Gesundheitssystem

RAI konkret ...

Obwohl Frau Huber sich im Alltag ähnlich verhält und auch ähnlich viel Unterstützung benötigt wie Herr Aller, billigt ihr das RAI allein aufgrund ihrer Diagnose Trisomie 21 täglich 40 Minuten Pflege mehr zu.
Obwohl Frau Huber sich im Alltag ähnlich verhält und auch ähnlich viel Unterstützung benötigt wie Herr Aller, billigt ihr das RAI allein aufgrund ihrer Diagnose Trisomie 21 täglich 40 Minuten Pflege mehr zu. Bild Véronique Hoegger

... oder die manchmal nicht vorhandene Nachvollziehbarkeit der Systemvorgaben.

Von Gerd Kehrein

Die Sonnweid nutzt seit 2006 das Pflegebedarfserfassungssystem RAI (Resident Assessment Instrument). Dieses ermittelt über eine umfangreiche Informationssammlung das quantitative Ausmass der notwendigen Pflegemassnahmen und drückt dies in verschiedenen Pflegestufen aus. 

Je länger wir uns mit dem System auseinandersetzen, desto stärker drängen sich Fragen nach der inhaltlichen Nachvollziehbarkeit der Systemvorgaben auf. Einige Beispiele dazu will ich hier beschreiben.

(Lesebeispiel: Pflegestufe 3: 41 bis 60 Minuten pro Tag, Stufe 6: 101 bis 120 Minuten pro Tag, Stufe 9: 161 bis 180 Minuten pro Tag, die Namen der Patienten sind fiktiv).


Beispiel 1  Zusätzliche Therapien


Frau Klöti
Alzheimer Demenz  
                   
→ körperliche Mobilität nur leicht eingeschränkt

→ deutliche kognitive Beein-
trächtigung mit entsprechendem 
pflegerischen Informations- und Anleitungsbedarf in allen Alltags-
aktivitäten

→ keine schwerwiegenden Verhaltensveränderungen

⇒  Pflegestufe 5

Herr Schori
Apoplexie (Schlaganfall)                                   
→ körperliche Mobilität nur leicht eingeschränkt

→ trotz Sprachstörung und Beeinträchtigung der Feinmotorik
hoher Selbständigkeitsgrad in Alltagsaktivitäten

→ 1× wöchentlich Ergotherapie

→ 2× wöchentlich Logopädie

⇒ Pflegestufe 8

Obwohl Herr Schori im Alltag weniger Unterstützung durch Pflegende benötigt als Frau Klöti, billigt ihm das RAI aufgrund der erhaltenen Therapien täglich 60 Minuten Pflege mehr zu. 


Beispiel 2  Unterschiedliche Diagnosen


Herr Aller
Alzheimer Demenz

→ körperliche Mobilität deutlich
eingeschränkt, benötigt bei 
einzelnen Aktivitäten körperliche
Hilfe durch das Pflegepersonal 

→ keine schwerwiegenden
Verhaltensveränderungen

→ geniesst die Einbindung in
das Abteilungsleben

⇒  Pflegestufe 7                                

Frau Huber
Trisomie 21 und Alzheimer Demenz

→körperliche Mobilität deutlich
eingeschränkt, benötigt bei
einzelnen Aktivitäten körperliche
Hilfe durch das Pflegepersonal

→ keine schwerwiegenden
Verhaltensveränderungen

→ geniesst die Einbindung in
das Abteilungsleben

⇒ Pflegestufe 9                         

Obwohl Frau Huber sich im Alltag ähnlich verhält und auch ähnlich viel Unterstützung benötigt wie Herr Aller, billigt ihr das RAI allein aufgrund ihrer Diagnose Trisomie 21 täglich 40 Minuten Pflege mehr zu.


Beispiel 3  Art der Dokumentation


Frau Geeser
Alzheimer Demenz

→ körperliche Mobilität massig
eingeschränkt, benötigt bei
einzelnen Aktivitäten körperliche
Hilfe durch das Pflegepersonal

→ deutlich agitiertes Verhalten, das Mitbewohnende stört und
z.T. eine Selbstgefährdung darstellt;
die Pflege antwortet darauf mit
gemeinsam besprochenen und
umgesetzten spezifischen
Massnahmen im Rahmen einer
individuellen Tagesstruktur;
die Massnahmen
werden genau dokumentiert,
ihre Evaluation wird ausführlich
schriftlich festgehalten.

⇒ Pflegestufe 7   

Herr Sieber
Alzheimer Demenz

→ körperliche Mobilität mässig
eingeschränkt, benötigt bei
einzelnen Aktivitäten körperliche
Hilfe durch das Pflegepersonal

→ deutlich agitiertes Verhalten, das
Mitbewohnende stört und
z.T. eine Selbstgefährdung darstellt;
die Pflege antwortet darauf mit
gemeinsam besprochenen und
umgesetzten spezifischen
Massnahmen im Rahmen einer
individuellen Tagesstruktur; die
Massnahmen werden nur sporadisch dokumentiert, ihre
Evaluation geschieht in kleinem
Team mündlich.

⇒ Pflegestufe 5

Obwohl sich die real durchgeführte Pflege bei Herrn Sieber und Frau Geser praktisch gleich gestaltet, billigt das RAI Frau Geser aufgrund der schriftlichen Dokumentation täglich 40 Minuten Pflege mehr zu.


Beispiel 4  Verhaltensveränderungen bei Immobilität


Herr Nauer                                        
Alzheimer Demenz

vollständige Immobilität

→ braucht umfangreiche
Unterstützung in allen
Alltagsaktivitäten, z.T. durch
zwei Personen

→ erkennt die Notwendigkeit der pflegerischen Handlungen nicht mehr, verweigert sich ihnen nach seinen Möglichkeiten

→ «vergisst» häufig das Schlucken
und braucht daher für die Einnahme
einer Mahlzeit sehr viel Zeit   

 ⇒ Pflegestufe 9           

Frau Zuppi

Allgemeine Schwäche bei            Multimorbidität

→ vollständige Immobilität

→ braucht umfangreiche
Unterstützung in allen
Alltagsaktivitäten, z.T. durch
zwei Personen

→ ist dankbar für die Unterstützung des Pflegepersonals und verhält sich bei jeglichen pflegerischen Handlungen sehr kooperativ


 
⇒ Pflegestufe 9

Obwohl sich die pflegerische Unterstützung von Herrn Nauer aufgrund seines demenziell bedingten Verhaltens zeitlich deutlich intensiver gestaltet als bei Frau Zuppi, billigt ihm das RAI nur die gleiche Pflegezeit zu.

 

erschienen: 22.10.2019

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