Heilende Bilder

«Ein Patientenzimmer ist kein Kunstmuseum»

Studien belegen, dass die unmittelbare Umgebung den Heilungsprozess positiv beeinflusst. Die Verantwortlichen der Akutgeriatrie des Zürcher Waidspitals haben das erkannt und alle Bilder in der Abteilung durch sanfte Naturfotografien ersetzt.

Von Marcus May

In der Akutgeriatrie des Zürcher Stadtspitals Waid hingen in den Zimmern und den Gängen der Abteilung während Jahrzehnten viele Bilder aus der städtischen Kunstsammlung. Diese waren von Kunststudenten der Hochschule der Künste ausgesucht und beurteilt worden –  aus der Sicht des Künstlers und Kunstexperten. Ein falscher Ansatz, wie sich zeigte.

«Kranke Menschen können den Blick von Bildern an den Wänden kaum abwenden, sie werden Teil ihres Spitalalltags, der überschattet wird durch Krankheit und Auseinandersetzung mit dem Ungewissen», sagt Irene Bopp-Kistler, leitende Ärztin und Initiantin des Projekts «Heilende Bilder» im Stadtspital Waid.

Oft seien sie von Patienten oder deren Angehörigen gebeten worden, ein Bild von der Wand zu nehmen, es sei als störend oder gar beängstigend empfunden worden, sagt Ruth Fasol, Stationsleiterin in der Akutgeriatrie. «Ein Patient beispielsweise, der in seinem Delir unter Halluzinationen litt, sah in einem Bild wilde Stiere mit spitzen Hörnern.» Bei einer anderen Patientin habe ein Bild gar ein Delir ausgelöst.

Es zeigte sich, dass abstrakte Bilder mit unklaren Aussagen Verwirrungszustände verstärken, Angst auslösen und sich negativ auf die Emotionen auswirken.

«Es ist eine bekannte Tatsache, dass im Zustand einer Demenz oder eines Delirs Vieles als Bedrohung empfunden wird», ergänzt Ruth Fasol.

Also beschloss man, die Bilder der städtischen Sammlung nach und nach mit neuen, erfrischenden und sanften Fotografien zu ersetzen. Zu diesem Zweck wurde eine Projektgruppe aus Ärzten, Pflegerinnen und Fotografen gebildet, die einen Massnahmekatalog erarbeitete.

Ruedi Frey, dessen Mutter an einer Demenz leidet, war Teil des Projekts. «Bei solchen Bildern steht das Konzept des Künstlers nicht im Vordergrund, viel wichtiger ist die Rezeption des Betrachters», betont der 59-jährige Fotograf.

Folgende Kriterien wurden von der Gruppe entwickelt, um eine Auswahl bestimmen zu können:

  • Bilder sollen das Auge erfreuen und das Herz erwärmen
  • konkrete Darstellungen statt abstrakte Interpretationen
  • eindeutig positive Bildaussagen
  • keine bedrohlichen oder erschreckenden Bildgegenstände (Test: Augen zukneifen und Assoziationen spielen lassen)
  • eine natürliche Farbgebung, keine Verfälschungen, schwarz-weiss Bilder vermeiden
  • keine Collagen, keine Verfremdungen

«Im Idealfall sollen positive Erlebnisse und angenehme Erinnerungen ausgelöst werden», sagt Frey. Das habe nichts mit einer beliebigen Gefälligkeit zu tun, es gehe schlicht ums Positive.

Inzwischen sind alle Bilder ausgetauscht worden und haben zu einem Nachfolgeprojekt geführt: Das Stadtspital Waid gibt jedes Jahr einen Fotokalender heraus.

 

Die gezeigten Bilder sind nur eine Auswahl. Auf Ruedi Freys Website finden sich noch weitere.

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