Erlebnisbericht und Interview

«Zuerst den Kaffee und dann die Pflege»

Mit Klientinnen und Klienten eine tragfähige Beziehung aufzubauen, ist ein zentrales Element der Spitex-Pflege nach dem Buurtzorg-Ansatz. Auch die Spitex Zürich Limmat hat vieles davon übernommen (siehe Interview am Ende des Beitrags).
Mit Klientinnen und Klienten eine tragfähige Beziehung aufzubauen, ist ein zentrales Element der Spitex-Pflege nach dem Buurtzorg-Ansatz. Auch die Spitex Zürich Limmat hat vieles davon übernommen (siehe Interview am Ende des Beitrags). Bild Spitex Zürich

Die Buurtzorg-Pflegefachfrau Mareike J. schildert, wie sie es im Kontakt mit den Klientinnen und Klienten schafft, den Übergang vom zwischenmenschlichen Austausch zur fachlichen Entscheidung zu finden.

Ich war unzufrieden in meinem Beruf. Ich kam mir in meinem Pflegealltag vor wie eine Fliessbandarbeiterin – dort eine Spritze setzen, hier einen Verband wechseln, kaum Zeit für ein persönliches Gespräch, immer gehetzt.

Dann erfuhr ich vom Buurtzorg-Ansatz. Der hat mich so beeindruckt, dass ich mich vor vier Jahren mit fünf anderen Pflegefachpersonen entschloss, ein Buurtzorg-Team zu gründen. Zurzeit sind wir zehn Teammitglieder.

Buurtzorg

Buurtzorg bedeutet Sorge um die Nachbarschaft und bezeichnet ein in Holland etabliertes Modell für die ambulante Pflege und Betreuung. Profis arbeiten eng mit dem sozialen Umfeld einer Person zusammen. Buurtzorg versteht Pflege ganzheitlich und setzt auf Teams, die sich selbst organisieren. Es hält die Administration klein und verrechnet einheitliche Stundentarife.

In der heutigen Morgenschicht treffe ich als erstes eine neue Klientin. Beim ersten Treffen folgen wir dem Prinzip «zuerst den Kaffee und dann die Pflege».

Mit Kaffee ist Beziehungsarbeit gemeint. Es geht darum, eine gemeinsame Beziehung aufzubauen und das Beziehungsnetz von Bekannten, Verwandten, Nachbarn etc. einschätzen zu können.

Wir von Buurtzorg wollen mit der pflegerischen Dienstleistung die Autonomie der Klientinnen und Klienten fördern. Dazu gehört auch, dass wir sie und ihr Umfeld bewusst und gezielt befähigen wollen, bestimmte Pflegetätigkeiten nach unserer Anleitung selbst zu verrichten. 

Trotz vorhandener Unsicherheit überwiegt die Motivation der Pflegebedürftigen, sich auf diesen Ansatz einzulassen.

Wir setzen beispielsweise das Ziel, dass sie in vier Monaten die Kompressionsstrümpfe ohne Hilfe anziehen kann und sind dadurch schon mitten in der Pflegeplanung.

Der Übergang vom Kaffee zur Pflege, vom zwischenmenschlichen Austausch zur fachlichen Entscheidungsfindung, ist fliessend.

Der letzte Klient der Schicht begrüsst mich etwas gehetzt. «In knapp 40 Minuten startet der Final eines internationalen Schwimmwettbewerbs und den möchte ich in aller Ruhe anschauen.» Während ich den Verband seiner Beinwunde entferne, kommen wir auf das Schwimmen zu sprechen.

Er sei früher auf regionaler Ebene vorne mitgeschwommen. Das Schwimmen fehle ihm, aber mit dieser Wunde könne er nicht mehr in ein Hallenbad. Ich begutachte die Wunde und mache wie gewohnt ein Foto davon. Die Wunde sieht besser aus.

«Meines Erachtens sollte mit einem wasserfesten Deckverband Schwimmen möglich sein.»

«Auch wenn, ich bin ja so schlecht zu Fuss und kann mir ein Taxi ins Hallenbad nicht leisten», erwidert er.

«Mir sind im Quartier zwei ehemalige Klientinnen und ein aktueller Klient bekannt, die sich einmal wöchentlich ein Taxi teilen, um gemeinsam Schwimmen zu gehen. Soll ich Ihnen den Kontakt vermitteln?»

Zum ersten Mal lächelt er: «Warum nicht?»

Im Auto nutze ich die Zeit, um seinen Wunsch mit der Hausärztin zu diskutieren. Das Schwimmen sei mit dem adäquaten Verband trotz der Wunde sicher. So eröffnen sich für den Klienten gewisse Chancen:

Falls er regelmässig mit anderen schwimmen geht, können Herzkreislauf-Medikamente reduziert werden und vielleicht sogar das aufgrund eines Depressionsrisikos verschriebene Medikament.

Auf dem Tablet dokumentiere ich kurz online den Besuch:

Weil unser IT-System alle relevanten Stellen verknüpft, genügt es, eine Information nur einmal einzutragen.

Somit hat der Eintrag zum Wundverband zur Folge, dass zu gegebener Zeit die Rechnung für diese Tätigkeit an die Krankenkasse ausgelöst wird.

Die Administration mit den Krankenkassen hat sich ohnehin sehr vereinfacht, seit auf Initiative von Buurtzorg die über zehn Pflegetarife auf einen einzigen Tarif reduziert wurden.

Alle Teams werden bei Bedarf von einem Coach unterstützt. Unser Coach wird nur dann selbst aktiv, wenn ihm bei den Team-Zahlen etwas auffällt. Als Buurtzorg-Team sind wir verpflichtet, verschiedene Punkte, wie beispielsweise Auslastung, Über- oder Unterzeit, Krankheitstage und verrechenbare Stunden quantitativ zu erfassen.

Wir können die Zahlen jederzeit abrufen und mit den Durchschnittswerten der 850 anderen Teams unserer Organisation vergleichen.

So haben wir die nötigen Informationen zur Hand, damit wir unser Team als Ganzes unternehmerisch steuern können.

Das Backoffice und der Coach können unsere Zahlen einsehen. Sticht ihnen eine positive oder negative Abweichung ins Auge, melden sie sich:

«Habt ihr die Abweichung bemerkt? Woran könnte das liegen? Kann ich euch helfen? Könnt ihr uns Hinweise für eine Prozessoptimierung geben?»

Wir wissen diese Kontaktaufnahmen entweder als Frühwarnsystem zu schätzen, oder sind stolz darauf, wenn sich bei uns eine methodische Verbesserung ergeben hat. Wir geraten nicht in Sackgassen, die keinen Handlungsspielraum mehr zulassen.

Als Fazit kann ich sagen: Seit ich in einem Buurtzorg-Team arbeite, ist meine Arbeit ganzheitlicher, professioneller und sehr befriedigend geworden.

 

Interview mit Christina Brunnschweiler

«Mehr Freiheit und mehr Verantwortung»

Die Umstellung auf selbstorganisierte Teams komme bei den meisten Mitarbeitenden gut an, sagt Christina Brunnschweiler, CEO der Spitex Zürich Limmat. Die Spitex Zürich Limmat war Mitinitiantin der Buurtzorg-Studie der Fachhochschule Nordwestschweiz.


Was konkret haben Sie von den Empfehlungen der Studienautoren übernommen?

Christina Brunnschweiler: Wir waren gemeinsam mit Studienautor Enrico Cavedon in Holland und haben schon zur Zeit, als die Studie noch lief, vieles umgesetzt.

Im niederländischen Versorgungsmodell ist Selbstorganisation zentral. Setzen Sie das bereits um? Wenn ja, wie?

Ja, wir sind mitten in der Umstellung auf vollumfänglich selbst organisierte Teams. Knapp 80 Prozent sind bereits umgestellt, diese Teams arbeiten nach dem niederländischen Modell. Sie werden unterstützt durch Coaches und von einem zentralen Support.

Wie haben die Spitex-Mitarbeitenden auf die Veränderungen reagiert?

Sie wurden bereits während der Pilotphase informiert und wir suchten regelmässig den Austausch. Die Reaktionen waren – wie immer bei Veränderungen – gemischt: Freude, Ängste, Aufbruchstimmung. Grundsätzlich ist jedoch die Stimmung sehr positiv. Die Mitarbeitenden wissen, dass sie nicht auf sich allein gestellt sind. Die positive Stimmung hält an, auch wenn nicht alle dabei bleiben.

Das Buurtzorg-Modell ist darauf ausgerichtet, die Autonomie der Klienten zu fördern und ihr Beziehungsnetz zu stärken. Mit welchen Massnahmen kommen Sie diesem Ziel näher?

Die Spitex hat einen Versorgungsauftrag und bereits heute sind diese beiden Punkte der Kern ihres Selbstverständnisses. Wir unterstützen Teamaktivitäten und Haltungen, die in diese Richtung gehen und haben auch ihre Auslastungsziele so gewählt, dass genügend Raum für die Förderung der Klientel sowie die Stärkung des Netzes vorhanden ist.

Können Sie anhand eines Beispiels zeigen, was Klienten dank dem Buurtzorg-Ansatz anders oder selbständiger machen?

Das kann ich so nicht, weil ich zu weit weg bin. Wie gesagt, die Spitex hat mit ihrem Versorgungsauftrag schon immer genau so gearbeitet: die betreuten Menschen zu mehr Selbständigkeit befähigen, nur machen, was andere nicht machen, Hilfsmittel zeigen und einführen, die zu mehr Autonomie führen, An- und Zugehörige miteinbeziehen und so weiter.

Die Spitex arbeitet oft unter Zeitdruck. Ändert das neue Modell etwas daran?

Ich denke ja, weil die Mitarbeitenden sich die Zeit besser selbst einteilen können.

Wo stösst der Buurtzorg-Ansatz in der Praxis an seine Grenzen?

In der Schweiz hat die öffentliche Spitex einen Aufnahmezwang, der die ganz freie Teamorganisation natürlich relativiert. Zudem ist die aktuelle Finanzierung – Abgeltung pro verrechnete Stunde – wenig geeignet, die Hilfe zur Selbsthilfe zur fördern. Ich sehe aber keine anderen Grenzen. Das Buurtzorg-Modell hat sich über Jahre entwickelt. Ich denke, es braucht auch inder Schweiz einige Zeit und auch eine Umgewöhnung der Mitarbeitenden an die grössere Freiheit und vermehrte Verantwortung.

(Interview: Urs Lüthi, Redaktor der Zeitschrift Krankenpflege)

Dieser Beitrag erschien in der Zeitschrift Krankenpflege des SBK (Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner), Nr.3/2020. Herzlichen Dank an die Redaktion für die Gelegenheit zur Zweitverwertung.

erschienen: 09.07.2020

Kommentare