Pflegedienst

Was passiert eigentlich in der Nacht?

Es gibt nur wenig Wissen darüber, was in Heimen in der Nacht passiert. Welche Pflegestrategien werden angewendet? Wie verhalten sich Menschen mit Demenz in der Nacht, wie die Pflegekräfte?
Es gibt nur wenig Wissen darüber, was in Heimen in der Nacht passiert. Welche Pflegestrategien werden angewendet? Wie verhalten sich Menschen mit Demenz in der Nacht, wie die Pflegekräfte? Bild PD

Der Pflegewissenschaftler Thomas Beer ist seit März 2018 zu Forschungszwecken in einem deutschen Pflegeheim tätig, wo er regelmässig Nachtdienste leistet. Er interessiert sich für die nächtlichen Lebenswelten von Menschen mit Demenz und ihren Pflegenden.

Von Marcus May

Thomas Beers besonderes Augenmerk gilt dabei den Handelspraktiken der Dauernachtwachen, die mit Menschen mit Demenz arbeiten. In den vergangenen 18 Monaten hat er im Rahmen einer Vorstudie zu einem Forschungsprojekt schon über 100 Nachtdienste begleitet. Im Interview spricht er über seine Erfahrungen.

alzheimer.ch: Herr Beer, Sie lehren an der Fachhochschule St.Gallen, verbringen aber viele Nächte im Pflegeheim, sind Sie ein Nachtmensch geworden?

Prof. Dr. Thomas Beer.
Prof. Dr. Thomas Beer. Bild PD

Thomas Beer: Ich bin tatsächlich ein Teil dieser nächtlichen Lebenswelt geworden, natürlich nicht vollständig, denn ich bin immer noch ein Exot unter diesen Menschen und werde das auch bleiben.

Aber ich versuche ein nächtlicher Zaungast zu sein. Ich beobachte, was dort passiert, beobachte die Menschen und gleichzeitig mich selbst: Wie verhalte ich mich und warum mache ich es so, wie ich es mache? Wie geht es mir dabei?

Wie sind Sie auf das Thema gestossen?

Es gibt nur wenig Wissen darüber, was in Heimen in der Nacht passiert. Welche Pflegestrategien werden angewendet? Wie verhalten sich Menschen mit Demenz in der Nacht, wie die Pflegekräfte?

Ich wurde wachgerüttelt von Berichten über die permanente Zunahme verordneter Nachtmedikamente und Psychopharmaka. Es ist eine Realität, dass Menschen mit Demenz so behandelt werden, es scheint zur Normalität geworden zu sein. Mich interessierte also, was während dieser zehn bis zwölf Stunden tatsächlich geschieht. Wie kann man das legitimieren? Ich wollte einen Einblick gewinnen.

Welchen Fragen gehen Sie nach?

Die Vorstellungen zur Nacht gehen von den Institutionen aus und stimmen oft nicht mit den Vorstellungen und Bedürfnissen der Betroffenen überein.

Ich stelle fest, dass sich Handlungsstrategien oft an den Realitäten von Menschen ohne Demenz orientieren.

Ich frage auch, inwieweit Gewalt ein ständiger Begleiter der Nacht ist, sei es verbale, körperliche oder chemische Gewalt. Und warum will man permanent Ruhe herstellen? Warum ist alles darauf ausgerichtet? Dafür werden ebenfalls Gewaltmechanismen benutzt.

Thomas Beer

Prof. Dr. rer. medic. Thomas Beer (47) ist examinierter Krankenpfleger, Dipl. Pflegewirt und Dipl. Pflege- und Gesundheitswissenschaftler mit Lehr- und Forschungsschwerpunkt in der Pflege von Menschen mit Demenz. Als Dozent für Pflege und Pflegewissenschaft an der FHS St.Gallen ist er für das Programm des St.Galler Demenzkongresses verantwortlich.

Ich muss hier betonen, dass diese Zustände systemisch begründet sind. Ich möchte das keinesfalls als Kritik an den Nachtdienstleistenden verstanden wissen, weil sie teilweise gar nicht anders agieren können, wenn sie für zig Menschen allein verantwortlich sind. Diese Menschen mit Medikamenten zu beruhigen ist zu einer Normalität geworden.

Eine solche Massnahme kann doch auch dem Schutz des Umfeldes dienen, dem Schutz der Mitbewohnenden?

Genau, das habe ich durchaus beobachtet. Es ist eine Strategie mit der Argumentation, dass eine Emotionsansteckung nicht stattfinden soll. Sobald jemand herausforderndes Verhalten zeigt, steckt das die anderen an und es beeinflusst auch die nächtlichen Pflegekräfte, deren Ablauf dadurch beeinträchtigt wird. Dieser Ansatz ist durchaus nachvollziehbar.

Ist er auch zu akzeptieren?

Als Wissenschaftler steht es mir in dieser Form der Forschung, wie ich sie betreibe, nicht zu, die Dinge zu werten. Ich sage nicht, etwas sei gut oder weniger gut.

Ich will einfach verstehen, warum die Pflegenden etwas tun, und sie erklären mir dann, warum sie es tun und wie sie es tun.

Wenn ich hingegen aus der Rolle des Forschers heraustrete und es als Bürger betrachte, oder auch als Pflegeexperte, ist es gesellschaftlich und pflegewissenschaftlich schwer zu akzeptieren.

Im Fachmagazin «substanz» der Fachhochschule St.Gallen schrieben sie, der Nachtdienst sei erst dann vollkommen, wenn nichts anderes passiert. Haben Sie damit das Dilemma quasi auf den Punkt gebracht?

Das ist eine Arbeitshypothese, etwas, dass ich übrigens auch an mir selbst festgestellt habe: Es ist dann ein guter Nachtdienst gewesen, wenn alles ruhig geblieben ist. Wenn alle ruhig geschlafen haben und es keine Zwischenfälle gegeben hat. Der Dienst ist dann perfekt, wenn nichts passiert.

Sämtliche Strategien, so habe ich das immer wieder selbst erlebt, sind darauf ausgelegt, zu beruhigen. Meine Vermutung ist, dass alles am Organisationsprinzip und dem Prinzip der Pflegenden ausgerichtet ist.

Sie haben geschrieben, dass sie sich immer unwohl und bedrückt fühlten, bevor Sie den Dienst antraten. Sie haben auch festgestellt, dass es einigen Kollegen ähnlich ergeht. Wie ordnen Sie das heute ein?

Ich kann es immer noch nicht einordnen, ich habe keine Antwort darauf. Es geht mir auch nach 100 Nächten noch so. Ich fahre mit dem Bus dorthin und habe eigentlich gar keine Lust auf diese Tätigkeit. Ich habe keine Erklärung dafür, werde diese Frage aber in meiner nächsten Interview-Serie thematisieren.

Ich erlebe es ja ständig selbst: Es ist diese permanente Auseinandersetzung mit Ausscheidungen, dieses ständige Arbeiten in Routinen.

Das löst bei mir persönlich ein Unwohlsein aus und bringt mich dazu, die allgemeine Arbeitssituation als negativ wahrzunehmen. Und dann frage ich mich: Warum tu ich mir das an? Warum tut sich überhaupt jemand sowas an?

Muss man also für den Nachtdienst geschaffen sein?

Im Pflegeheim, wo ich arbeite, gibt es nur Dauernachtwachen. Diese Fachkräfte haben sich bewusst dafür entschieden. Sie möchten es tun und bewerten ihre Arbeit erstmal als positiv, weil sie anscheinend genau dort die Art der Pflege ausüben können, die sie gerne machen.

Sie müssen sich nicht in ein grosses Team integrieren, sie sind kaum mit anderen Kollegen konfrontiert, sie können Ihre Autonomie praktizieren. Sie sind es beispielsweise gewohnt, Arbeiten zu verrichten, die man eigentlich zu zweit macht, dafür haben sie ihre eigenen Strategien entwickelt.

Tag- und Nachtdienst sind hier wie zwei parallele Pflegewelten. Man weiss kaum etwas voneinander.

Vom Tagdienst möchte kaum jemand in den Nachtdienst wechseln und umgekehrt.

Sie sind ursprünglich Krankenpfleger und kennen den Nachtdienst auch von früher. Hat sich in den letzten 25 Jahren etwas verändert?

Ich habe vor allem in der Intensivpflege gearbeitet, den Vergleich zur Altenpflege kann ich nicht machen, nur, dass ich mich schon damals sehr unwohl gefühlt habe dabei. Dennoch stelle ich fest, dass sich in der Nacht anscheinend wenig verändert hat, die Stellensituation ist immer noch die gleiche.

Die Nachtzeiten werden permanent ausgeweitet. Ich frage mich, warum die Nacht bereits um 20 Uhr beginnen muss und erst um sieben oder acht Uhr morgens endet? Ein grosser Teil des Tagesgeschäfts findet dadurch in einer absoluten Minderbesetzung statt, in der keine Pflege und keine Aktivierung stattfindet.

Was ich ebenfalls beobachte: die Ausweitung der Nachtzeiten führt dazu, dass Stellensituationen neu diskutiert und bewertet werden. Auch stelle ich fest, dass die Konzepte zur Nachtpflege, die in den 1990er-Jahren entwickelt wurden, wie Nachtcafés oder ähnliche Aktivitäten, heute immer weniger angewendet werden.

Bedauern Sie das?

Unbedingt. Die Nacht ist für mich nach wie vor ein völlig unterschätzter Zeitraum, den viele Einrichtungs- und Pflegedienstleitenden nicht im Fokus haben. Sie wissen nicht, was nachts passiert, manche wollen es vielleicht auch gar nicht wissen.

Fakt ist, dass vieles in der Nacht passiert, das nicht passieren sollte. Die Pflegekräfte machen, was sie können, so gut sie es können.

Meine Kritik richtet sich gegen die indiskutablen Rahmenbedingungen, die dazu führen, dass Pflegende im Nachtdienst Dinge tun müssen, die sie nicht unbedingt möchten.

Sie können einfach nicht anders. Dadurch bewegen sie sich in einem permanenten Dilemma.

Das ist übrigens eine weitere These von mir: Pflegerische Dilemma-Situationen, wie sie täglich vorkommen, potenzieren sich in der Nacht. Im Tagdienst hat man die Möglichkeit, andere beizuziehen oder auf andere zu verweisen, in der Nacht ist man oft auf sich allein gestellt.

Am St.Galler Demenzkongress werden Sie ein Referat halten mit dem Titel «Stille Nacht, einsame Nacht – der nächtliche Tod im Pflegeheim». Ich nehme an, dass Sie während diesen vielen Nachtdiensten dem Tod mehrfach begegnet sind. Was sind Ihre Betrachtungen hierzu?

Es ist auf jeden Fall ein einsamer Tod, unabhängig davon, ob sich die sterbende Person vielleicht sogar gewünscht hat, allein zu sterben.

Der Tod in der Nacht ist deshalb einsam, weil die Konzeptlosigkeit einsam macht, weil niemand da ist, der sich zu diesen Menschen hinsetzt.

Die Pflegekraft ist in einem Dilemma gefangen. Für welche Pflegesituation soll sie sich entscheiden? Soll sie sich um den Mann kümmern, der gerade herausforderndes Verhalten zeigt, oder um die Frau, die sich in der Endphase ihres Lebens befindet? Die Pflegenden befinden sich hier in einem Dauerkonflikt.

 

erschienen: 08.10.2019

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