Hochstrasser plante die Trennung: So wollte sie mit ihrem Mann nicht mehr zusammenleben.

Als Hans-Peter in der Firma dreimal kurz hintereinander sein Passwort vergass und projektbezogene Abläufe nicht mehr erklären konnte, verordnete ihm sein Chef zusätzliche Freitage und schickte ihn zum Arzt. Depression, Burn-out oder Demenz – so lautete die Diagnose.

Für Sonja Hochstrasser die schwierigste Zeit. «Eine Katastrophe», erinnert sie sich. Der Gang durch Abklärungs- und Beratungsinstitutionen begann – und zog sich hin. «Ich fühlte mich total allein gelassen.» Ihr Mann, kurz zuvor noch zu 120 Prozent im Beruf engagiert, war plötzlich tagaus, tagein zu Hause.

«Wenn ich eine Demenz habe, bringe ich mich um», sagte er mehr als einmal. Dann kam die Abklärung im Berner Inselspital. Sonja Hochstrasser erinnert sich an das abschliessende Gespräch: «Es tut uns leid. Ihr Mann hat eine Demenz, Form Alzheimer.» Sie ging vor die Tür und weinte, weinte, weinte …

Unterstützungsangebote fehlen weitgehend

Menschen unter 65 stehen meist noch voll im Berufsleben. Sie sind in feste Strukturen eingebunden, haben oft einen vollen Terminkalender und werden in der Regel noch lange nicht zu den Senioren gezählt. Die Diagnose Alzheimer erschüttert ihr Lebensgefüge zutiefst. 

Sie wirkt sich auf alle Lebensbereiche aus: auf das soziale Netz und die finanzielle Situation, auf die Partnerschaft und auf das Familienleben. 98 Prozent der Betroffenen werden von einem Tag auf den anderen beruflich freigestellt. Sonja Hochstrasser wusste es glasklar: «Jetzt gibt es keinen Weg mehr zurück.»

«Jüngere Demenzbetroffene und ihre Angehörigen sind mit anderen Problemen konfrontiert und haben andere Bedürfnisse als ältere», sagt Irene Bopp, Leitende Ärztin der Memory-Klinik am Zürcher Waidspital. Doch spezifische Unterstützungs- und Beratungsangebote – wie zum Beispiel genügend Gesprächsgruppen, Kurse, geschützte Arbeitsplätze, spezielle Wohngemeinschaften, Tages- und Ferienplätze oder begleitete Freizeitangebote – fehlen weitgehend.

Mit ihrem Betreuungskonzept für Menschen mit Demenz auf dem Hof Obergrüt leistet Luzia Hafner Pionierarbeit.

Idyllisch liegt der Hof auf rund 750 Metern in der Hügellandschaft der Luzerner Gemeinde Ruswil; der Blick schweift von der Pilatuskette bis ins Napfgebiet. 23 Hektar umfasst der Landwirtschaftsbetrieb mit seinen rund zwei Dutzend Kühen, der Kälberaufzucht und der Schweinemast.

Der Hof liegt idyllisch gelegen im Kanton Luzern.
Der Hof liegt idyllisch gelegen im Kanton Luzern. Bild Hof Obergrüt

Auch zwei Pferde, der Hühnerstall, der ehemalige spanische Streunerhund Benji und die vier Katzen Mili, Mike, Fleur und Lady gehören dazu. Herbert Hafner und Sohn Thomas führen den Betrieb. Arbeit gibt es genug; anpacken können alle – jede und jeder in seinem Tempo und seinen Möglichkeiten entsprechend. 

Vor elf Jahren nahm Luzia Hafner ihren ersten Probegast auf, einen 60-jährigen demenzkranken Mann. Sie weiss, dass jüngere Menschen mit Demenz vor allem eine sinnvolle körperliche Tätigkeit in einem natürlichen Umfeld brauchen.

«Ihre kognitiven Fähigkeiten lassen nach, aber physisch sind sie fit und gesund.» Ein Bauernhof biete an 365 Tagen im Jahr Arbeit, die man nicht künstlich kreieren müsse. «Miteinander leben» lautet die Devise. Nicht die Demenz stehe im Mittelpunkt, sondern der Mensch mit seinen Ecken und Kanten, seinen Ressourcen und Möglichkeiten.

«Care-Farming» – so nennt sich dieses Angebot von Betreuungsdienstleistungen auf Bauernhöfen.

In Holland gibt es über 200 dieser Betriebe, auch in Deutschland sind sie weit verbreitet. Hof Obergrüt ist schweizweit das einzige solche Projekt.

Mit seinen fünf Ferienbetten für auswärtige Demenzerkrankte und vier Tagesplätzen für Betroffene aus der Umgebung will es eine Lücke schliessen zwischen der Betreuung zu Hause und der Pflege in einem Heim. Das Angebot ist begehrt, die Wartezeit für ein Ferienbett beträgt rund fünf Monate.

Da die Nachfrage ständig steigt, ist ein Neubau mit zwölf Ferienbetten und fünf zusätzlichen Tages- sowie zwei bis drei geschützten Arbeitsplätzen für junge Menschen mit Demenz geplant. Dafür setzt Luzia Hafner zurzeit all ihre Energie und ihr Herzblut ein.

Video: Luzia Hafner vom Hof Obergrüt: Live am 1. Demenz Meet 2017


Quelle Youtube/Demenz Zürich

Noch hat Hans-Peter längst nicht alle Holzschnitzel in den Anhänger geschaufelt. Seine Konzentration hat nachgelassen. Doch bevor er in die Wärme des Bauernhauses zurückkehrt, geht er noch im Stall vorbei und streut Heu in die Futterkrippe von Kälbern und Kühen.

Einige der Gäste haben in der Zwischenzeit den Morgenspaziergang mit Benji gemacht und bei den beiden Pferden vorbeigeschaut. Andere sind schon bei den Vorbereitungen für das gemeinsame Mittagessen. Der grosse ovale Holztisch in der offenen Wohnküche ist der Mittelpunkt des familiären Betriebs.

An ihm wird gegessen und gespielt, gelacht und gesungen, gearbeitet und geredet. Nach dem Znüni legt sich Hans-Peter in den Sessel beim Fenster, schaut beim Rüsten zu und singt mit, als jemand das Lied vom Gemsjäger anstimmt. Alle sind miteinander per Du, eine grosse Nähe, Wärme und viel Zuneigung sind zu spüren.

Hier wird jemand umarmt, dort jemandem der Arm um die Schulter gelegt oder übers Haar gestreichelt. «Vo Härz zu Härz» ist das Motto des professionell arbeitenden Teams – von den ausgebildeten Pflegefachkräften über die Betreuenden bis hin zu den Freiwilligen.

Gemeinsam am grossen Tisch

Zum Mittagessen kommen auch Bauer Herbert Hafner und Jungbauer Thomas an den Tisch. Gäste und Mitarbeitende sitzen durcheinander – es gibt Nudeln und Geschnetzeltes mit Pilzen, dazu Gemüse und Salat.

Niemandem wird ein Esslatz umgebunden, wer will, kann seine bereitgelegte Serviette umlegen. Es geht lebhaft zu und her. Einige reden mit, andere hören zu oder sind in ihre eigene Welt versunken. Beim Mittagstisch werden auch die Aufgaben für den Nachmittag besprochen.

Hans-Peter und Otti sollen nach der Mittagspause mit dem jungen Zivilschützer Vladimir im nahen Wald Tannzweige für den Winterschmuck holen, Béatrice und Rita den Fruchtsalat fürs Zvieri schneiden. Wenn die Zeit noch reicht, werden Tee-und Kräutermischungen für den anstehenden Monatsmarkt vorbereitet.

Und jemand muss auch am Nachmittag mit Benji spazieren gehen. Jungbauer Thomas steht vom Tisch auf und verschwindet in der Wohnstube, wo er sich ans Klavier setzt. Lüpfige Klänge tönen durch das Haus.

Sonja Hochstrasser ist unendlich dankbar, kann Hans-Peter drei Tage in der Woche auf dem Hof Obergrüt verbringen, wo er körperlich gefordert wird und viel Zeit draussen in der Natur verbringt. Sie erinnert sich, wie sie ihn zum ersten Mal hinbrachte. Das Herz habe ihr wehgetan, obwohl sie sich doch noch kurz zuvor von ihrem Mann habe trennen wollen.

«Es war, als würde ich mein fünfjähriges, behindertes Kind, das mir ständig am Rockzipfel hängt, weggeben.»

Dass sie Hans-Peter auf Hof Obergrüt zufrieden weiss, ist für sie eine grosse Erleichterung. 

Bald geht die Sonne unter. Während die meisten Gäste nach dem Zvieri am Tisch sitzen bleiben und auch noch beim Guetzlibacken mithelfen wollen, zieht es Hans-Peter wieder nach draussen. Er zieht die Winterschuhe an, schlüpft in die warme Jacke, stülpt Kappe und Handschuhe über und holt in der Garage den Besen. Hans-Peter wischt den Hofplatz – noch sei er nicht müde.

Wir danken der Pro Senectute und der Redaktion des Magazins Zeitlupe für die Gelegenheit zur Zweitverwertung dieses Beitrags.

erschienen: 07.02.2018

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