Pflegealltag

«Ist es das, was ich für mein Leben will?»

«Nun beginne ich, einen Bewohner nach dem anderen zum Zähneputzen zu motivieren und sich für die Nacht vorzubereiten. Den Bewohnern, die nicht mehr in der Lage sind, diese Handlungen selbst auszuführen, putze ich die Zähne und ziehe ihnen den Schlafanzug an.»
«Nun beginne ich, einen Bewohner nach dem anderen zum Zähneputzen zu motivieren und sich für die Nacht vorzubereiten. Den Bewohnern, die nicht mehr in der Lage sind, diese Handlungen selbst auszuführen, putze ich die Zähne und ziehe ihnen den Schlafanzug an.» Bild Mara Truog

Eine diplomierte Pflegefachfrau schildert ihren vollen Arbeitstag – allein im Spätdienst in einem Pflege- und Betreuungsheim auf einer Abteilung mit 14 Bewohnenden mit psychischen Störungen und Demenz.


Von einer Pflegefachfrau, die anonym bleiben möchte

Ich trete in den Spätdienst ein. Beim Übergaberapport werde ich informiert, dass die Lernende, die mit mir eingeteilt wurde, krank ist und sie keinen Ersatz gefunden haben. Ich muss allein zurecht kommen. Im Notfall muss ich auf den anderen Abteilungen Hilfe suchen.

Diese Situation ist mir nicht unbekannt, oft wurde ich alleine in den Dienst eingeteilt und musste so zurecht kommen.

Planen, kontrollieren, pflegen

Ich begrüsse die Bewohner, serviere Kaffee, führe kurze Gespräche und baue Vertrauen auf. Im Büro plane ich die folgenden Arbeitsschritte: Blutdruck und Puls messen, einen Verband wechseln, die Bewohnerin beobachten, die seit zwei Tagen im Delir ist und auf kein Medikament reagiert.

Weil die Kollegen vom Frühdienst noch da sind, ziehe ich mich zurück, um die Abend- und Nachtmedikation zu kontrollieren und die Medikamente für den nächsten Morgen und Mittag vorzubereiten.

Auf der Bestellliste notiere ich die fehlenden Medikamente.

Vor dem Verbandwechsel verabreiche ich der Bewohnerin mit Ulcus eine Schmerztablette.

Ich prüfe die Daten der Bewohnerin, die im Delir ist und stelle fest, dass sie seit sechs Tagen nicht gestuhlt hat. Ich entscheide mich für eine Clyssie (Kliestier). Das zeigt Wirkung, der Bewohnerin geht es besser. Dann mache ich der Bewohnerin mit Ulcus einen neuen Verband.

«Na, dann viel Spass»

Die Kollegen vom Frühdienst wünschen mir einen ruhigen Dienst und gehen nach Hause. Ich hole meinen Laptop und richte mir meinen Arbeitsplatz so auf einem Tisch ein, dass ich den Überblick auf die Bewohner habe. Ich erstelle den Arbeitsplan für den nächsten Tag.

Plötzlich rieche ich einen unangenehmen Geruch, der von einer inkontinenten Bewohnerin kommt. Ich wasche sie und setze sie auf die Toilette. In der Toilette sammeln sich Blut und Blutinseln. Ich bringe die Bewohnerin zu Bett und begebe mich Richtung Büro, um die Diagnosen und Vitalwerte der Bewohner zu lesen.

Auf dem Weg treffe ich meine Vorgesetzte, die die ganze Zeit in ihrem Büro verbrachte und auf der Toilette war, bevor sie nach Hause geht. Ich informiere sie über die Situation. Sie meint, dass ich vielleicht einen Arzt informieren soll. Lächelnd und fröhlich wünscht sie mir: «Na, dann, viel Spass» und macht 15 Minuten früher Feierabend.

Ich atme tief durch und sage zu mir: Du schaffst das.

Der Bewohnerin geht es besser, die Vitalwerte sind im Normalbereich und bei ihr waren Hämorrhoiden diagnostiziert worden. Ich messe die restlichen benötigten Vitalwerte bei den Bewohnern.

Essen, dokumentieren, putzen

Ein Bewohner hilft mir beim Tischdecken für das Abendessen. Nun hole ich alle Bewohner in den Esssaal und bitte eine Kollegin einer anderen Abteilung, dass sie mir den Wagen mit dem Essen bis zur Eingangstür bringt.

Bevor das Essen eintrifft, verteile ich die Getränke und verabreiche die Medikamente. Nun verteile ich das Abendessen und setze mich zu den Bewohnern, die beim Essen und Trinken Unterstützung benötigen.

Nach dem Essen räume ich alles weg, putze die Tische für das Frühstück und bringe den Essenswagen zurück zur Eingangstüre.

Nun beginne ich, einen Bewohner nach dem anderen zum Zähneputzen zu motivieren und sich für die Nacht vorzubereiten.

 Den Bewohnern, die nicht mehr in der Lage sind, diese Handlungen selbst auszuführen, putze ich die Zähne und ziehe ihnen den Schlafanzug an.

Einige spielen noch Tischspiele oder schauen fern. Ich hole meinen Laptop, setze mich im selben Raum an einen der Tische und dokumentiere meine Arbeit. Ich bringe die schmutzige Wäsche weg und leere die Mülleimer.

Ohne Pause

Eine Bewohnerin kommt und bittet um die Medikamente für die Nacht. Tatsächlich ist es bereits Zeit. Nun gehe ich von Zimmer zu Zimmer, überprüfe, ob alles in Ordnung ist und die Bodenmatten vor dem Bett platziert sind.

Die Nachtwache ist da. Ich übergebe die Station und begebe mich auf den Weg nach Hause.

Ich bin froh, dass alles gut gelaufen ist. Erst jetzt stelle ich fest, dass ich keine Pause gemacht habe. Sowieso ist es bei uns verboten, Pausen als Überzeit zu notieren. Ich bin dankbar, eine resiliente Person zu sein, aber ich frage mich: Ist es das, was ich für mein Leben will?

 

Dieser Beitrag erschien im November 2020 in Krankenpflege Nr.11/2020 des SBK. Wir danken der Redaktion für die Gelegenheit der Zweitverwertung. Die Autorin ist der Redaktion bekannt.

erschienen: 22.12.2020

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