Buchbesprechung «Anderland»

Wo die Gefühle regieren

Während ein klassischer Reiseführer nur die attraktiven Ziele empfiehlt, führt Schützendorf auch in dunklere Täler.
Während ein klassischer Reiseführer nur die attraktiven Ziele empfiehlt, führt Schützendorf auch in dunklere Täler. Bild PD

Erich Schützendorf hat einen Reiseführer geschrieben über «das Land, in dem Menschen mit Demenz leben». Er gibt viele praktische Tipps und Anregungen – beleuchtet aber nur eine Region dieses Landes.

Von Petra Rösler

Angesichts des stetig wachsenden Tourismus ist es wohl zeitgeistig, einen Text über Menschen mit Demenz als Reiseführer zu gestalten. So lädt Erich Schützendorf gemeinsam mit Ko-Autor Jürgen Datum in seinem neuen Buch nach Anderland ein – so nennt er das «Land, in dem Menschen mit Demenz leben.»

In dem abwechslungsreich gestalteten Band mit Erklärungen, Geschichten, Tipps und Gedichten stellt er ein breites Spektrum an Verhaltensweisen und Emotionen vor. Während ein klassischer Reiseführer aber nur die attraktiven Ziele anführt – hier wären das etwa «Lächeln, Geniessen, Freude» – führt uns Schützendorf auch in dunklere Täler namens «Tabus, Aggressionen, Peinlichkeiten, Sinnlosigkeiten».

Die Haltung, die sich der Autor von den Lesenden (= Reisenden) wünscht, ist Toleranz, Offenheit und Wertschätzung.

Sein Anliegen ist, die Verhaltensweisen der Menschen mit Demenz so darzustellen, dass der darin verborgene Sinn, die Logik aus ihrem Erleben, die anders gelagerte «Wahrheit» sichtbar werden. Dies gelingt ihm durch viele konkrete Beispiele, an die er jeweils auch Tipps zu hilfreichem Verhalten anschliesst.

Schützendorf versteht sich weniger als Fremdenführer denn vielmehr als Ethnologe, und zu dieser Perspektive will er auch die Leser einladen. Nicht rechthaberisch, nicht überlegen, nicht wertend (konkret weder «Entwicklungshelfer noch Missionar») sollen sie Anderland betreten, sondern als unvoreingenommene Entdecker.

Die Situationen, die er dabei schildert, betreffen Alltägliches: Essen und Trinken, Körperpflege und Kleidung, Bewegung und Freizeit. Allerdings bergen die Erzählungen eine Dramatik, die jeweils in einem handfesten Konflikt oder in dessen bewusster Vermeidung mündet.

Von Diebstahl, Aggression, Inkontinenz und Beleidigung ist da etwa die Rede, wobei das immer die Sicht der «Normalier» ist, der Schützendorf die ganz andere Logik von Anderland gegenüberstellt. Das Wertvolle des Textes liegt genau darin: Dass der Autor noch das scheinbar unsinnigste und verstörendste Verhalten von Menschen mit Demenz in einen grösseren Zusammenhang stellt und um Verständnis wirbt. Dabei weiss er um die Belastung von Pflegenden und Angehörigen und fordert von ihnen zwar Geduld und Entgegenkommen, aber auch Selbstfürsorge und Entlastung.

Er zeigt Möglichkeiten auf, kritische Situationen zu entspannen und wirbt für eine Begegnung auf Gefühlsebene statt auf rationalem Parkett.

Die Wurzel von Konflikten und Abwertung von Menschen mit Demenz insgesamt sieht Schützendorf in den Prinzipien des «Dionysischen» (Genuss, Spiel, Gefühl) und des «Apollinischen» (Verstand, Nutzen, Funktionalität).

Durch die Überbetonung des Letzteren in unserer Gesellschaft, so meint er, fällt es uns so schwer, Menschen mit Demenz in ihrem emotional geprägten (Er)Leben zu akzeptieren. Schützendorfs Anliegen ist es, ein Gleichgewicht herzustellen, in dem weder das Eine noch das Andere (nur) richtig und gut ist und in dem der Mensch mit Demenz anders handelt, aber nicht unterlegen ist.

Was man in diesem Buch vergeblich suchen wird, sind medizinische Informationen über Demenz als Krankheit (so sieht sie der Autor nämlich nicht) oder Beschreibungen verschiedener Formen und Phasen. Stattdessen gibt es zahlreiche «Tipps und Tricks», die manchmal etwas naiv daherkommen («Bleiben Sie so gelassen wie möglich»), oft im Unbestimmten bleiben («Seien Sie offen», «Seien Sie kreativ»), aber immer auf ein verstehendes Miteinander abzielen.

Erich Schützendorf wählt als Gattung für sein Demenzbuch den Reiseführer. Aber wer sind die künftigen Touristen, die dieses Buch zur Hand nehmen sollten? Betreuende Angehörige leben ja unmittelbar mit den Menschen mit Demenz, und auch professionell Pflegende sollten bereits Ortskenntnis des Anderlands haben.

Am ehesten werden wohl jene Angehörige diesen Reiseführer brauchen und davon profitieren, die nicht in der täglichen Betreuung involviert sind.

Und tatsächlich ranken sich auch viele der Geschichten im Buch um Verwandte, die zu Besuch in ein Pflegeheim kommen und die Erlebnisse dort nicht gleich einordnen können.

Kritisch zu hinterfragen ist jedenfalls der Titel: «Anderland» – wie ernst ist diese Vorstellung zu nehmen? Gibt es wirklich so etwas wie «Normalien» und daneben eine andere Welt, in der nach Schützendorfs Darstellung «die Menschen mit Demenz leben»?

Ist eine so strikte Dualität in Zeiten von Diversität und Inklusion noch zu vertreten? Wie könnte Partizipation überhaupt gedacht werden in diesem Szenario der unterschiedlichen Lebenswelten? Wer ein anderes Land bereist, übertritt eine Grenze – damit wären aber auch Ab- und Ausgrenzung gedanklich nicht weit.

Tatsächlich verlangt Schützendorf an einer Stelle nach einem «Biotop», wo Menschen mit Demenz geschützt leben können.

Wer ist befugt zu sagen, wo die Grenze liegt, wo Normalien aufhört und Anderland beginnt?

Diese Frage führt zu einem wesentlichen Schwachpunkt dieses Reiseführers: Er beschreibt ausschliesslich Personen mit einer weit fortgeschrittenen Demenz. Sie sind nicht mehr in der Lage, ihren Alltag auch nur annähernd selbständig zu bewältigen. Manche der Menschen in den Geschichten leben noch zu Hause, die meisten aber in stationären Einrichtungen.

Damit wäre Anderland gleichzusetzen mit einem Reiseführer in nur eine kleine Region der Welt von Menschen mit Demenz. Leider weist Schützendorf darauf aber nicht hin, er vermischt den Teil mit dem Ganzen.

Angesichts seines aufklärerischen Anspruchs ist es erstaunlich, dass grosse Gebiete dieser «Welt der Demenz» nicht beschrieben werden. Diejenigen, die sich um Enttabuisierung und Entstigmatisierung bemühen, werden diese Verkürzung auf die späten Demenzphasen besonders bedauern.

Man könnte es aber so sehen, dass dieser Reiseführer nur der erste Band einer Serie sein sollte – und darauf hoffen, dass viele Menschen mit Demenz den Mut und die Unterstützung bekommen, ihre Welt(en) und ihr Leben selbst zu beschreiben und für uns leichter verständlich zu machen.

Erich Schützendorf und Jürgen Datum: Anderland entdecken, erleben, begreifen: Ein Reiseführer in die Welt von Menschen mit Demenz. Ernst Reinhardt Verlag (September 2019)

erschienen: 04.11.2019

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