Betreuung im Wohnhaus

Ferien für Betroffene und Auszeit für Angehörige

Ursula Wieser in ihrem Vorgarten in Grüningen (ZH).
Ursula Wieser in ihrem Vorgarten in Grüningen (ZH). Bild PD

Die Gerontologin Ursula Wieser bietet Ferienplätze für Menschen mit Demenz an – im eigenen Wohnhaus mit wildem Biogarten. B21 heisst ihre Ferienstätte, die bei Betroffenen und Angehörigen gut ankommt.

Von Petra Schanz

Gross steht «B21» am Briefkasten. Sonst weist nichts darauf hin, dass sich in dem unauffälligen Einfamilienhaus in Grüningen bei Zürich eine Ferienstätte für Menschen mit Demenz befindet. Aus dem sorgfältig geflochtenen Weidezaun fliegen die Vögel davon, wenn man den Garten Richtung Haustür durchquert, vorbei an Tomatensträuchern und wilden Kräutern.

Wer den mit einem Sofa eingerichteten und mit Kürbissen geschmückten Windfang betritt, ist schon mittendrin in Ursula Wiesers Institution. Die Haustür steht weit offen und ein Feriengast tritt durch die Tür, grüsst und macht sich sogleich auf die Suche nach der Leiterin.

Das B21 gibt es seit gut einem Jahr. «Im August 2016 hatte ich meinen ersten Gast», erzählt Ursula Wieser. Die Gerontologin liebäugelte schon lange mit dieser Idee. Sie habe einen angeborenen Trieb zur Selbstständigkeit, sagt sie, die in einem KMU aufgewachsen ist und sich danach zur Pflegefachfrau ausbilden liess.

Über 20 Jahre hatte sie danach verschiedene Stellen in Pflegeheimen, bildete sich weiter, arbeitete als Qualitätsbeauftragte, in der Bildung und als Pflegedienst- sowie Geschäftsleiterin. Vor 15 Jahren erkrankte ihre Mutter schwer und verbrachte ihre Erholungszeit bei einer Pflegefachfrau, die zusammen mit ihrem Partner entsprechende Plätze bei sich zu Hause anbot.

«Ich fand das toll und wollte ein ähnliches Angebot aufziehen», so Wieser. Sie besuchte einen Kurs, wie sie sich als Pflegefachfrau selbstständig machen könnte. Doch es kam noch nicht soweit.

Von der Kaderstelle zurück an die Basis

Später lernte sie bei der Arbeit weitere ähnlich Projekte kennen. Doch erst vor drei, vier Jahren wurde die Idee konkreter. «Ich war nicht mehr zufrieden mit meinen Arbeitsstellen», sagt sie, «sie waren einseitig, und der Spardruck und die allgemeine Entwicklung gefielen mir gar nicht.» Am liebsten wollte sie ihr Wissen wieder an der Basis einbringen.

«Ich bin eine Macherin und dieses Träge – zum Beispiel diese unendlich vielen Sitzungen –, das eine Kaderstelle mit sich bringt, machte mir schon immer zu schaffen.» Wieser wollte wieder direkt mit Betroffenen arbeiten. Aber nicht ausschliesslich.

Die Ferienstätte B21 für Menschen mit Demenz.
Die Ferienstätte B21 für Menschen mit Demenz. Bild PD

Sie wollte einen Betrieb führen, die Leitung übernehmen. Sie interessierte sich für Neurologie. Und sie wollte in die Welt von Menschen mit Demenz eintauchen. «Sie faszinieren mich», so Wieser. Und dann war da das zweistöckige Haus, in dem Ursula Wieser mit ihrem Partner wohnt. «Ich musste einfach ausprobieren, ob das geht oder nicht», sagt sie.

Es ging. Doch die Gäste kamen am Anfang nicht von allein. Ursula Wieser klopfte bei Memorykliniken an, bei Sozialdiensten von Spitälern und beim Dienstleistungszentrum der Pro Senectute. Der Aufwand lohnte sich.

Seit März kommt eine Frau regelmässig eine halbe Woche lang. Seit diesem Sommer sind die zwei Plätze fast durchgehend belegt. Daneben gäbe es noch Kapazität für einen Tagesgast. Und durch Mund-zu-Mund-Propaganda häufen sich die Anfragen.

Ehrliche Informationen sind zentral

Eigentlich braucht eine Einrichtung wie diejenige von Ursula Wieser erst ab sechs Betten eine Bewilligung. Da sie aber von der Krankenkasse anerkannt sein wollte, war ein bisschen Papierkram nicht zu umgehen. Jetzt ist das B21 ein bewilligter Spitexbetrieb mit einem Betriebs- und Hygienekonzept und geprüfter Infrastruktur.

Mit der Spitexbewilligung ist es ihr erlaubt, Personal anzustellen. Das ist nötig, denn allein wäre der Aufwand nicht zu bewältigen. Zurzeit hat Ursula Wieser fünf Angestellte, die im Stundenlohn auf Abruf arbeiten, darunter Pflegefachfrauen, Ergo- und Aktivierungstherapeutinnen sowie eine Praktikantin.

Keine vergleichbaren Angebote im Kanton Zürich

Die Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich findet, dass ergänzende Angebote wie das B21 sicher interessierte Personen anspreche. Nicht zuletzt, weil in Heimen, die auch Ferienzimmer anbieten, nicht immer freie Plätze für normalerweise zu Hause betreute Menschen zu finden seien. Nach den Kenntnissen der Gesundheitsdirektion gibt es im Kanton Zürich bisher nur das B21, das Ferienplätze in diesem Rahmen für Menschen mit Demenz anbietet. Daneben gebe es aber Spitex-Institutionen, die Tagesplätze zur Entlastung der Angehörigen anbieten.Die Voraussetzungen für eine Betriebsbewilligung für eine Institution der spitalexternen Gesundheits- und Krankenpflege (Spitex-Institution) sind in einem entsprechenden Merkblatt der Gesundheitsdirektion aufgeführt und umfassen Punkte wie Infrastruktur, Personal, Schweigepflicht oder konzeptionelle Vorgaben. Die Spitex-Institutionen unterstehen der gesundheitspolizeilichen Aufsicht des Bezirksrates und der gesundheitspolizeilichen Oberaufsicht der Gesundheitsdirektion.

Wenn sie eine dauerhafte Vollbelegung erreicht, wird sie nächstes Jahr eine Lernende anstellen. Das gehört zu den Auflagen eines Spitexbetriebes. Die Nächte macht Ursula Wieser normalerweise selbst. «Einmal pro Nacht aufstehen ist für mich erträglich», sagt sie.

Derzeit übernachtet eine Mitarbeiterin im B21 und macht Pikettdienst, denn eine Bewohnerin ist nachts sehr unruhig. «Eigentlich geht das nicht», sagt Wieser. Sie könne nur Menschen mit beginnender oder mittlerer Demenz bei sich aufnehmen.

«Ich muss das zu Beginn sehr genau abklären, bin aber auf ehrliche Angaben der Angehörigen angewiesen.» Allerdings könne man auch nie wissen, ob Betroffene an einem fremden Ort nicht doch anders reagierten. Bisher musste Wieser nur zweimal den Aufenthalt abbrechen.

Eine Bewohnerin wollte partout nach Hause und zog immer wieder los. «Und was halt in einem Wohnquartier auch nicht geht, ist, wenn jemand draussen im Garten herumschreit», sagt Wieser. Allen anderen Gästen gefiel es.

«Pflegt man mit den Menschen einen empathischen Umgang auf Augenhöhe, funktioniert es eigentlich immer.»

Am besten sei es, wenn die Betroffenen sich das B21 selbst anschauen, sagt Wieser.

Ursula Wieser versteht sich als Bindeglied zwischen ambulanten und stationären Angeboten. «Wenn die Angehörigen ab und zu ihre Leute hierherbringen können, dann können sie sie länger zu Hause behalten.» Ihr oberstes Ziel ist es, dass die Menschen sich bei ihr wohlfühlen und eine gute Zeit haben.

Für sie ist Demenz einerseits eine degenerative Hirnleistungsstörung, andererseits hat für sie die Krankheit eine psychologische Komponente, wie alles Erleben in der Biografie eines Menschen. Ursula Wieser schenkt Gehör, wenn Menschen über Lebensthemen sprechen möchten: «Vielleicht hilft das bei der Verarbeitung gewisser Themen.»

Und ist sie nun wieder zufriedener bei der Arbeit als noch vor drei oder vier Jahren? «Der Alltag ist hier viel lustvoller als hinter einem Computer in einem Heim», sagt Ursula Wieser. Die Befriedigung sei viel höher, weil sie einerseits an der Basis arbeite, andererseits aber die Gesamtverantwortung für den Betrieb trage.

erschienen: 13.09.2017

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