Hygge

Ein dänisches Lebenskonzept hilft Pflegenden

Gemütlichkeit, Geborgenheit und Genuss sind zentrale Elemente eines positiven Lebensgefühls.
Gemütlichkeit, Geborgenheit und Genuss sind zentrale Elemente eines positiven Lebensgefühls. Bild Pixabay

Gelassenheit und Glück wünscht man sich nicht nur in der Freizeit, sondern auch im Beruf. Wie geht Hygge in der Pflege?

Von Viktoria Hug

Gemäss UN-Weltglücksreport 2020 ist Dänemark das zweitglücklichste Land der Welt. Nach Spitzenreiter Finnland und vor der Schweiz, die auf Platz 3 rangiert. Einen der Gründe sieht Glücksforscher Meik Wiking in einem dänischen Exportschlager: Hygge.

«Hygge dreht sich eher um Atmosphäre und Erleben als um Dinge», meint Wiking, CEO des Kopenhagener Instituts für Glücksforschung, in seinem Buch über das dänische Lebensgefühl. «Es geht darum, mit unseren Lieben zusammen zu sein. Uns zu Hause zu fühlen. Um das Gefühl, in Sicherheit zu sein».

«Probier’s mal mit Gemütlichkeit»

Was Bär Balou in «Das Dschungelbuch» singt, gilt auch für Hygge: Mit innerer Gelassenheit und Freude an den kleinen Dingen lebt es sich einfach leichter. Deshalb ist Wiking überzeugt davon, dass diese Einstellung Anteil an der Zufriedenheit der Dänen hat.

Was genau Hygge ist, definiert jeder für sich selbst. Am Fluss spazieren gehen, versunken ins Rauschen des Wassers. Mit Freunden Glühwein trinken. Im Lieblingssessel einen Roman lesen. Hygge ist, wenn man sich fallenlassen kann. Von besonderer Bedeutung ist dabei das Essen. Überwältigende 86 Prozent aller Dänen verbinden mit Hygge Heissgetränke, vor allem Kaffee.

Podcast – Michael Schmieder spricht über Hygge im Demenzzentrum Sonnweid

«Hygge ist eine Aktivität, die mit Nähe zu tun hat, mit Wärme und Gemeinschaft», betont Wiking. Der ähnliche Klang von Hygge und höggle (schweizerdeutsch für gemütlich sitzen) ist zwar zufällig, aber passend. Es geht um Nähe – zu sich selbst und zu anderen. Soziale Beziehungen sind ein Schlüsselfaktor für ein glückliches Dasein.

Werden wir berührt oder spüren wir die Gegenwart uns wohlgesonnener Menschen, schüttet der Körper Oxytocin aus. Oxytocin, auch «Kuschelhormon» genannt, reduziert Stress, fördert das Wohlbefinden und einen vertrauteren Umgang mit Mitmenschen.

Das Zuhause ist in Dänemark das «Hygge-Hauptquartier.»

So sieht es Wiking. Tatsächlich hat eine international angelegte Studie des Kopenhager Instituts für Glücksforschung ergeben, dass die eigenen vier Wände massgeblich dazu beitragen, wie glücklich wir uns fühlen. Denn das Zuhause ist der Ort, an den wir uns zurückziehen. Er bietet Sicherheit und spiegelt, wer wir sind.

Damit das eigene Heim zum Verweilen einlädt, braucht es «hyggelige» Komponenten. Zum Beispiel eine gemütliche Sitzgruppe, warmes Licht oder Naturmaterialien: Holz, Steine, Muscheln. Natur zuhause sieht nicht nur schön aus, sondern erdet auch. Eine Erkenntnis, die auch im Feng Shui wichtig ist.

Hygge leben – das heisst, bewusst und mit allen Sinnen wahrnehmen und geniessen. Wie lässt sich diese Lebensphilosophie in der Pflege nutzen?

Hygge in der Pflege – im Gespräch mit Andrea Fischer

Andrea Fischer leitet die BusinessHygge®-Akademie in Bad Honnef (D). Zusammen mit ihrem Team unterstützt sie Unternehmen bei der Implementierung der Hygge-Philosophie in den Arbeitsalltag. Gekommen sei ihr die Idee 2017 auf einer Wohnmobiltour quer durch Dänemark, erzählt sie alzheimer.ch im Gespräch.

Andrea Fischer leitet die BusinessHygge®-Akademie.
Andrea Fischer leitet die BusinessHygge®-Akademie. Bild Miriam Kalina

Warum gerade Pflegenden dieser Ansatz helfen kann? «Es gibt keine Branche, in der es so sehr menschelt wie in der Pflege», erklärt Fischer.

Das macht den Reiz dieses Berufs aus, doch gleichzeitig laufen Pflegende Gefahr, alles für andere zu geben und sich selbst dabei zu vergessen. Schlimmstenfalls könne sich daraus eine «Opfermentalität» entwickeln, das Gefühl, nicht mehr Schöpfer oder Gestalter zu sein.

Das muss nicht sein. Eine Möglichkeit, diese Gefahr zu umschiffen, sieht Fischer darin, dass sich Pflegende bewusst machen, weshalb sie diesen Beruf gewählt haben. Anderen zu helfen gibt auch dem Helfenden ein positives Gefühl. Die Herausforderung besteht gemäss Fischer darin, «ein Gleichgewicht zu finden zwischen Ich tue dem anderen etwas Gutes und Ich tue auch mir etwas Gutes

Die zentrale Frage: «Wie geht es mir und wie kann ich gut für mich sorgen?»

In der Pflege sind die Rahmenbedingungen oftmals schwierig. Sich daran aufzureiben, ohne dass man etwas ändern kann, bringt jedoch nichts.

Entsprechend wichtig ist es, negative Gedankenkreisläufe zu stoppen und stattdessen zu fragen: «Wo habe ich Möglichkeiten zu gestalten?». In der Pflege liegen diese im täglichen Umgang mit Menschen.

Ein wertschätzender Umgang mit sich selbst und anderen ist das Fundament für einen erfüllten Alltag. Den eigenen Körper spüren, sich selbst etwas Gutes tun, um anderen Gutes zu tun.

Das müssen keine grossen Dinge sein, doch sie zu implementieren braucht Training: Durchatmen, bevor man das Zimmer der Frau Meier betritt. Die Schultern zurückrollen, um Verspannungen vorzubeugen. Bewusst gehen. Und: Menschen wirklich ansehen.

Wertvoller Blickkontakt: «Wir wollen gesehen werden als die, die wir sind.»

Ein Blick kostet nicht viel Zeit. Aber er braucht Aufmerksamkeit und Präsenz. Diese Investition lohnt sich. Wer sich gesehen fühlt, gibt etwas zurück, das auch dem Pflegenden guttut. Deshalb empfiehlt Fischer: «Schau deinem Gegenüber so lange in die Augen, bis du seine Augenfarbe erkennst.»

Hygge im Pflege-Alltag bedeutet auch, sich Zeit zum Essen zu nehmen und Pausen nicht vor dem Dienstplan zu verbringen. Wer nicht an die frische Luft kann, sollte die Möglichkeit haben, sich in einen gemütlichen Pausenraum zurückzuziehen – mit Sitzecken, farbigen Wänden oder einem leckeren Teesortiment.

Eine «hyggelige» Umgebung spricht alle Sinne an und sorgt für eine entspannte Grundstimmung.

«Glücksinseln» im Pflege-Alltag

  • Nehmen Sie sich und Ihre Umgebung achtsam und mit allen Sinnen wahr.
  • Gehen Sie in die Natur.
  • Gestalten Sie Ihre Pausen mit Genuss und in Gesellschaft von Menschen, die Ihnen guttun.
  • Ziehen Sie sich zurück, wenn Sie es brauchen.
  • Lachen oder lächeln Sie.
  • Tun Sie sich nach Dienstschluss etwas Gutes und geniessen Sie die Vorfreude.

Adaptiert nach Fischer: Hygge in der Pflege. Springer 2019.

Die Mitarbeitenden wissen oft am besten, was sie brauchen. Deshalb plädiert die erfahrene Unternehmensberaterin dafür, die Pflegenden in Entscheidungen einzubinden: «Motivation entwickelt sich dann, wenn ich als Vorgesetzter der Raum öffne und Mitarbeiter gestalten lasse.»

Ob es nun um die Gestaltung des Dienstplans oder des Pausenraums geht: Durch das ihnen entgegengebrachte Vertrauen erfahren Mitarbeitende, dass ihre Arbeit und Meinung wertgeschätzt werden.

«Die Führungskraft muss nicht immer alles entscheiden», betont Fischer. «Sie darf sich menschlich zeigen und sagen: Liebes Team, ich brauche euch jetzt». Auf Basis eines guten Arbeitsklimas gemeinsam Herausforderungen meistern – das ist nicht nur Hygge, sondern der Schlüssel zum Erfolg.

Denn: «Erfolg ist nicht das Endziel. Es geht darum, glücklich zu sein. Wenn ich glücklich bin, bin ich automatisch erfolgreich.»

Um Hygge für pflegende Angehörige geht es in …

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Vor zehn Jahren noch lag der Fokus ausschliesslich auf dem Wohl der Patienten respektive Bewohner. Die Mitarbeiterinnen hatten zu funktionieren. Allmählich setzt sich, auch unter dem Eindruck des Pflegekräftemangels, die Einsicht durch, dass Mitarbeiter langfristig gehalten werden müssen.

Sie sind die wichtigste Ressource einer Pflegeeinrichtung, so Fischer. Erst wenn sie sich wohl fühlen, können sie Positives an die Bewohner weitergeben.

Was können pflegende Angehörige tun?

Im Unterschied zu beruflichen Pflegekräften haben sich Angehörige nicht bewusst für diese Aufgabe entschieden. Sie können ihre Resilienz und damit ihr Wohlbefinden steigern, indem sie sich an den vier «A» orientieren:

  1. Annehmen – Die Situation akzeptieren.
  2. Atmen – Gemeinsam mit dem zu pflegenden Mitmenschen Luft holen und erkennen: «Es ist eine schwierige Situation. Aber es gibt auch ganz viele schöne Dinge, die wir machen können.»
  3. Analysieren – «Was können wir machen, damit es uns gut geht?» (Sinne ansprechen, z.B. durch Musizieren, Kochen, Spazierengehen, Berühren …)
  4. Aktiv gestalten – in die Aktion gehen.

Zugleich gelte es, so Fischer, bei allem Einsatz als pflegender Angehöriger die eigenen Grenzen zu erkennen. Unterstützung anfordern von Verwandten oder Fachkräften ist kein Tabu, sondern eine Notwendigkeit. Nur so lässt sich Frust vorbeugen, den letztlich der zu pflegende Mitmensch abbekommen würde.

 

Andrea Fischer ist seit mehr als zwanzig Jahren in der Personal- und Organisationsentwicklung tätig. Als Leiterin von DIE Akademie im Gesundheitswesen berät sie zusammen mit ihrem Team seit 2009 Fach- und Führungskräfte aus Kliniken, Pflegeeinrichtungen und Praxen im Hinblick auf Servicequalität. 2019 gründete sie die BusinessHygge®-Akademie. Sie referiert auf Fachveranstaltungen und publiziert zu den Themen Glück, Wertschätzung und Mitarbeiterorientierung. 2019 erschien bei Springer «Hygge in der Pflege».

erschienen: 17.07.2020

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