Tipps für die Festtage

Weihnachten mit Menschen mit Demenz: Weniger ist mehr

Weihnachten ist auch ein Fest der Sinne. Zu viele sinnliche Anreize können Menschen mit Demenz aber überfordern.
Weihnachten ist auch ein Fest der Sinne. Zu viele sinnliche Anreize können Menschen mit Demenz aber überfordern. Bild PD

Menschen mit Demenz vergessen gesellschaftliche Regeln und familiäre Gepflogenheiten. Damit die Betroffenen und ihre Betreuungspersonen die Festtage trotzdem geniessen können, braucht es eine gute Vorbereitung, Flexibilität und Alternativen.

Von Martin Mühlegg

Demenzerkrankungen sind so individuell wie die Persönlichkeiten der Betroffenen. Die nachfolgenden Tipps und Anregungen sind also nicht für alle, aber für viele Betroffene geeignet. Probieren Sie etwas aus und reagieren Sie mit Flexibilität auf Gelungenes und nicht Gelungenes. Teilen Sie uns mit, wenn Sie weitere Ideen haben!

Allgemeines

  • Menschen mit Demenz verdienen Wertschätzung. Speziell an Weihnachten besteht die Gefahr, dass sie vor allem als Störfaktor wahrgenommen werden. Trotz ihrer Defizite möchten sie auch an Weihnachten Teil der Gemeinschaft sein und ihren Beitrag ans Fest leisten. Unterstützen Sie die Betroffenen dabei!
  • Die vertrauten Gerüche, Lichter, Musik usw. verzaubern über die Festtage unsere Sinne. Was für uns eine Freude ist, kann Menschen mit Demenz verwirren und überfordern. Vermeiden Sie also Überreizungen der Sinne (laute Gespräche und gleichzeitig Musik, blinkende Dekorationen usw.).
  • Finden Sie eine Balance zwischen Familientraditionen und angemessener Begleitung des Betroffenen.
  • Eine Demenzerkrankung ist für den Betroffenen und seine Angehörigen mit schweren Verlusten verbunden. Freuen Sie sich trotzdem darüber, dass Sie Weihnachten gemeinsam feiern können und sorgen Sie für eine heitere Stimmung. Tragen Sie Pannen mit Gelassenheit, Humor und Flexibilität.

Planung und Programm

  • Sprechen mit dem Betroffenen über das bevorstehende Fest. Fragen Sie ihn, worauf er sich freut und was er zum Fest beitragen kann und will. Lassen Sie ihn gewisse Aufgaben übernehmen, die er gerne macht (Baum schmücken, Tisch abräumen, Musik auswählen und auflegen, Wein öffnen usw.). Je nach seinem Zustand und seinen Fähigkeiten unterstützen Sie ihn dabei.
  • Ein Weihnachtsfest mit kurzen Intervallen entspricht eher den Bedürfnissen von Menschen mit Demenz. Ziehen Sie also die einzelnen Rituale und Programmpunkte (essen, musizieren, Geschenke auspacken etc.) nicht in die Länge.
  • Für die meisten Menschen mit Demenz bringt Bewegung Entspannung, deshalb eignet sich ein Spaziergang mit der Familie in den Wald oder auf eine kleine Anhöhe mit einer kurzen Feier sehr gut. Nehmen Sie warme Getränke, Kekse, Mandarinen und Kerzen mit. Fackeln oder ein kleines Feuer unterstützen die festliche Stimmung.
  • Halten Sie nicht am Programm fest, wenn sich der Betroffene unwohl fühlt und etwas anderes machen will. Reagieren Sie mit Flexibilität auf seinen Zustand. Lassen Sie ihn – je nach Zustand mit oder ohne Begleitung – zwischendurch aus dem Haus oder ins TV-Zimmer. Nötigen Sie ihn nicht dazu, stundenlang am Esstisch oder neben dem Christbaum zu sitzen, wenn er das nicht will.
  • Falls der Betroffene gerne Filme schaut, kann die Familie zum Weihnachtsfest gemeinsam einen passenden Film schauen.
  • Wenn der Betroffene die Vorbereitungen durcheinanderbringt oder stört, begleitet ihn jemand auf einen Spaziergang.

Betreuung

  • Informieren Sie die Familienmitglieder und Gäste vorgängig über den Zustand des Betroffenen und die Unterstützung/Begleitung, die er braucht. Ermuntern Sie die Gäste dazu, sich dem Betroffenen zu widmen – auch wenn ihm das Sprechen schwerfällt.
  • Machen Sie einen Betreuungsplan, delegieren Sie zum Bespiel stündlich eine andere Betreuungsperson – so können alle Gäste Weihnachten geniessen.
  • Die Familienmitglieder verwöhnen über die Festtage die Hauptbetreuungsperson (meist ist es der Ehepartner). Bieten Sie ihr Entlastungen in Haushalt und Betreuung an.

Ort

  • In der Regel fühlen sich Menschen mit Demenz an jenen Orten wohl, die ihnen vertraut sind. Dies gilt vor allem für unsichere und ängstliche Betroffene. Die meisten Menschen mit Demenz fühlen sich auch über die Festtage in den eigenen vier Wänden am wohlsten.
  • Enge, mit vielen Menschen und Dingen gefüllte Räume sind nicht geeignet.
  • Alte Menschen brauchen im Vergleich zu jungen die mehrfache Lichtmenge für das gleiche Sehergebnis. Bei Menschen mit Demenz ist die Wahrnehmung zusätzlich eingeschränkt. Reines Kerzenlicht und nicht ausgeleuchtete Bereiche erschweren oder verunmöglichen dem Betroffenen die Orientierung. Falls Sie nicht auf die Romantik des reinen Kerzenlichts verzichten und ihre weihnächtliche Stube nicht mit Kunstlicht ausleuchten wollen, sollten sie den Betroffenen eng begleiten und führen, solange er nicht sitzt.
  • Falls Sie das Festmahl in einem Restaurant geniessen möchten, wählen Sie ein einfaches Lokal. Oder Sie bitten vorgängig um ein einfaches Gedeck. Üppige Gourmet-Gedecke mit viel Glas, Geschirr, Besteck und Dekoration überfordern den Betroffenen.
  • In der Weihnachtsmesse setzen Sie sich mit dem Betroffenen an einen Ort, von dem aus Sie die Kirche einfach verlassen können (falls der Betroffene unruhig wird oder auf die Toilette muss).

Essen und Trinken

  • Viele Menschen mit Demenz sitzen nicht gerne stundenlang am Esstisch. Ein kurzes, einfaches Menü eignet sich daher besser als ein mehrgängiges.
  • Wenn Menschen mit Demenz am Tisch sitzen, wird oft etwas umgestossen oder ausgeleert. Heisse Pfannen (zum Beispiel Fondue) und sehr heisses Geschirr (stark vorgewärmte Teller) sollten nicht auf dem Tisch stehen.
  • Im späteren Stadium der Krankheit haben viele Menschen mit Demenz Schluckstörungen. Ist dies der Fall, sollten Sie dies bei der Menüplanung berücksichtigen (Vorsicht bei harten, trockenen Gerichten oder grossen Stücken). Helfen Sie dem Betroffenen beim Zerkleinern des Essens.
  • Bei der Vorbereitung bieten Sie der Hauptbetreuungsperson (meist ist es der Ehepartner) Hilfe an. Damit diese Person nicht alles kochen muss, bringt jeder etwas mit. Einige Gäste treffen früher ein und helfen bei den Vorbereitungen und bei der Betreuung des Betroffenen.
  • Convenience Food (Halbfertig- oder Fertiggerichte) sorgt dafür, dass es in der Küche weniger Arbeit gibt. Im Fachgeschäft gibt es qualitativ hochstehende Fertig- und Halbfertiggerichte, die auch an Weihnachten eine gute Figur machen. Das Essen kann auch bei einer Catering-Firma bestellt werden.
  • Medikamente und Alkohol vertragen sich schlecht. Achten Sie drauf, dass der Betroffene nicht zu viel trinkt.

Dekoration

  • Platzieren Sie den Christbaum so, dass darum herum genug Platz ist. Lieber einen kleinen Christbaum und etwas mehr Platz als umgekehrt.
  • Verzichten Sie auf blinkende, die Farben wechselnde und tönende Dekorationen.
  • Üben Sie Zurückhaltung mit Dekorationen. Zerbrechliches oder Heisses birgt Risiken. Wenn sich der Betroffene sehr unkoordiniert bewegt, ist es besser, auf (viele) brennenden Kerzen zu verzichten. Weniger ist mehr.
  • Verwenden Sie keine Essensattrappen (Lebensmittel-Dekorationen aus Plastik usw.).
  • Manchmal ist es besser, nichts Essbares an den Christbaum zu hängen. Menschen mit Demenz sind nämlich oft nicht mehr in der Lage, Schokoladen usw. von den Ästen zu entfernen (es besteht die Gefahr, dass sie den Christbaum umreissen). Als Alternative können Sie eine Schale mit Schokoladen, Keksen etc. neben dem Baum stellen. Seien Sie nachsichtig, wenn der Betroffene die Kugeln vom Christbaum nehmen will. Es könnte sein, dass er sie für Schokolade hält.

Die Redaktion von alzheimer.ch wünscht Ihnen und Ihren Lieben fröhliche Festtage!

erschienen: 21.12.2016

Kommentare