Unterwegs mit der Spitex

Wenn der Alltag zur Hürde wird

Spitex-Mitarbeiterin Johanna Koren pflegt einen Mann mit einer hartnäckigen Wunde am Bein.
Spitex-Mitarbeiterin Johanna Koren pflegt einen Mann mit einer hartnäckigen Wunde am Bein. Bild Martin Mühlegg

60 Mitarbeiterinnen der Spitex ermöglichen in Rapperswil-Jona alten und bedürftigen Menschen das Leben in den eigenen vier Wänden. alzheimer.ch begleitete die diplomierte Pflegefachfrau Johanna Koren auf ihrer Tour.

Von Martin Mühlegg

Herr K. hält den gestreckten Zeigefinger an die Lippen. Er will Ruhe haben, während er an der Kaffeemaschine hantiert. Auskunft könne eh nur seine Frau geben, er wisse nicht Bescheid, sagt der gutaussehende 75-jährige Mann mit den sorgfältig nach hinten gekämmten weissen Haaren. Den Frühstückstisch hat Herr K. wie ein Profi gedeckt: Geschirr, Besteck, Brot, Margarine und Gruyère liegen bereit. Noch dauert es ein paar Minuten, bis er mit seiner Frau frühstücken kann.

Frau K. ist 78 und hat zwei künstliche Kniegelenke. Sie liegt im Zimmer nebenan und lässt sich von der diplomierten Pflegefachfrau Johanna Koren die Beine verbinden, damit sie im Laufe des Tages nicht anschwellen. Bei Herrn K. hat der Arzt kürzlich eine Demenz diagnostiziert.

Das Paar ist vor einem Jahr an die Schönbodenstrasse gezogen, weil es an ihrem früheren Wohnort keinen Lift gab. Noch funktioniert die Schicksalsgemeinschaft: Frau K. hat einen gesunden Geist, Herr K. einen gesunden Körper, ein Sohn macht mittwochs den Wocheneinkauf – und die Spitex sorgt für die medizinische Versorgung. Die Mitarbeiterinnen der Spitex sollen auch darauf achten, wie es den betreuenden Angehörigen geht.

Manchmal überfordern diese sich mit der höchst anspruchsvollen Aufgabe. Rund 50 Prozent der Angehörigen, die zu Hause Menschen mit Demenz betreuen, werden selbst krank. Wenn Koren eine Überforderung feststellt, zeigt sie Entlastungsmöglichkeiten auf oder vereinbart einen Termin mit den Beraterinnen der Drehscheibe. Entlastung können zum Beispiel regelmässige Aufenthalte in der Tagesstätte Grünfels bringen. Auch der Austausch mit anderen Angehörigen kann weiterhelfen.

«Empathie» heisst das Zauberwort

Zu Herrn T.s Haus an der Busskirchstrasse hat Johanna Koren einen Schlüssel. Der 98-Jährige schläft noch, als sie morgens um halb neun kurz klingelt und die Tür öffnet. Herr T., der seit dem Tod seiner Frau vor vier Jahren allein lebt, freut sich über den Besuch. Er geht mit Koren in den unteren Stock, wo sie ihm bei der Köperpflege hilft. Als er wieder aus dem Bad kommt, ist seine gute Laune verflogen. Koren lüftet die Stube nicht so, wie er es gerne hätte. Herrisch korrigiert er die Frau, die seit 1994 an verschiedenen Orten für die Spitex im Einsatz ist.

60 Mitarbeiterinnen und hunderte von Klienten erfordern eine genaue Planung.
60 Mitarbeiterinnen und hunderte von Klienten erfordern eine genaue Planung. Bild Martin Mühlegg

Koren ist Profi genug, um mit Herrn T.s manchmal schwierigem Verhalten umzugehen. «Empathie» heisst das Zauberwort bei der Betreuung von Menschen mit Demenz. Gefühle sollen geteilt werden, Zurechtweisungen und Ratschläge bringen nichts, da der Betroffene sofort wieder vergisst und «keine Schuld» trägt an seinem Verhalten. Als Herr T. eine Pfanne mit Wasser auf den Herd setzt, bessert sich seine Laune wieder. Er erzählt vom kleinen Handelsgeschäft, das er mit seiner Frau geführt hat.

Sein Langzeitgedächtnis funktioniert bestens, doch was kürzlich geschah, vergisst er immer wieder. Herr T. wehrt sich dagegen, indem er Notizen macht, die im Haus verteilt sind. Auf der Treppe liegt eine Schachtel mit unzähligen farbigen Zetteln.

«Helfen Hosenträger anbringen», heisst es auf einem. «Toilette leren, Kabel versorgen», auf einem anderen. Herr T. hat neben seinem Bett ein Camping-Klo, damit er nachts nicht in den unteren Stock gehen muss. Die Mitarbeiterinnen der Spitex leeren es einmal wöchentlich.

«Ein ganzer Strauss von Angeboten»

Die Spitex-Dienste der Stiftung RaJoVita (siehe auch Kasten) sind ein wichtiger Pfeiler in der Alters- und Gesundheitsversorgung Rapperswil-Jonas. «In unserem Konzept ist klar definiert: Ambulant kommt vor stationär», sagt Rahel Würmli, die als Stadträtin dem Ressort Gesundheit und Alter vorsteht. «Die Menschen wollen möglichst lange selbstbestimmt zu Hause leben. Damit dies möglich wird, braucht es einen ganzen Strauss von Angeboten.» Neben der Spitex gebe es die Beratungsstelle «Drehscheibe», eine Gesundheitsberatungsstelle, Freiwilligenarbeit mit eigenem Förderverein, Besuchs- und Spazierdienste, den Mahlzeitendienst der Ortsgemeinde und zur Entlastung der betreuenden Angehörigen die Tagesstätte Grünfels. Auch die Angebote der Pro Senectute, der Kirchgemeinden und des Frauenvereins seien in die Organisation eingebettet.

Die Nachfrage nach den Dienstleistungen der Spitex ist in den vergangenen Jahren massiv gestiegen. Fast 25 000 Stunden an Pflege und Betreuung sind in Rapperswil-Jona im vergangenen Jahr geleistet worden. 2006 waren es nur halb so viele. Derzeit arbeiten rund 60 Pflegefachfrauen, Fachangestellte Gesundheit und Pflegehilfen für die Spitex.

Die allermeisten Klienten sind dankbar für die Unterstützung. Dies zeigt sich auch an der Heimatstrasse, wo die 93-jährige Frau M. lebt. Ihre Schulter schmerzt schon lange, und seit einem Sturz im Badezimmer macht ihr auch der Rücken zu schaffen. Bevor Johanna Koren den Rücken salbt und massiert, sitzen die beiden für einen Schwatz an den Esstisch. Die pflegerischen Leistungen der Spitex sind durch die Krankenkasse gedeckt. Wer noch eine Viertelstunde reden will oder einfach Gesellschaft wünscht wie Frau M., bezahlt dies aus dem eigenen Sack.

Johanna Koren arbeitet seit über 20 Jahren für die Spitex.
Johanna Koren arbeitet seit über 20 Jahren für die Spitex. Bild Martin Mühlegg

Einen Steinwurf von Frau M. entfernt lebt die 42-jährige Frau Z. Sie hat eine schwere Rückenoperation hinter sich. Sie ist kleinwüchsig und kann wegen ihrer kurzen Arme die Wunde nicht selbst pflegen. Sie erzählt von den Hürden, die sie im Alltag zu überwinden hat. Ihren Rücken kann sie deswegen nicht so schonen, wie es die Ärzte gerne hätten. Die Einkaufswagen würden immer grösser werden, sagt Frau Z., es sei kaum mehr möglich, Produkte ein- oder auszuladen, ohne sich zu verrenken. «Ich habe gesündigt», gesteht sie Johanna Koren. «Aber was soll ich machen? Nicht immer ist jemand da, der mir helfen kann.»

Sportlicher Senior mit Wunde

Nach einer halben Stunde in Frau M.s Wohnung lenkt Johanna Koren ihren Ford Richtung Alte Jonastrasse. Dort lebt Herr C., der für seine 88 Jahre blendend aussieht. Er wirkt wie ein Mann von Welt, der leichte italienische Akzent in seinem Schweizerdeutsch unterstreicht seinen Charme. Vor 25 Jahren riss bei einem Skiunfall seine Achillessehne und wurde anschliessend operiert. Nach einer mehrmonatigen Pause fing er wieder an, Sport zu treiben.

Noch im vergangenen Frühjahr eilte er auf dem Grünfeld Faustbällen nach. Dann lösten sich die Fäden, mit denen die Achillessehne geflickt worden war und entzündeten sich. Jetzt hat er eine handgrosse Wunde am Bein.

Wenn es nicht besser wird, werden die Ärzte im November die Achillessehne entfernen müssen. Koren macht ihm Hoffnung, während sie die Wunde pflegt und neu verbindet: «Es sieht besser aus. Ich werde dafür sorgen, dass die Wundpflegerin kommt und die Stellen entfernt, die sich abgelöst haben.»

Zurück in der Spitex-Zentrale oberhalb des Joner Feuerwehrdepots meldet Johanna Koren den Zustand von Herrn C.s Wunde und bittet ihre Vorgesetzte, die Wundspezialistin vorbeizuschicken. Kurz vor Mittag herrscht in den Büros reger Betrieb. Knapp 20 Mitarbeiterinnen waren an diesem Morgen im Einsatz und kommen nun zurück. Koren versorgt die Krankenakten im Schrank und steckt das Netbook, in dem sie ihre Besuche und Tätigkeiten registriert hat, ans Netz.

erschienen: 12.05.2016

Kommentare