Zahnbehandlung

Bei den Zähnen ist weniger oft mehr

In der Alterszahnmedizin denkt man heute viel konservativer. Oft ist weniger mehr und es geht vor allem darum, es den Betroffenen so angenehm wie möglich zu machen.
In der Alterszahnmedizin denkt man heute viel konservativer. Oft ist weniger mehr und es geht vor allem darum, es den Betroffenen so angenehm wie möglich zu machen. Bild PD

Die Mundgesundheit von pflegebedürftigen älteren Menschen ist schlechter als die der Rest­bevölkerung. Bei Menschen mit Demenz ist die Lage noch prekärer: Sie vergessen zu putzen, wissen nicht mehr, wozu eine Prothese da ist oder verweigern die Behandlung. Mobiles zahnmedizinisches Personal oder Heimzahnärztinnen schaffen Abhilfe.

Von Petra Schanz

Früher hatten viele alte Menschen ein Gebiss. Doch die Seniorinnen und Senioren von heute werden mit ihren eigenen Zähnen älter – eine Herausforderung für Zahnärztinnen und Zahnärzte, ist die Schweizerische Zahnärzte-Gesellschaft SSO überzeugt.

Ältere, mehrfach kranke Patienten stellen komplexe Anforderungen an die Behandelnden. Karies-Bakterien bleiben nämlich nicht nur im Mund. Sie gelangen in die Blutbahnen und verteilen sich im ganzen Körper. Der Allgemeinzustand der betroffenen Person verschlechtert sich.

Auch Zusammenhänge zwischen Zahnfleischentzündungen und Atemwegsinfekten wurden in Studien festgestellt. Die Folge ist eine Zunahme von Lungenentzündungen. Und schliesslich kann der Wegfall eines Zahnes auch die Gangsicherheit und die kognitive Leistungsfähigkeit beeinträchtigen.

Die Mundhygiene hat also einen grossen Einfluss auf den allgemeinen Gesundheitszustand einer Person. Doch wie kommt es, dass die Mundgesundheit bei älteren pflegebedürftigen Menschen so schlecht ist? Achtet das Pflegepersonal zu wenig darauf? Haben Zahnärztinnen und Zahnärzte versagt? Die Problematik ist vielschichtiger und hat mehrere Gründe.

Zähneputzen stimuliert das Hirn

Elisabeth N. hat die Diagnose Demenz eben erst bekommen. Noch kann sie sich mit Zetteln, die sie sich als Erinnerungsstützen schreibt, selbst helfen, um alltägliche Dinge nicht zu vergessen. So hängt auch im Badezimmer eine Notiz, die sie daran erinnert, dass sie regelmässig und gründlich ihre Zähne putzen muss.

Ihr betreuender Lebenspartner ist ihr dabei eine grosse Stütze. Er ist es auch, der die langjährige Zahnärztin der beiden über die Diagnose informiert und so lange es noch geht regelmässige Kontrollen und Termine bei der Dentalhygienikerin vereinbart.

«In dieser Phase der Krankheit ist noch jede Art von Behandlung möglich», sagt Walter Weilenmann, der als Zahnarzt mit eigener Praxis in Wetzikon im Zürcher Oberland auch die Patientinnen und Patienten des auf Menschen mit Demenz spezialisierten Heims Sonnweid betreut.

Zu Beginn eines Heimeintritts funktioniere das Zähneputzen noch. «Neben der Aktivierung bestimmter Hirnareale ist dies auch eine soziale Zuwendung durch die Betreuenden, was ebenfalls eine wichtige Stimulation für das Hirn ist», sagt Weilenmann.

Allerdings sei eine exakte Hygiene aufgrund der zunehmend eingeschränkteren Motorik immer weniger möglich, weshalb vor allem in den hinteren Zahnregionen bereits Karies beginne. Hinzu kommt, dass Süssigkeiten gerade bei diesen Menschen eine grosse Rolle spielen.

Ein Versuch, in der Sonnweid den Zucker zu reduzieren, scheiterte, wie Weilenmann berichtet:

«Künstlich gesüsste Patisserie wurde nicht gegessen. Zucker liefert halt Kraft und Energie, und der Genuss trägt zur Lebensqualität bei.»

Johann B. lebt seit längerem in einem Heim. Sein Zustand hat sich aufgrund der Demenz verschlechtert, weshalb er inzwischen auf der Pflegeabteilung ist. Seine Zahnprothese zieht er nicht mehr an. Er spricht nur noch sehr schwer verständlich – es ist deshalb schwierig herauszufinden, ob sie ihn irgendwo drückt und stört oder ob er gar nicht mehr weiss, wozu sie eigentlich dient.

Gegen das Zähneputzen wehrt sich Johann B. immer öfter. Er versteht nicht, was das Pflegepersonal mit dieser kleinen Bürste an seinem Mund will. Auch mit der Mundspülung, die man ihm anbietet, weiss er nichts anzufangen. Einmal hat er sie hinuntergeschluckt, ein andermal ausgespuckt.

In einem solchen Stadium wird flüssige Nahrung wichtig, weil die Patientinnen und Patienten ihre Prothesen nicht mehr benutzen oder gleich ganz mit dem Kauen aufhören. «Es entsteht dann sehr viel Karies, die Löcher sind tief und die Zähne brechen ab», weiss Weilenmann aus Erfahrung.

Oft seien es die Angehörigen, die ihn dann ansprächen, weil sie der optische Anblick schockiere. Doch Dr. Weilenmann macht nur noch das Nötigste.

Früher machte er in solchen Situationen eine Narkose, aber das unterlässt er inzwischen aufgrund des hohen altersbedingten Risikos.

«Wir dachten vor 30 Jahren, Eiter und Geschwüre wären die Folge von solch starker Karies und kaputter Zähne», sagt Weilenmann. Doch dies sei nicht eingetreten. Ein Knochen könne den sich darüber befindenden entzündeten Zahn abstossen.

Weil die Betroffenen nicht mehr kauen, also auch nicht mehr auf die Zähne beissen, verlaufe dieser Prozess ganz ohne Schmerzen. Weilenmann hat inzwischen einen alternativen Weg gefunden, seine Patientinnen und Patienten mit Demenz zu behandeln:

«Wenn wir den Eindruck haben, ein Zahn störe jemanden, gehen wir abends, wenn alles ruhig ist, zur betreffenden Person ans Bett. Sie bekommt ein leichtes Schlafmittel, wir machen eine normale Spritze und ziehen den Zahn minimalinvasiv aus, das heisst mit langsamen, behutsamen Bewegungen, damit sie fast nichts davon merkt.»

Mobile Zahnarztpraxis

Die Zahnärztin Stephanie Casparis hat sich ganz auf die Behandlung von älteren Patienten spezialisiert. Ihr Unternehmen Simply Smile ist eine mobile Organisation, eine Art zahnmedizinische Spitex für ältere Mernschen, die zu wenig mobil sind, um eine Praxis aufzusuchen. «Oft braucht es einen sehr grossen Leidensdruck, bis diese Menschen in einer Zahnarztpraxis auftauchen», sagt Casparis.

Ausserdem verhindere die ungewohnte Umgebung oft die gewünschte Kooperation und damit einen Behandlungserfolg. Ein Grossteil der Patienten von Simply Smile sind Menschen mit Demenz in den unterschiedlichsten Stadien.

Bei fortgeschrittener Demenz werden die Leute ebenfalls im eigenen Bett liegend behandelt. In der Regel kommt eine Dentalhygienikerin vorbei, die Zähne, Zunge und Prothesen reinigt und kontrolliert. Stellt sie Veränderungen fest, wird eine Zahnärztin oder ein Zahnarzt hinzugezogen.

Meistens sei die Kooperation gut: «Wenn zusätzlich Angehörige oder jemand aus der Betreuung anwesend sind, funktioniert das meistens gut», sagt Casparis. Und wenn mal jemand den Mund nicht öffnen möchte, dann versuche man es eben einen Tag später nochmals.

Auch Casparis arbeitet nach dem Grundsatz: je weniger desto besser. Man denke in der Alterszahnmedizin viel konservativer.

«Es geht primär darum, die Leute beim Essen zu behalten und Schmerzen zu vermeiden.»

Im letzten Stadium werde dann zahnärztlich nicht mehr viel gemacht. Wichtig sei, dass man es der oder dem Betroffenen so angenehm wie möglich mache.

Die Zahnärztegesellschaft SSO begrüsst solche mobilen Modelle. Es gebe auch einzelne Pflegeheime, die von einem Zahnarzt oder einer Zahnärztin betreut würden. «Ideal wäre es natürlich, wenn jedes einzelne Pflegeheim einen zuständigen Heimzahnarzt hätte», sagt Bettina von Ziegler, SSO-Beauftragte für Alterszahnmedizin.

Dieser würde Eintrittsuntersuchungen machen und könnte dafür sorgen, dass die Mundgesundheit wiederhergestellt werde oder erhalten bleibe. Er wäre auch Ansprechpartner bei Schmerzen im Mundbereich.

Bis heute ist es erst im Kanton Graubünden für Pflegeheime Pflicht, über einen Heimzahnarzt oder eine Heimzahnärztin zu verfügen. In den restlichen Kantonen entscheidet das die Pflegeleitung eines Heims. Für Bettina von Ziegler ist klar: «Von einer flächendeckenden Versorgung sind wir noch weit weg.»

Video: Tipps zur Zahn- und Mundpflege bei pflegebedürftigen Senioren


Quelle Youtube/Bundeszahnärztekammer

 

 

erschienen: 24.04.2019

Kommentare