Aufklärung

Irrtümer und Vorurteile

Es braucht weder eine durchdachte Architektur noch spezielle Angebote für Menschen mit Demenz. Die merken eh nichts davon. Stimmt das? Menschen mit Demenz merken viel mehr, als wir denken.
Es braucht weder eine durchdachte Architektur noch spezielle Angebote für Menschen mit Demenz. Die merken eh nichts davon. Stimmt das? Menschen mit Demenz merken viel mehr, als wir denken. Bild shutterstock

Hat man die Krankheit erst einmal, kann man eh nichts mehr tun, lautet ein vergifteter Satz über Demenz. Unsere Autorin hat die zwölf ärgsten Irrtümer und Vorurteile aufgelistet – und warum man diese Klischees schleunigst begraben sollte.

Von Franziska Wolffheim

1. Menschen mit Demenz sind aggressiv

Das trifft nur auf einen Teil der Patienten zu. Oft gibt es konkrete Gründe, warum sie aggressiv werden. Sie fühlen sich kritisiert und unverstanden, ihre Mitmenschen begegnen ihnen ungeduldig (Ich habe dir das doch schon dreimal gesagt).

Auch weil die Betroffenen verunsichert und auf fremde Hilfe angewiesen sind, kann es passieren, dass sie ungehalten reagieren. Wichtig für die Angehörigen: Sie sollten eventuelle Angriffe als Teil der Krankheit verstehen und nicht auf sich beziehen.

Doch viele Menschen, die an Demenz erkranken, werden weder angriffslustig noch ausfällig. Die Psychiaterin Gabriela Stoppe, die zahlreiche Bücher und Aufsätze über Demenz veröffentlicht hat, sagt: «Sicher gibt es Menschen, die durch ihre Krankheit misstrauisch und aggressiv werden. Andere wiederum sind charmant und liebevoll, sie strahlen Zufriedenheit aus. In der Demenzpflege wird übrigens viel gelacht.»

2. Demenz ist eine Krankheit des Alters

Das ist so nicht richtig. Auch wenn Demenzerkrankungen mit dem Alter zunehmen, können ebenfalls Jüngere davon betroffen sein. Laut der Deutschen Alzheimer Gesellschaft ist im Alter von 45 bis 65 Jahren etwa jeder Tausendste betroffen. Bei weniger als zwei Prozent aller Demenzerkrankungen sind die Patienten unter 65 Jahre alt.

Relativ häufig tritt bei jüngeren Patienten neben Alzheimer die frontotemporale Demenz auf, die mit Persönlichkeitsveränderungen und Antriebslosigkeit einhergeht.

3. Menschen mit Demenz haben kein Zeitgefühl mehr

Falsch! Es ist nicht egal, wie viel Zeit Pflegekräfte mit dementen Patienten verbringen. Ausreichend Zeit ist für Menschen mit Demenz immer ein Geschenk, wenn sie sinnvoll eingesetzt wird. Besonders bewährt hat sich die basale Stimulation, die gezielt Sinnenreize vermittelt und so das Körpergefühl der Betroffenen und ihr Verhältnis zur Umwelt verbessert.

Gerade im fortgeschrittenen Stadium, wenn Patienten nicht mehr mobil und bettlägerig sind, leiden viele unter Reizarmut und nehmen von ihrer Umgebung kaum noch etwas wahr. Durch Berührung und Körperstimulation können sie sich selbst besser erfühlen.

Hilfreich kann das Ausstreichen der Arme oder das Auflegen von warmen oder kalten Tüchern sein, je nach Jahreszeit. Auch eine leichte Massage mit ätherischen Duftölen kann Reize auslösen, die beruhigend oder auch stimulierend wirken.

4. Menschen mit Demenz wie Kinder behandeln

Das ist respektlos und hilft keinem, weder den Angehörigen und Pflegekräften noch den Betroffenen selbst. Begegnungen auf Augenhöhe sind wichtig, damit sich Menschen mit Demenz wertgeschätzt fühlen.

5. Menschen mit Demenz benötigen keine kreativen Angebote

Falsch! Es ist gerade wichtig, die Ressourcen und Fähigkeiten herauszufinden, die Betroffene noch haben, und auf ihnen aufzubauen. Dazu sollte man ihnen Angebote machen, die sie auf der non-verbalen, emotionalen Ebene erreichen, etwa in einer Mal- oder Musikgruppe. Wenn jemand das Angebot annimmt, stärkt das sein Selbstwertgefühl.

Der Altersforscher Andreas Kruse weiss: «Kreativität kann Menschen mit Demenz sehr viel geben. Wenn sie in früheren Phasen ihres Lebens an Kunst, Musik und Literatur interessiert waren, reagieren sie auch im Fall einer Demenz positiv auf solche Angebote.»

6. Wenn man die Krankheit hat, kann man nichts mehr tun

Das trifft so nicht zu. Die Krankheit ist zwar nicht heilbar, lässt sich in vielen Fällen aber ein Stück weit aufhalten. Wichtig ist, dass früh eine zuverlässige Diagnose gestellt und ein individueller Therapieplan entwickelt wird.

Die Therapie kann sowohl Medikamente als auch kognitives Training und körperliche Aktivitäten einschliessen. Damit wird die Alltagskompetenz der Patienten gestärkt, und sie können zu einem frühen Zeitpunkt selbst entscheiden, wie ihr Leben später gestaltet sein soll.

7. Es gibt keine Lebensqualität mit Demenz

Die gibt sehr wohl, vor allem im Anfangsstadium. Michael Schmieder, ehemaliger Leiter des Schweizer Demenzheims Sonnweid, hat schon Tausende Menschen mit schwerer Demenz begleitet. Seine Erfahrung:

«Ich kenne nur eine Handvoll Fälle, bei denen ich das Leben nicht mehr lebenswert fand. Dieses Vorurteil hängt damit zusammen, dass wir in unserer Gesellschaft Lebensqualität und Würde mit kognitiver Leistung verbinden. Man kann aber auch ein gutes Leben haben, wenn man nicht mehr viel kann.”

Manche Betroffene geniessen sogar Freiheiten, die sie sich in ihrem gesunden Leben nie gestattet hätten, stressen sich zum Beispiel nicht bei jedem Stück Kuchen, das sie essen, mit Sorgen um die schlanke Linie. Sie suchen mehr Körperkontakt und sind zärtlich, was für sie eine völlig neue Erfahrung sein kann.

8. Demenz kann ansteckend sein

Wenn man zu oft mit Betroffenen zusammen ist, bekommt man die Krankheit selbst. Das ist kompletter Unsinn und stammt aus dem Reich des Aberglaubens und der Verschwörungstheorien.

9. Die Umgebung ist unwichtig

Es braucht weder eine durchdachte Architektur noch spezielle Angebote für Menschen mit Demenz. Die merken eh nichts davon. Stimmt das? Menschen mit Demenz merken viel mehr, als wir denken. Auf Architektur, Zimmerausstattung, Materialien, Licht und Schatten reagieren sie sehr stark. Die Gestaltung der Umgebung kann sogar eine kindliche Geborgenheit vermitteln.

Birgit Dietz, Architektin und Gründerin des Bayerischen Instituts für alters- und demenzsensible Architektur, berichtet von vielen positiven Elementen in Heimen: «Wenn die Decke in Sitznischen niedriger sind, fühlen sich die Bewohner eher geschützt, ein bisschen wie in einer Höhle. Geeignet sind auch Raumteiler, die machen einen Wohnbereich gemütlicher.» Auch im Aussenbereich gebe es viele Möglichkeiten, damit sich die Bewohner wohl fühlten, zum Beispiel mit einer hübschen Pergola oder Hollywoodschaukeln.

10. Betreuende Angehörige machen das so nebenbei

Sie müssen ja nur für Essen sorgen, ein bisschen putzen und gut zureden ... falsch! Der Betreuungsaufwand wird oft total unterschätzt und führt nicht selten zu körperlichen Beschwerden oder ernsthaften Krankheiten, sogar zu Burnout.

Lina Sommer, die in der Alzheimer Gesellschaft Hamburg unter anderem für die Unterstützung pflegender Angehöriger zuständig ist, weiss: «Die Begleitung eines Angehörigen mit Demenz ist ein Marathon und kein Sprint. Die Versorgung ist eine zeitaufwendige und anstrengende Aufgabe, die pflegende Angehörige oft über viele Jahre in Anspruch nimmt.»

«Ohne rechtzeitiges Gegensteuern kann es passieren, dass das eigene Leben, Freiräume, Freunde und Hobbies zunehmend auf der Strecke bleiben. Gleichzeitig ist es eine Aufgabe, die man nicht allein bewältigen kann. Es braucht ein Umfeld aus Freunden, Nachbarn, Familienangehörigen und Profis, die helfen, ein engmaschiges Netz zu knüpfen, das die Person mit Demenz und pflegende Angehörige auffängt.»

11. Menschen mit Demenz wollen niemanden mehr sehen

Kontakte sind lebenswichtig! Täglich erleben Betroffene, dass sie viele Dinge nicht mehr machen können, die für sie früher selbstverständlich waren, dass sie sich nicht mehr erinnern können und dass sie Gegenstände nicht mehr wiederfinden.

Sie erleben das als eine Kette von Misserfolgen, haben Verlustängste und ziehen sich von vielen Aktivitäten zurück. Umso wichtiger ist für sie der Kontakt zu Menschen, die ihnen nahe sind. Wenn sie offen zu ihren Defiziten stehen können, erhöht das meist die Lebensqualität.

12. Wer an Demenz erkrankt ist, muss nur gefordert werden

Fordern bringt gar nichts, sondern führt nur zu Frust, weil man die Betroffenen damit an ihre Defizite erinnert. Oft erinnern sich Menschen mit Demenz sehr gut an Kindheitserlebnisse, während das Kurzzeitgedächtnis und die Merkfähigkeit stark nachlassen. Mit alten Fotos oder Liedern von früher lässt sich die Erinnerung sanft stimulieren.

 

erschienen: 14.03.2021

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