Demenzdorf

Wohlbehütet im Grünen

Einstöckige Gebäude und viel Freiraum für die Bewohnerinnen und Bewohner: Das Seniorenzentrum Süssendell.
Einstöckige Gebäude und viel Freiraum für die Bewohnerinnen und Bewohner: Das Seniorenzentrum Süssendell. Bild Rainer Kwiotek

Bloss nicht zur Untätigkeit verdammen! Die Bewohner von Süssendell sind allesamt demenzkrank und leben mitten im Wald – behütet und beschäftigt.

Von Uschi Entenmann

Was für eine paradiesische Stille! Nichts zu hören ausser Vogelzwitschern und Bienensummen auf dieser Lichtung mitten im Wald. Fünf einstöckige Häuser, grün, blau, rot, orange und gelb gestrichen, rahmen den Platz. Eine Idylle wie aus dem Bilderbuch, die plötzlich durch eine herrische Stimme gestört wird. 

«Raus hier!», dröhnt es aus Haus 4. Die Stimme gehört Frau Kemmerich, die sich wieder einmal veranlasst sieht, einem Eindringling aus Zimmer 13 die Tür zu weisen.

Dort nämlich wohnt Herr Schenk, den sie vor einem dreiviertel Jahr in dieser Einrichtung für demenzkranke Menschen kennen gelernt hat und seitdem kaum noch aus den Augen lässt. Er isst zu wenig, findet sie, und er schläft zu viel. Immer wieder sagt sie ihm das und er vergisst es wieder. Dafür vergisst sie, dass sie’ s ihm immer wieder gesagt hat. 

Betriebsleiterin Nicole Mehr.
Betriebsleiterin Nicole Mehr. Bild Rainer Kwiotek

Grad’ jetzt hat er sich wieder hingelegt. Doch als sie nach ihm schauen will, kommt Frau Stein hinterher. Was bitteschön will die denn hier? «Du gehst jetzt aber mal raus», herrscht sie die alte Dame an. 

Zum Glück taucht Pflegedienstleiter Klas Bauer auf und schiebt, ebenso sanft wie beherzt, beide Frauen zur Tür hinaus. «Lassen wir doch Herrn Schenk seinen Mittagschlaf.» 

Der liegt im Bett, hat die Augen zwar geöffnet, rührt sich aber nicht. Dabei lädt seine Garderobe geradezu zum Ausgehen ein: elegante Hüte, teure Mäntel, massgeschneiderte Jacketts, Gehstöcke mit Silberknauf, alles penibel in einer Reihe. Ja, er war ein feiner Herr, Chef eines Unternehmens und sogar Konsul für irgendein Land. 

Welches, das weiss er nicht mehr. Ist auch nicht mehr wichtig im Seniorenzentrum Süssendell, in dem er jetzt lebt. Es liegt in der Eiffel, nahe Aachen. Die Arbeiterwohlfahrt (AWO) hat es im Frühjahr 2016 eröffnet und seitdem leitet Nicole Mehr, 40, das Demenzdorf. 

«Bitte nicht so nennen!», sagt die flinke, rührige Frau. Der Begriff Demenzdorf gefällt ihr nicht. «Es gibt ja auch kein Parkinsondorf oder ein Krebsdorf oder Multiplesklerosedorf!» Menschen auf ihre Krankheit zu reduzieren, sei nicht in Ordnung. 

«Wir sind eine Dorfgemeinschaft für Menschen mit Demenz»

erklärt Nicole Mehr und führt über den Dorfplatz mit seinen bunt lackierten Bänken, Sesseln und Tischen zu den fünf Wohnhäusern, in denen jeweils sechzehn Menschen mit leichter, mittlerer und schwerer Demenz leben.

Zusammen mit Mitarbeitern der Verwaltung, den Hauswirtschafts- und Pflegekräften kümmern sich in Süssendell siebzig Mitarbeiter um achtzig Bewohner.

Süssendell

Das im März 2016 entstandene AWO Seniorenzentrum Süssendell befindet sich auf einem weitläufigen Gelände von ca. 1,5 Hektaren mit einer bebauten Fläche von etwa 12.000 Quadratmetern. Das Zentrum bildet der Dorfplatz. Dort befinden sich ein Werkhof mit verschiedenen Räumen, Atrium und Anschluss an eine Gärtnerei sowie eine Schneiderei, ein "kleines Lädchen" und ein Andachtsraum. Weiter sind hier das Wellness-Pflegebad, die Wäscherei und die Verwaltung untergebracht. Dieser Platz ist Ort der Aktivität und Orientierung, hier strukturiert sich rhythmisch der Tages-, Wochen- und Jahresverlauf.

Als die AWO das Dorf in Süssendell plante, hatte sich Nicole Mehr sofort beworben. «Das Konzept, dass demenzkranke Menschen ein selbstbestimmtes Leben führten sollen, gefiel mir.» Nicht zuletzt, weil viele von ihnen noch so gut unterwegs sind, dass es lieblos wäre, sie zur Untätigkeit zu verdammen.

«Bewohner, die noch fit sind, fragen wir, ob sie mit anfassen möchten». Dazu gehört, den Tisch zu decken, zu kochen, abzuwaschen oder Wäsche zusammenzulegen. «Wer sein Leben lang für andere gesorgt hat, kann das auch bei uns tun», erklärt sie.

Jedes Haus hat eine eigene Küche und Mitarbeiter, die den Bewohnern dabei zur Hand gehen. Andererseits muss sich keiner verpflichtet fühlen, etwas zu leisten. Wer hier lebt, muss nichts mehr können und tun. «Manche sagen, das hab’ ich mein Leben lang getan, jetzt hab’ ich keine Lust mehr dazu.» 

Es gibt ohnehin wenig Regeln für die Bewohner, auch keine festen Besuchszeiten. Angehörige und Freunde dürfen zu jeder Tageszeit kommen, selbst die Essenszeiten sind flexibel. «Mittagessen ist von zwölf bis zwei, aber wer erst um vier Uhr kommt, kriegt sein Essen halt dann.» Wer spätabends Appetit hat, darf sich aus dem Kühlschrank bedienen.

Wer nicht schlafen kann, geht spazieren oder döst auf dem Sofa des Wohnzimmers. Frau Kemmerich zieht es in solchen Fällen allerdings vor, Herrn Schenk zu besuchen. Schön, dass in Süssendell jeder ein eigenes Zimmer hat. 

Oder?

«Nein!», protestiert die Einrichtungsleiterin und zieht die Stirn in Falten. «Das ist ein echter Nachteil, aber leider Gesetz.» 

Forsch geht sie voran, klopft nacheinander an vier Türen. «Schauen Sie!» Keiner der Bewohner ist in seinem Zimmer. «Wir wollten keine Einzelzimmer», ruft sie, «weder die Geschäftsleitung noch ich, nicht einmal der Architekt.» 

In Nordrhein-Westfalen gilt, dass jede Einrichtung, die neu gebaut wird, nur noch Einzelzimmer haben darf. Eine Katastrophe, findet die Heimleiterin.

«Wer Erfahrung mit demenzkranken Menschen hat, weiss, dass sie vereinsamen, wenn sie nicht mehr mobil genug sind, aus dem Zimmer zu gehen, dahin, wo die anderen sind. Wer möchte schon allein sein.» 

Vor allem schwer demenzkranke Menschen brauchten Nähe und Zuwendung. Einzelzimmer vorzuschreiben, wie das manche Bundesländer tun, wohin soll das führen? Ein Mensch mit schwerster Demenz kann nicht einmal mehr einen Klingelknopf drücken, wenn er Hilfe braucht.

Wer Angst hat, wird nicht allein gelassen.
Wer Angst hat, wird nicht allein gelassen. Bild Rainer Kwiotek

«Aber wir lösen das Problem kreativ», sagt sie und lächelt verschmitzt. Wer noch gehen kann, ist ohnehin kaum im Zimmer. «Die anderen schieben wir in ihren Betten ins Wohnzimmer oder auf die Terrasse.» Dort sind sie beieinander und werden ruhiger, sie entspannen sich. Nicht nur tagsüber. «Wer Angst vor dem Alleinsein hat, den lassen wir auch nachts nicht allein.» 

Inzwischen hat sich Frau Kemmerich bei einer Tasse Kaffee und einem Stück Käsekuchen beruhigt. Ihre Zimmernachbarin hat ihn gebacken, mit Unterstützung der Hauswirtschaftshilfe. Jetzt spaziert sie um die Häuser. Wirft einen Blick in den kleinen Laden auf dem Dorfplatz, der mit Obst und Gemüse bestückt ist, mit Hautcremes und Shampoo.

Die Tür steht offen, Frau Stein prüft, auf ihren Rollator gestützt, das Angebot und greift schliesslich nach einem Apfel. Auf einer Bank vor dem Kaninchengehege lächelt sie selig die Tierchen an und vergisst den Apfel, als sie zu dem Gartentisch geht, wo sich ein paar Damen um Pflegerin Iwona scharen, die heute manikürt. Mittwoch ist Hand & Beauty-Tag. Iwona verwöhnt die Damen, feilt, poliert, lackiert.  

Der kleine Laden auf dem Dorfplatz.
Der kleine Laden auf dem Dorfplatz. Bild Rainer Kwiotek

Frau Kemmerich hält das für Firlefanz und neben Frau Stein möchte sie ohnehin nicht sitzen. Sie wirft nur einen flüchtigen Blick auf die Geranien, Margeriten und Veilchen, die zwischen den Häusern blühen. Ebenso auf die Zucchinis und Tomatenstauden in den Hochbeeten dazwischen. Dafür beugt sich ein alter Herr im Rollstuhl darüber und wühlt mit den Händen in der Erde. 

«Herr Grus ist vor vier Monaten bei uns eingezogen», erzählt Nicole Mehr. Davor lebte er im dritten Stock eines Heimes und versuchte jeden Tag, im Rollstuhl die Treppe runterzufahren. Er war es ja gewöhnt, nach seinen Beeten zu schauen, auf denen er jahrzehntelang Gemüse angebaut hatte. Wie daheim wollte er giessen, harken und Tomatentriebe auszupfen. 

Seitdem er in Süssendell gefahrlos aus dem Haus zu den Beeten rollen kann, wirkt er zufrieden. Alle Häuser hier haben nur eine Etage. Ob Büros, Wäscherei, Andachtsraum, Werkstatt oder Gärtnerei, überall sollen die Bewohner eintreten können und sich willkommen fühlen. 

Frau Kemmerich schert sich nicht darum, auch nicht um den Wellnesbereich mit seiner kippbaren Badewanne und dem Friseursalon, in dem jeden Dienstag eine Friseurin die Silberscheitel der Bewohner in Fasson bringt. Zielstrebig steuert sie Haus 4 an, wo Pflegedienstleiter Klas Bauer ahnt, was sie vorhat.

In der Fallbesprechung am Morgen drehte es sich auch darum, dass sie Herrn Schenk zu sehr bevormundet. Vielleicht ein Grund dafür, dass er innerhalb weniger Monate ein paar Kilo abgenommen hat. 

Kippbare Badewanne im Wellnessbereich.
Kippbare Badewanne im Wellnessbereich. Bild Rainer Kwiotek

Jede Woche finden in den einzelnen Häusern Fallbesprechungen statt. Pfleger sind dabei, Therapeuten, eine Hauswirtschaftshilfe. Wem geht es besonders gut, wem gar nicht? Wer wirkt gestresst, wer verweigert das Essen und Trinken, wer liegt im Sterben?

Oder wie soll man mit dem Ehepaar umgehen, das gemeinsam hier wohnt, aber nun hat sich der Mann in eine andere Bewohnerin verliebt? Wie kann man Frau Stein helfen, die ein wenig einsam ist. Und wie schätzen wir das zweite Liebespaar ein. Ist keiner von ihnen überfordert, sind beide glücklich?

Denn Frau Kemmerich und Herr Schenk sind nicht das einzige Paar in Süssendell. «Wir mögen es , wenn sich Freundschaften und Liebesbeziehungen bilden», sagt die Heimleiterin und blickt Frau Kuhnle und Herrn Scheller hinterher, die Arm in Arm über den Dorfplatz spazieren.

Nicole Mehr lächelt. «Sie  trinken jetzt ein Glas Wein», sagt sie. «Danach gehen sie vermutlich ins Zimmer von Herrn Scheller und hängen von aussen eine Socke über die Türklinke.» Was soviel heisst wie: Bitte nicht stören. 

Frau Kuhnle war 59, als ihr Mann starb. Als sich nach elf Jahren zeigte, dass sie sich allein nicht mehr zurechtfand, zog sie im Frühjahr 2016 in Süssendell ein. «In ihrem Zimmer stand ein Strauß Margariten», erinnert sich ihr Sohn Markus. «Und eine Pflegerin blieb bei ihr, bis sie sich zurechtfand.» 

Bei manchen Ankömmlingen  dauert es nur ein paar Stunden bis sie sich eingewöhnt haben, andere brauchen mehrere Tage, bis sie sich heimisch fühlen.

Bei Frau Kuhnle ging es sehr schnell, denn sie traf Herrn Scheller. 

«Das war mein Chemielehrer», erinnert sich der Sohn. «Zwischen den beiden hatte es gefunkt. Als ich das nächste Mal kam, sah ich sie eingehakt spazieren gehen. Ich hab’ den Eindruck, es tut ihr gut.»

Meistens sind Töchter und Söhne einverstanden, wenn die Mutter oder der Vater im Heim einen Partner findet. «Weil die Angehörigen spüren, dass es ihnen hilft», sagt Klas Bauer, Pflegedienstleiter des Heims. 

Es gibt allerdings Fälle, in denen ungewöhnliche Dienste beansprucht werden. Zum Beispiel bei Herrn Geiger, ein Mann Anfang 30, der seit einem schweren Fahrradunfall, bei dem er keinen Helm trug, bis zur Hüfte gelähmt und kognitiv eingeschränkt ist.

Er fällt dadurch auf, dass er Pflegerinnen anmachen möchte und offensichtlich unter seiner Bewegungsunfähigkeit leidet, die ihm nicht erlaubt, sich selbst zu befriedigen. Also beauftragt die Heimleitung einmal im Monat eine sogenannte Berührerin. Bezahlt wird diese Sexualtherapeutin von der Mutter des Herrn Geiger.

Bild Rainer Kwiotek

Nicht nur er, sondern jede und jeder in Süssendell darf sich nach eigener Fasson ausleben. Tagsüber stehen alle Türen offen, nur am Rand einer Böschung und dem Teich schirmt ein Zaun das Gelände ab. Überall sonst können die Bewohner in den Wald spazieren. Und manchmal tun sie das auch.

«Nicht oft», sagt Nicole Mehr. «Den meisten genügt unser Dorfplatz mit dem Kaninchengehege, den Sitzgruppen, dem Laden oder dem Barfusspfad, auf dem man über Steinchen, Sand und Rindenmulch spazieren kann.»

Sieben oder acht Bewohner haben diesen Bewegungsdrang, der typisch für ein frühes Stadium der Demenz ist und sie manchmal in den Wald marschieren lässt. Kein Problem für die Heimleitung, die ihre potenziellen Ausreißer vorsorglich mit GPS-Trackern ausgerüstet hat.

Mit den knopfgroßen Sendern im Armband sind sie schnell zu orten. Mit den Angehörigen oder Betreuern ist das abgesprochen. Die Erfahrung zeigt, dass sie auf den Wegen bleiben, weil sie sich nicht durch Gestrüpp oder Unterholz arbeiten wollen.

Oft ist es nicht einmal nötig, einen Suchtrupp auszuschicken, es kommt vor, dass Leute aus dem benachbarten Mausbach von ihren Spaziergängen einen Heimbewohner zurückbringen. 

«Die Mausbacher kennen uns», sagt Nicola Mehr. «Sie sind ja auch zum Lampionfest eingeladen und zum Weihnachtsmarkt, wenn alle gemeinsam Weihnachtslieder singen und bald nicht mehr klar ist, wer Heimbewohner, Angehöriger oder Besucher ist.»

So gesehen lebt es sich in Süssendell wie in einem richtigen Dorf, wobei den Bewohnern niemals und nirgendwo eine scheinbar heile Welt vorgegaukelt wird.

Das ist in dem holländischen Demenzdorf Hogewey anders. In dieser abgeschotteten Siedlung am Stadtrand von Amsterdam soll nichts an ein Heim erinnern. Sie ist nichts anderes als eine Kulisse, die mit lebensecht arrangierten Supermärkten, Cafés, Läden und einem Theater die Illusion einer alltäglichen Normalität vermitteln soll.

Ein Alzheimer-Dorf in Holland. Quelle: SRF 2010

 

In Deutschland gibt es bisher zwei Demenzdörfer, das erste entstand 2014 am Stadtrand von Hameln, das zweite ist Süssendell, wo sich Nicole Mehr entschieden gegen diese Scheinwelten für ihre Schützlinge wehrt. 

«Wir haben solche Attrappen nicht. Das wäre Fake. Auch wir wünschen uns weitgehende Normalität für unsere Bewohner. Aber wir tricksen sie nicht aus.» 

Ein bisschen Schwindeln ist dagegen hin und wieder erlaubt, manchmal sogar geboten, findet Suzanne Buschmann, die die Häuser 2 und 3 leitet.

«Es ist ja mehr ein Ablenken. Wenn die alte Frau Stein nach ihrer Mama fragt, sag ich ihr: Die ist einkaufen gegangen und kommt ein bisschen später. Dann ist Frau Stein zufrieden.» Ein wenig Zufriedenheit hätten Menschen wie sie doch verdient, wenn sie ihr Leben lang gearbeitet und Kinder groß gezogen haben. «Jetzt sind sie krank und haben Anspruch auf eine respektvolle Behandlung.» 

Vom Techniker, von der Bürokraft, von jedem, der in Süssendell arbeitet, erwartet Nicole Mehr diesen Respekt gegenüber den Bewohnern. Auch Geduld, Umgang auf Augenhöhe und Verständnis. In Süssendell gibt es deshalb keine «Hausordnung», sondern eine «Haus-Unordnung». Für alle Mitarbeiter, Besucher und Angehörige.

«Weil jeder in seinem Verhalten akzeptiert werden muss. Auch wenn das nicht einfach ist, ist es unumgänglich», erklärt Nicole Mehr. Viele Störungen seien denkbar. Wenn die Bewohner laut singen, brummen oder den Frauen untern Rock fassen. Wenn sie kramen, verlegen oder sammeln. Wenn einer seine Prothese im Suppenteller des Nachbarn versenkt. Oder eine Bewohnerin sich in ein Bett im anderen Haus legt.

Keiner soll vor verschlossenen Türen stehen, jeder darf streiten, das Chaos ist normal. Auch wenn es manchmal schwer auszuhalten ist.

Jeder Pflegekraft in Süssendell stehen Workshops und Fortbildungen zu. Die so genannte Validation gehört dazu, eine Form der Kommunikation, mit der auch noch stark desorientierte Menschen erreicht und sogar aktiviert werden können.

Oder auch die Basale Stimulation, die bei schwer demenzkranken Patienten angewandt wird. Durch feinfühlige Berührungen und Lockerungsübingen spricht sie alle fünf Sinne an, um auch einen Körper, den der Patient nicht mehr wahrnehmen kann, wieder zu spüren. Nehmen die Pflegenden das Ausbildungs-Angebot wahr? Nicole Mehr: «Schon, ja. Aber ich erwarte das auch.»  

Das Café Beate.
Das Café Beate. Bild Rainer Kwiotek

Es wird Abend. Frau Schildt geht nervös um die Häuser, dreht eine Runde um die andere, bis sie Ihren Mann erblickt, der aus dem Auto steigt und sie umarmt. 

Frau Schildt gehört mit ihren 59 Jahren zu den jüngsten Bewohnern von Süssendell. Vor fünf Jahren wurde Demenz bei ihr diagnostiziert, einige Zeit konnten ihr Mann und die beiden Söhne sie noch zuhause in Köln betreuen, dann ging nichts mehr.

Sie litt unter Angstzuständen und Wahnvorstellungen, die sich so sehr steigerten, dass die Familie an der Uniklinik Köln nach Heimen fragte, in denen sie besser aufgehoben wäre, als zu Hause. Es sollte die beste Einrichtung sein, nahezu egal, was sie kosten würde. 

«Ich sah sie mir alle an», sagt  Ehemann Schildt, «darunter das Sanatorium Itzel in Bonn, eine grossherrschaftliche Villa in einem Park.» Aber den durften die Bewohner nur in Begleitung einer Pflegekraft betreten, mit der Folge, dass keine Menschenseele im Park zu sehen war.

Eine andere Einrichtung namens «Pro 8» in Aachen beherbergte Demenzkranke und psychisch Kranke unter einem Dach. «Es war furchtbar laut da drin und alle Türen waren abgeschlossen». Also klapperte er Altenheime ab, «mit Grünflächen, so klein wie ein Badehandtuch. Meine Frau ist sportlich, sie muss sich bewegen, möchte laufen.» 

Erst als er mit beiden Söhnen mitten im Wald das Dorf Süssendell entdeckte, schöpfte er Hoffnung. «Wir hatten gleich ein gutes Gefühl und das hat uns nicht getäuscht.»

Ein Vierteljahr ist sie jetzt da und geht nicht nur spazieren, sondern auch auf den Waldwegen joggen. Pflegekraft Anke hat sich ihr angeschlossen, und merkte bald, dass sie mit Frau Schildt nicht mithalten konnte. Deshalb trainierte sie in einer Laufgruppe und erntete Lob von Frau Schildt. Dafür zeigt sie Frau Schildt den Weg aus dem Wald zurück ins Heim. 

Dort sitzen Frau Kemmerich und Herr Schenk im milden Abendlicht, Händchen haltend auf der Bank. 

«Am Sonntag ist wieder Musik auf dem Dorfplatz», sagt Nicole Mehr. «Werden Sie dabei sein und tanzen?» Statt einer Antwort strahlt Frau Kemmerich ihren Herrn Schenk an und drückt die Hand ihres Liebsten.

 

Nachtrag: Die Grenzen der Freiheit

Am Abend des 14. Septembers beschloss eine 85-jährige Bewohnerin des Seniorenzentrums Süssendell, einen Spaziergang zu machen. Nach zwanzig Minuten wurde ihr Verschwinden bemerkt, weitere zehn Minuten später schaltete sich die Polizei ein, die mit einer Hundestaffel den umliegenden Wald durchsuchte. Doch erst am nächsten Morgen wurde die stark unterkühlte Frau gefunden und ins Krankenhaus gebracht, wo sie noch am selben Tag starb.

Der Fall provoziert Fragen. Seit der Eröffnung des Heims im Frühjahr 2016 ist die Polizei in fünf ähnlichen Fällen ausgerückt. Jedes Mal mit einem guten Ende. Die Bewohner waren schnell gefunden. Potenzielle Ausreisser rüstet das Heim mit GPS Sendern aus, die ihre Position orten. In einigen Fällen haben Bürger aus dem benachbarten Dorf Mausbach desorientierte demenzkranke Menschen zurück gebracht.

Seit dem Tod der verwirrten alten Dame kommt die Frage auf, warum kein Zaun um das Heimgelände herum solche Gefahren von vorneherein abschirmt.

Die Rechtslage in Deutschland würde es nicht erlauben. Sie besagt, dass nur geschlossene Einrichtungen einzuzäunen seien, wenn eine mögliche «Selbst- oder Fremdgefährdung aufgrund psychischer Krankheit» vorliegt. Für eine solche «freiheitsentziehende Massnahme» braucht es eine richterliche Genehmigung.         

Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft zitiert ein Urteil des Amtsgerichts Frankfurt aus dem Jahr 2012. Darin heisst es, dass eine freiheitsentziehende Massnahme nur dann erteilt werden darf, wenn keine milderen Mittel zur Verfügung stehen.

Darüber hinaus müsse eine ernsthafte und konkrete Gefahr für Leib und Leben des Betreuten bestehen. Entscheidend sei, wie sich die Massnahme auf die betroffene Person auswirke, in welchem Ausmass sie als Einschränkung einer verbliebenen Lebensqualität empfunden werde. Man müsse abwägen. Manchmal gehe Freiheit über Sicherheit.

Das Seniorenzentrum Süssendell ist keine geschlossene Einrichtung. Weil die alte Dame zuvor keine Tendenz gezeigt hatte, wegzugehen, trug sie auch keinen GPS-Sender.

Sehr entschieden setzt sich Heimleiterin Nicole Mehr für das Freiheitsprinzip ein: «Wir wollen keinen Zaun. Wir sagen klar, der Mensch hat das Recht, soweit möglich selbstbestimmt zu leben. Wenn er sich nicht mehr orientieren kann, beraten wir ihn und seine Angehörigen. Und wenn sie einverstanden sind, statten wir ihn mit einem GPS-Sender aus.»

Aber nun würden zusätzliche Sicherheitsmassnahmen getroffen. Wo Wege auf die Zufahrtstrasse und in den Wald führen, werden sogenannte Induktionsschleifen eingebaut, die signalisieren, wenn sie ein Heimbewohner passiert.

«Aber eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht», betont die Heimleiterin. «Wir stehen zu unserem Konzept und zu unserem Standort.»

erschienen: 13.09.2017

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