Wohnen im Heim

Wo Nachhaltigkeit nicht nur Energie sparen heisst

Minergie und Solarzellen erfüllen im Alterszentrum Lanzeln in Stäfa die strengsten Vorgaben. Zudem hat man auf eine flexible Bauweise gesetzt, die jederzeit einen Umbau ohne viel Aufwand zulässt. Die unkomplizierten Abläufe im Alltag sorgen für eine hohe Arbeitszufriedenheit.

Von Claudia Weiss

Elegant schmiegt sich das Alterszentrum Lanzeln in die Senke zwischen dem Ende des Bahnhofs Stäfa und dem Zürichsee. Ein schöner, moderner Bau, eine Art Klammer zwischen den verzettelten Häusern und dem See. Und mehr: In diesem Gebäude, ja im ganzen Betrieb steckt vom Boden bis zum Dach derart viel Nachhaltigkeit, dass Lanzeln von der Age-Stiftung den Age Award 2013 bekam. Dieser war aber «kein reiner Architekturpreis», wie die Stiftung in ihrem Dossier betonte. Vielmehr seien die «weichen» Faktoren berücksichtigt worden:

«Wie gelingt es dem Gebäude, eine Wohn- und Gemeinschaftskultur herzustellen? Wie unterstützt die Architektur die tägliche Arbeit der Angestellten, die Betriebsabläufe und Prozesse? Und wie gelang es den Verantwortlichen, diese Anforderungen umzusetzen?»
Ein Gang durch das Haus zeigt anschaulich: Nachhaltigkeit beschränkt sich längst nicht auf den Energieverbrauch.

Zügig schreitet Zentrumsleiterin Marie-Louise Sarraj im dritten Stock von Haus B zur Dachterrasse und deutet durch die grossen Fenster auf die anderen, tiefer liegenden Gebäudeteile: «Erdsondenheizung, Minergiebauweise, und auf die Dächer kommt demnächst eine Fotovoltaikanlage, deren Strom dann ins Gemeindenetz eingespiesen wird», zählt sie auf. Ein energiefreundliches Haus, das vor sechs Jahren den dreissigjährigen, viel zu engen und verwinkelten Altbau ersetzte und inzwischen bereits eine Menge Energie eingespart hat.

Nachhaltigkeit aus Sicht des Architekten (1)

«Architektur, in der man sich nicht wohlfühlt, fehlt ein wichtiger Aspekt der Nachhaltigkeit. Deshalb ist es uns sehr wichtig, mit dem Gebäude bei den Nutzerinnen und Nutzern auf Akzeptanz zu stossen. Mit hellen und freundliche Wohn- und Aufenthaltszonen, warmen Materialien, viel Tageslicht und ähnlichem können Orte geschaffen werden, in denen man sich gerne aufhält und mit denen man sich identifizieren will.» Marco Giuliani, CEO von Bob Gysin + Partner BGP Architekten

Sarraj hat während der jahrelangen Projekt- und Bauzeit intensiv mit dem Projektteam und dem Architekten Marco Giuliani zusammengearbeitet (siehe Box). Aus ihrer langen Tätigkeit im alten Haus wusste die Heimleiterin auch, was nützlich und gefragt ist. Darum hat sie immer wieder Ideen eingegeben, und «Herr Giuliani hat diese vorbildlich aufgegriffen und umgesetzt».

Enegieeffizient, ästhetisch und umbaubar

Die Fassaden beispielsweise bestehen aus gedämmten Holzelementen, umgeben von einer Glasumhüllung, alles energieeffizient und ästhetisch zugleich. «Sehen Sie, jedes Zimmer hat einen Balkon», zeigt Sarraj. «Und dank der gläsernen Zwischenwände bleibt die Privatsphäre gewahrt, und dennoch können alle alteingesessenen Stäfener jederzeit auf ihren See schauen.» Ein Beitrag an ein wohliges Wohngefühl für die gegenwärtig 136 Bewohnerinnen und Bewohner, maximal hätten 142 Platz.

Die interessierten Heimleiter, Architektinnen und Baudelegationen aus ganz Europa,  Australien und aus der ganzen Schweiz, die Heimleiterin Sarraj beinahe wöchentlich durch das Haus führt, wenden zwar manchmal ein, dass wohl nur wenige betagte Menschen auf dem Balkon sitzen.

Ihre Antwort lautet dann: «Erstens gewöhnen sich viele schnell daran und lernen ihren Balkon schätzen, erst recht, weil sie dank der schiebbaren getönten Glaswand einen Wind- und Sichtschutz haben. Zweitens vermittelt ein Zimmer mit Balkon ein viel besseres Wohngefühl. Kann der aktuelle Bewohner den Balkon nicht nutzen, dann kann das sicher der nächste.»

Bild Lanzeln

Zudem soll der ganze Bau flexibel nutzbar sein, da sich die Heimlandschaft stark verändert und neue Bedürfnisse auftauchen können. Zu diesem Zweck bestehen die Aussenmauern des ganzen Gebäudes aus einem stabilen Betonkern, der es erlaubt, im Innern ohne tragende Wände zu arbeiten – gezielt eingesetzte Stützpfeiler übernehmen diese Aufgabe.

«Das lässt zu, dass wir jederzeit Wände entfernen und die Einzelzimmer zu Doppelzimmern oder sogar kleinen Wohnungen umgestalten könnten»

sagt Marie-Louise Sarraj, als sie an Zimmertüren vorbeieilt. Jede Tür ist mit einem Namensschild samt Klingelknopf versehen: «Alle Mitarbeitenden klingeln und warten, anstatt einfach anzuklopfen und einzutreten.» Solche Details sind ihr wichtig, denn «so sind es sich unsere Bewohnerinnen und Bewohner ein Leben lang gewohnt».

So praktisch wie nötig und ästhetisch wie nur möglich

Sie drückt eine Klingel, wartet, keine Antwort. Die Bewohnerin sitzt wohl schon unten im Restaurant, sie hat sich aber bereit erklärt, ihr Zimmer zu zeigen. Ein kurzer Blick hinein zeigt einen grosszügigen Raum von 24 Quadratmetern mit einer grossen Fensterfront und schönem dunklem Eichenparkett. Dieses ist so dick, dass es mehrmals abgeschliffen werden kann, «und entgegen anfänglicher Befürchtungen nicht nur angenehm anzusehen, sondern auch leicht zu reinigen».

Nachhaltigkeit aus Sicht des Architekten (2)

«Das Alterszentrum Lanzeln wurde nach dem Minergie-Standard geplant und realisiert. Es verbindet hohen Komfort mit niedrigem Energieverbrauch, tiefen Kosten und geringem Flächenverbrauch. Statt energetische Optimierungen mit High-Tech Lösungen zu erzielen, haben wir den Fokus darauf gelegt, passive Massnahmen zu finden, die die vorhandenen Ressourcen durch konzeptuelle und bauliche Massnahmen bestmöglich nutzen.» Marco Giuliani, CEO von Bob Gysin + Partner BGP Architekten

Der Raum ist mit lauter persönlichen Kleinmöbeln gemütlich eingerichtet – eine individuell eingerichtete Kleinstwohnung, nur das Pflegebett gehört zum Heim. «Wer möchte, kann einen kleinen Einbaukühlschrank dazumieten», Sarraj deutet auf den Schrank. Selbstständigkeit so weit wie möglich, das ist hier oberstes Gebot. Sie dreht sich zum Badezimmer um: Es ist mit nachtblauen Kacheln und raffinierten Einbaunischen ausgestattet, so praktisch wie nötig und so ästhetisch wie nur möglich.

Und anpassbar: Benötigt jemand den Haltegriff zwischen Dusche und Toilette nicht, lässt er sich ganz einfach abnehmen und später wieder montieren. «Alle entfernten Griffe zusammen sparen erstaunlich viel mühsame Reinigungsarbeit.»

Nach dem Hinausgehen schliesst die Tür automatisch, sie lässt sich dann von den Bewohnern wie gewohnt mit dem Schlüssel öffnen, von den Angestellten mit einem genau programmierbaren Badge. «Damit könnte ich die letzten 1000 Zutritte kontrollieren», erklärt Marie-Louise Sarraj. Das gibt allen Sicherheit und hat die Diebstahlmeldungen rapid vermindert.

Hinunter geht es, in das Gartengeschoss, mit dem einzigen Lift dieses Haustraktes: einem Bettenlift. Auch das ist wohlüberlegt: Indem die Schmutzwäsche ihren Weg in die Wäscherei hinunter von jedem Stock durch einen Abwurf findet, lassen sich die Liftbewegungen und damit der Stromverbrauch wesentlich reduzieren.

Ausserdem finden im Grosslift locker mindestens sechs Personen samt Rollator oder Rollstuhl Platz, was wiederum eine positive soziale Auswirkung hat: Soeben verlässt eine Gruppe Seniorinnen und Senioren den Lift, einer hält sich an seinem Rollator, eine zarte graugelockte Frau schiebt ihre Nachbarin im Rollstuhl Richtung Speisesaal, die anderen plaudern miteinander. Gemeinsames Liftfahren verbindet.

Durchmischung stärkt das Selbstwertgefühl

Natürlich ist nicht das Liftfahren allein für das Gemeinschaftsgefühl verantwortlich, das liegt vor allem daran, dass die Abteilungen durchmischt sind: «Bei uns wohnen Menschen mit unterschiedlichen Diagnosen und Pflegegraden nebeneinander, und zwar, ohne dass sie bei zunehmender Pflegebedürftigkeit umziehen müssen», erklärt die Heimleiterin. Demenz, psychische Probleme, körperliche Gebrechen oder letzte Lebensphase mit Palliative Care – hier dürfen alle in ihrem gewohnten Zimmer bleiben bis zum Ende. Je nach Pflegeaufwand werden ganz einfach die Teams auf- oder abgestockt.

«Diese Mischung weckt bei den Bewohnerinnen und Bewohnern Ressourcen und hebt ihr Selbstwertgefühl. Zugleich ist es auch für die Mitarbeitenden gut, wenn sie sich immer wieder auf verschiedene Menschen einstellen müssen – sie verfallen dann nicht in diesen typischen Demenzpflegeton.»

Dass in der Lanzeln auch die Ideen für einen attraktiven Arbeitsplatz so gut funktioniert haben, freut besonders Pflegedienstleiterin Patrizia De Bona. Sie hatte beim Neubau ebenfalls in der Projektgruppe mitgearbeitet und kann nun sagen: «Die Grosszügigkeit der Räume und die angenehme Einrichtung haben einen positiven Einfluss auf die Arbeitsmotivation. Und auch sämtliche Abläufe haben sich bewährt, so wie wir sie geplant hatten.»

Die Idee war, alle Wege und Prozesse kurz und sinnvoll zu gestalten, damit der Pflegealltag für alle angenehm ist. Zum Wohlbefinden aller sollten beispielsweise auch gleitende Essenszeiten für die Bewohnenden und verbesserte Schichten für die Angestellten beitragen.

Arbeit nach Bedürfnissen statt Tagesplan

Ein Bezugspflegesystem wiederum gibt den Bewohnerinnen und Bewohnern Sicherheit, während gleichzeitig die Führung der Angestellten auf einer wertschätzenden Haltung basiert. «Bewohnerorientierte Lebensqualität», fasst De Bona zusammen. Das heisst: «Hier sollen nicht die Strukturen die Qualität dominieren, und wir arbeiten nicht nach Tagesplan, sondern nach Bedürfnissen.»

Das wiederum seien doch letztlich die eigentlichen Höhepunkte im Pflegealltag: «Keine Nullachtfünfzehnarbeit, sondern ein Gewinn für beide Seiten – das gibt diesen Spirit, das Gefühl, alle tragen mit.»

Die Wirkung all dieser Überlegungen zeigt sich darin, dass viele Teams bereits seit vielen Jahren stabil funktionieren.

Nachhaltigkeit aus Sicht des Architekten (3)

«Nachhaltig Bauen heisst auch, das mitzudenken, was sich nicht vorausplanen lässt. Um auf sich mit der Zeit verändernde Bedürfnisse eingehen zu können, ist die tragende Primärstruktur von den nicht tragenden Elementen oder solchen mit einer kürzeren Lebensdauer getrennt. So können Veränderungen im Grundriss oder eine unkomplizierte Erneuerung der Fassade oder anderer Elemente gewährleistet werden. Zudem müssen die eingesetzten Materialien schadstofffrei sein.

Insgesamt entsteht mit all diesen Mitteln für Bewohner und Angestellte ein gesundes Raumklima, das alle Ebenen der Nachhaltigkeit abdeckt.» Marco Giuliani, CEO von Bob Gysin + Partner BGP Architekten

Mittagszeit, in der Küche herrscht Hochbetrieb. Wer Lust hat, kann von der breiten Eingangshalle aus der Küchencrew bei der Arbeit zuschauen. «Kochen ist etwas, das viele noch von früher her interessiert», erklärt Heimleiterin Marie-Louise Sarraj. Viele würden es daher geniessen, durch die bodentiefen Glaswände den Köchen bei der Arbeit zuzuschauen.

Und gleichzeitig haben so die Küchenangestellten Blick auf den Essraum, in dem schon die ersten Hungrigen bereit sitzen. Salat gibt es vom Buffet, das Menu wird geschöpft, «wie früher zuhause», und ihren Platz suchen sich die meisten selber aus. Das gehört ebenso zum Selbstständigbleiben wie die Briefkästen neben dem Eingang: «Viele freuen sich enorm, täglich ihren Briefkasten zu leeren, wie sie das gewohnt sind», sagt Sarraj.

Offenheit schafft Vertrauen

Neben dem Speisesaal befindet sich der Veranstaltungsraum, auch dieser ist je nach Bedarf durch schiebbare Wände beliebig abtrennbar. Für die vielen Anlässe, bei denen auch Angehörige oder die ganze Gemeinde eingeladen sind, lassen sich auch die breiten, hellen Gänge ganz einfach umgestalten – ein flexibles Haus für alle Bedürfnisse.

«In den Neubau kommen jetzt viel mehr Angehörige, Enkel oder Urenkel zu Besuch, weil das Haus nicht mehr den Altersheimmief ausstrahlt», freut sich die Zentrumsleiterin. «Und auch die Umsätze in der öffentlichen Cafeteria haben sich enorm gesteigert.»

Dann geht sie mit raschen Schritten in ihr Büro zurück, sie muss mit Pflegedienstleiterin Patrizia De Bona noch etwas besprechen. Die Tür bleibt dabei meistens offen, das gehört zu ihrer Philosophie: «Präsenz und Offenheit gegenüber den Bewohnerinnen und Angestellten, das schafft Vertrauen.»

Und geht es um Anliegen der Bewohnerinnen und Bewohner, stellt sich Marie-Louise Sarraj immer die alles entscheidende Frage: «Wie hätte ich das gerne, wenn es um meine Mutter ginge? Oder später mal um mich selber?» Die Antworten auf diese Fragen haben sich bisher immer als nachhaltige Lösungen erwiesen, mit denen alle zufrieden sind.

 

www.lanzeln.ch

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in der Fachzeitschrift Curaviva, vielen Dank für die Gelegenheit der Zweitverwertung.

erschienen: 14.12.2016

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