Kommentar

Digitalisierung und Empathie

In der Pflege-Übergabe heisst es dann: «Zimmer 560 nichts, 561 nichts, 562 nichts, 563 nichts». Im Zweifel kann man ja nachschauen.
In der Pflege-Übergabe heisst es dann: «Zimmer 560 nichts, 561 nichts, 562 nichts, 563 nichts». Im Zweifel kann man ja nachschauen. Bild PD

Die Befürworter eines digitalisierten Gesundheitswesens versprechen mehr Raum für patientennahe Versorgung, weniger «menschliches Versagen» und ein Gegenmittel für den Fachkräftemangel. Angesichts entfesselter Gewinne und maximierender Gewinnabsichten der grossen Gesundheitskonzerne sind das eher Vorwände.

Von Melanie M. Klimmer

Affekte und Emotionen im Griff zu haben, zu Selbstdisziplin und Selbstkontrolle fähig zu sein und einen kühlen Kopf zu bewahren, ist für Pflegende sehr wichtig. Wenn heute in der Hektik des Pflegealltags auch mal die Vernunft versagt, die Emotionen wallen und die Intuition weggedrückt wird – kommt nicht da die Digitalisierung gerade recht?

Heute kommt es im Pflegealltag auf die Begrenzung der Kraftressourcen an. Kräfte werden rationiert, will man die stark verdichtete Arbeit noch bewerkstelligen. Da wird Empathie schnell mal anstrengend und Emotionen werden auch mal zu Zeichen unprofessioneller Überforderung umgedeutet.

Manche Fachkräfte sind in der arbeitsverdichteten Pflege inzwischen sehr gut darin, ihre Emotionen abzustellen und Anliegen von Patienten und Pflegebedürftigen weniger wahrzunehmen, um effizienter voranzukommen.

Meist sind es jene, die in den Teams informell darüber herrschen, wie weit sich andere Kollegen bei Patienten und Pflegebedürftigen engagieren dürfen. Solche Pflegekräfte stehen immer wieder in der internen Hierarchie weit oben.

«Professionelle Distanz» wird hier gleichgesetzt mit der Vermeidung von Auseinandersetzung, damit die Arbeit reibungsloser abläuft und die Gewinne sprudeln – aber nicht etwa für mehr Kollegen, sondern für mehr Aktionärszufriedenheit.

In einem solchen Klima stützt die «digitale Revolution» den Machtapparat durch minimierte Kommunikation und indem man glaubt, menschliche Unzulänglichkeiten durch entsprechende Software reduzieren und durch «emotionsbefreites», «gesichertes», digitales Know-how der Maschine ersetzen zu können. Sie kennt, bis auf sporadische Blackouts, keine schlechten Tage.

Sie ist unkompliziert, denn sie setzt den Nutzer keinem «emotionsgeschwängerten Geplapper», keiner Diskussion, keinem Beleuchten von oben, von unten, von hinten rechts und vorne links aus. Wozu braucht es eine partizipative Lösungsentwicklung? Das Wissen ist schon da, in der zentralen «Wolke» und der Dokumentation.  

Aber ist es nicht erst die tiefere Auseinandersetzung mit dem anderen, fremden Menschen – und diese geht bei Geübten schneller – , die uns die Dinge durchschauen lässt und die dazu führt, dass der andere wichtig wird und man sich deshalb für ihn stark macht?

Ist es nicht gerade Professionalität, sich noch bewegen zu lassen und sich für die Aushandlung der passenden Hilfeleistung einzusetzen?

Für mich stellt es den eigentlichen Kern, das Herzstück der pflegerischen Arbeit dar, nicht vor dem Patienten oder Pflegebedürftigen davon zu laufen, ihn zu meiden, sondern ihm zuzuhören, hinzuhören und sich in Resonanz zu begeben, da zu sein in den oft schlimmsten Momenten seines Lebens, dann, wenn die Dinge nicht so laufen wie geschmiert.

Der Patient braucht zur Mobilisierung seiner Selbstheilungskräfte Zuwendung. Die Psyche muss mitunterstützt werden. Darauf kommt es an. Dafür braucht es Gestaltungsräume. Dafür braucht es Personal. Dafür braucht es Menschen, denen der Patient und Pflegebedürftige vertrauen kann, Menschen, die ihn nicht sich selbst überlassen.

Die Digitalisierung ermöglicht den verkürzten, schnellen Zugang zu Pflegebedürftigen und Patienten. Das kann in bestimmten Fällen sehr wichtig sein. Die digitale Vernetzung kann Gutes bewirken, wenn sie denn in die richtigen Bahnen gelenkt, weiterer Arbeitsverdichtung und Personaleinsparung der Riegel vorgeschoben und kreativem Denken tatsächlich mehr Raum gegeben wird.

Andernfalls mündet sie in eine «Verdichtungsverdichtung» und begünstigt gefährliches Schubladendenken. Menschliche Regungen werden dann für eine scheinbare Entlastung weggeschrumpft. In der Pflege-Übergabe heisst es dann: «Zimmer 560 nichts, 561 nichts, 562 nichts, 563 nichts». Im Zweifel kann man ja nachschauen.

Der Mensch dahinter, mit seinen individuellen Bedürfnissen, wird blutleer und nur noch verwaltet.

Vernetzte Programme sind längst keine Vision mehr. Ihre Umsetzung läuft bereits. Datenvernetzung in der Medizin und Pflege ist wichtig.

Ohne den Menschen im Mittelpunkt impliziert sie aber, dass es zu kostenintensiv und daher nichtig ist, sich mit einer Materie neu vertraut zu machen, Zusammenhänge zu durchdenken, ein intensives Gespräch auf Augenhöhe zu führen, gefasste Entscheidungen neu zu hinterfragen, einen authentischen, vertrauensvollen Händedruck zu geben.

Man hält sich nicht mehr lange mit der Schaffung einer vertrauensvollen Pflegefachkraft-Patienten-Beziehung auf, ordnet vielmehr mit Tempo und quasi-effektiv den Menschen ein.

Alles geht schneller. Da die Akte nichts vergisst, wird der Patient und Pflegebedürftige schnell kategorisiert (als Datei abgelegt), auch wenn die Ersteinschätzung vielleicht eine falsche ist. Mit oft fatalen Folgen. 

Wenn die Symptome des Patienten sich nicht an das Lehrbuch halten, der Norovirus ohne Durchfall einhergeht, oder die Thrombose den Arm heimsucht und nicht das Bein, dann muss ich trotz falsch gefasster Einordnung noch in der Lage sein, die Daten erst in meinem Kopf und dann im digitalen System zu ändern. Aber es beginnt schon im Kleinen: Wenn die Salbe an der falschen Stelle eingerieben wird, weil man die Verwunderung des Patienten übersieht und nicht mit ihm kommuniziert.Oder wenn ein Patient fast an einer Sepsis stirbt, weil man die Eigenbewertung seiner Situation nicht ernst genug genommen hat. – Alles so geschehene und gesehene Beispiele.

Menschen sterben täglich auf diese Weise völlig unnötig. Entscheidungen in Pflege und Medizin werden daher weiterhin durch die Art und Weise der Kommunikation getroffen, trotz Digitalisierung.

Unter Bedingungen weiterer Arbeitsverdichtung und Bedeutungsverkürzung wird die menschliche Anfälligkeit, Fehler zu machen, mit digitaler Hilfe zu- und nicht abnehmen

Und wie steht es mit dem Gewinn an Zeit? Die digitale Vernetzung ermöglicht, dass noch mehr Patienten durchgeschleust und mehr Pflegebedürftige auf eine Fachkraft in der Altenpflege umgelegt werden können – bei weiter steigenden Gewinnen in der Gesundheitsindustrie.

Digitalisierung kann vielmehr ein Mittel zu weiterer Arbeitsverdichtung und zur Senkung der Personalkosten werden, weil das Pflegepersonal noch immer nicht als wesentliche Ressource gesehen wird. Wird nicht ausreichend gegengesteuert, haben wir am Ende nur wenige Nutzniesser.

Aber das eigentlich gefährliche ist: Lange Zeit grub sich die ökonomische Leitidee als stiller, verbindlicher Konsens in die Mitarbeiterschaft – bis zur Selbstaufgabe. Lange war es unschicklich, optimale Pflege auch nur zu wollen, geschweige denn zu leben.

Emotionen waren da eher Störfaktoren und ein verstärktes Engagement in der Pflege strukturell durch die Arbeitsbedingungen und informell durch Mobbing und Bossing (Hierarchie) wegrationalisiert.

Es wurde jahrelang entwertet, was Pflege in ihrem Kern ausmacht, und am Selbstbewusstsein der Pflege gekratzt.

Nun kochen vielerorts die Gemüter hoch für eine andere Pflege. Denn das, was den Beruf wertvoll macht und immer machen wird, ist der entfesselten Gier weniger zum Opfer gefallen.

Und wo bleibt die professionelle Distanz? Im Grunde verhält es sich mit ihr und dem professionellen Umgang mit Emotionen so, wie mit einem guten Seefahrer:

Die Überfahrt gelingt, wenn ich erfahren bin und mich selbst, das Meer, seine Gefahren, die Sterne, das Schiff, die Mannschaft, die Weltkarte und alle Zusammenhänge dazwischen kenne. Dann kann mich die Digitalisierung darin unterstützen, meine empathischen, sozialen, kognitiven und praktischen Fähigkeiten sinnvoll zu erweitern. 

erschienen: 30.01.2018

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