Glosse

Die Memory Clinic brauchts noch lange

Zürich schien vergangene Woche Demenzhauptstadt zu sein. Zugegeben, Wien und Berlin waren auch ein wenig daran beteiligt.

Von Marcus May

Zum einen war da der Jubiläumsanlass im Zürcher Stadtspital Waid: Die Memory Clinic feierte ihren 20-jährigen Geburtstag. Viele Menschen mit Rang und Namen und solche mit ihren eigenen Geschichten versammelten sich im Kongressraum des Stadtspitals. Irene Bopp-Kistler und Brigitte Rüegger-Frey, Pionierinnen, treibende Kräfte und Herz der Memory Clinic, waren die zentralen Figuren.

Mit Witz und Schalk, Leidenschaft und Demut führten sie die paar hundert Anwesenden durch das Jubiläum. Zu Wort kamen Betreuerinnen und Ärzte, Betroffene und Angehörige. Es war ein würdiger Anlass. 

Geblieben ist mir die Aussage von Frau Dr. Bopp, es sähe ganz danach aus, als würde es die Memory Clinic auch in 20 Jahren noch brauchen. Die Wartelisten würden nicht kürzer werden, im Gegenteil. Die Misserfolge in der Forschung, die gerade erst vor Kurzem wieder für negative Schlagzeilen gesorgt hätten, seien Indiz genug.

Symbolisch dafür war das Geschenk, das Frau Bopp erhielt: ein Gingko-Bäumchen. Dies sei nun die Mutterpflanze für eine Plantage in der Memory Clinic, bedankte sie sich lachend, übers ganze Gesicht strahlend. (Eine liebe Bekannte, 80-jährig, raunte mir darauf ins Ohr: «da bräuchte es aber auch ein Feld mit Balsam-Sträuchern für die vielen Angehörigen….».)

Zum anderen dies: Just am nächsten Morgen trug der erste Post, der mir auf Facebook entgegen sprang, folgende Headline: «Forscher sagt Alzheimer den Kampf an». Diese Worte stammen von Professor Roger Nitsch vom Institut für Regenerative Medizin der Universität Zürich. Gepostet von einem Berliner Gesundsheitsportal, geäussert in Wien anlässlich des Alzheimer’s & Parkinson’s Diseases Congress 2017, einem Kongress notabene, den Roger Nitsch mitorganisiert hat.

Professor Nitsch gibt sich im Beitrag überzeugt, dass es nur noch ein paar Jahre dauern werde - sein neues Medikament sei auf gutem Weg. «In der Generation unserer Kinder wird es kein Alzheimer mehr geben.» Ein ’paar Jahre’ scheinen hier willkürlich dehnbar, denn im gleichen Beitrag steht, belastbare Ergebnisse einer aktuellen Phase–3 Studie des Medikaments mit 2300 Teilnehmern «werden erst in einigen Jahren erwartet.» Was denn nun?

Seis drum. Fest steht, dass es die Zürcher Memory Clinic noch viele Jahre braucht, sie wird gar wachsen müssen; selbst wenn morgen ein Zürcher Professor das Heilmittel findet. … Und ich wünsche mir, dass Professor Nitsch tatsächlich fündig wird. Natürlich nicht (nur) weil er Zürcher ist.

erschienen: 11.04.2017

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