Die Pflegehexe

Menschen mit Demenz sind gute Lehrer

Sie sind wie Kinder: Dies hört man oft, wenn es um Menschen mit Demenz geht.
Sie sind wie Kinder: Dies hört man oft, wenn es um Menschen mit Demenz geht. Bild PD

Unserer Pflegehexe gefällt es nicht, wenn Menschen mit Demenz mit Kindern verglichen werden. Und sie will, dass die Würde aller Menschen unantastbar bleibt.

Von Madame Malevizia

Ich möchte heute über zwei Sätze schreiben, die ich im Zusammenhang mit Demenz häufig höre. Ich bin ziemlich sicher, die meisten Leser kennen beide. Der erste Satz, den ich immer wieder höre, sehe und lese ist: «Menschen mit Demenz sind wie Kinder.»

Ich mag diesen Satz nicht. Auf den ersten Blick wirkt er nicht ganz falsch. Menschen mit demenzieller Veränderung werden irgendwann so abhängig, wie es ein Kind ist. Aber trotzdem sind sie nicht gleich. Ein Kind besitzt die Fähigkeit, sich anzuziehen, die Ausscheidung zu kontrollieren, sich zu orientieren noch nicht. Ein Mensch mit Demenz verliert diese Fähigkeiten zunehmend.

Ich finde, das ist ein sehr wichtiger Unterschied. Denn genau dieser Unterschied, macht es für die Angehörigen so schwer, dies mitanzusehen. Genau dieser Unterschied erklärt die Wut, die manchmal so ungebremst aus den Menschen mit demenzieller Veränderung herausbricht, wenn wir Pflegenden oder die Angehörigen doch nur helfen wollen.

Der elementarste Unterschied zwischen Kindern und Menschen mit Demenz ist für mich jedoch: Ein Kind hat sein Leben noch vor sich und ist erst dabei seine eigene Persönlichkeit zu entwickeln.

Ein Mensch mit Demenz hat eine Lebensgeschichte und eine eigene Persönlichkeit.

In meiner Arbeit als Pflegefachperson habe ich unzählige Erfahrungen mit Menschen mit Demenz gemacht. Die Begegnungen sind mir gut in Erinnerung geblieben. Menschen mit Demenz waren für mich sehr gute Lehrerinnen und Lehrer. An einem konkreten Beispiel möchte ich Ihnen zeigen, warum ich der Meinung bin, dass die Persönlichkeit eines Menschen bis zum Schluss, auch bis zum Endstadium der demenziellen Veränderung, entscheidend ist:

Im Pflegeheim, in dem ich sieben als Pflegefachfrau gearbeitet habe, gab es eine Frau mit Demenz. Diese Frau war zeitlebens ledig und – ganz wichtig zu wissen: Lehrerin. Sie hatte in einem Dorf in der Nähe von Zürich ihr Amt mit Herzblut ausgefüllt. Ihre Angehörigen (Nichten und Neffen) sagten uns, dass sie als sehr streng, aber gerecht galt.

Pflegehexe Madame Malevizia.
Pflegehexe Madame Malevizia. Bild Eve Kohler

Sie mochte es überhaupt nicht, wenn jemand nicht «schön» sprach. Jetzt war diese Frau also bei uns im Pflegeheim, wohlverstanden, im Kanton Bern. Etwas musste jede Pflegende wissen: Wollte man diese Frau dazu bringen, sich hinzusetzen, durfte man sie keinesfalls auffordern «abzhocke». Dies ist ein anderer Ausdruck für absitzen, der im Berndeutsch durchaus salonfähig ist.

Nicht so bei dieser Dame. Sie sah einem jeweils mit ihrem durchdringenden Blick an, dass es einem beinahe die Schuhe auszog und schimpfte: «Hocken tut man im Knast!» Sie war nach diesem Fauxpass nicht mehr dazu zu bringen, sich zu setzen.


 → Hier geht es zum Interview mit Madame Malevizia


Eine andere Pflegende musste jeweils mit der Frau eine Runde drehen, bevor sie sie dann wieder auffordern konnte «abzusitzen». Das tat sie dann auch hochzufrieden. Diese Frau hat ihre Persönlichkeit als Lehrerin behalten, bis zum Schluss, war sie streng mit uns Pflegenden und achtete auf die schöne Sprache.

Genau diese Begegnungen sind es, welche die Arbeit mit Menschen mit Menschen mit Demenz so besonders macht. Da sind Persönlichkeiten und Lebensgeschichten.

Egal wie kurz der Kontakt zu ihnen auch ist: Sie geben uns immer auch etwas davon mit.

Der zweite Satz, über den ich heute schreiben möchte, schmerzt mich jedes Mal, wenn ich ihn höre: «Wenn ich dement werde, wähle ich den Freitod.» Im ersten Moment könnte man glauben, dass Menschen, die das sagen, der Meinung sind, ein Leben mit Demenz sei nicht lebenswert.

In der Auseinandersetzung und der Diskussion mit diesen Menschen habe ich festgestellt: Das ist es nicht. Diesem Satz liegt vor allem eines zugrunde: Angst. Es ist die Angst vor der Unterversorgung. Es ist die Angst, die Toilette nicht mehr zu finden und niemanden zu haben, der sie zeigt. Es ist die Angst, mit nassen oder verstuhlten Hosen dazustehen –und keiner ist da, der hilft, dieses Malheur zu beheben.

Es ist die Angst davor, nicht mehr in der Lage zu sein, Bedürfnisse adäquat zu äussern. Dass niemand da ist, der sie zu verstehen versucht, und alles daran setzt, ihr Bedürfnis zu erkennen und zu erfüllen.

Diese Menschen haben Angst davor, ihre Würde zu verlieren.

Das schmerzt mich – weil wir in der Schweiz Gefahr laufen, dass genau das passiert. Neulich versuchte ich die Demenzstrategie 2019 zu lesen. Ich konnte es nicht. Ich konnte es nicht, weil alles, was in diesem Papier steht, wohl genau das wäre, was es bräuchte, damit niemand mehr aus Angst vor dem Verlust der eigenen Würde den Freitod in Betracht ziehen muss.

Doch von allen diesen Zielen kommt kaum etwas bei der Basis an. Es wurden sehr viele Papiere und Richtlinien ausgearbeitet. Doch jetzt, wo es um die Umsetzung geht, ist weder Zeit noch Geld da. Wieder einmal wurden unglaublich viele Buchstaben produziert, doch für die Menschen an der Basis ändert sich nichts. Weder für die Betroffenen, für die Angehörigen noch für die Pflegenden.

Ich bin der Meinung, dass jetzt eine Demenzstrategie gefragt ist, die sich aufs Handeln ausrichtet.

Eine, die nicht schreibt, sondern eine die tut. Und ihr Leitsatz muss sein: «Die Würde des Menschen ist unantastbar.»

Dieser Text entstand aus einem Referat, das Madame Malevizia im Sommer 2019 am Zürcher Demenz Meet hielt.

→ Hier gehts zur Website von Madama Malevizia

erschienen: 12.09.2019

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