Viventis Pflegepreis 2018

Gewinner sind die Schafsbesuchs-Tage

Susi Saxer übergibt den 1. Preis und 10 000 Franken an Marc Boutellier und Gaby Zbinden von der Stiftung Hofmatt in Münchenstein.
Susi Saxer übergibt den 1. Preis und 10 000 Franken an Marc Boutellier und Gaby Zbinden von der Stiftung Hofmatt in Münchenstein. Bild PD

Die Fachstelle Demenz der Fachhochschule St.Gallen und die Viventis Stiftung haben am St.Galler Demenz-Kongress die besten Praxisprojekte in der Pflege und Begleitung von Menschen mit Demenz gekürt.

Auf den ersten Platz geschafft hat es ein tiergestütztes Angebot der Stiftung Hofmatt in Münchenstein: An den «Schafsbesuchstagen» verbringen Menschen mit Demenz zusammen mit ihren Angehörigen, Freiwilligen und Pflegenden sowie einer Herde handzahmer Schafe Zeit miteinander. Die Resultate überraschen.

Jeden Dienstag grasen neun Zwergschafe im Garten der Stiftung Hofmatt – jedoch nicht, um den Rasen zu mähen, sondern um Aktivität und Gemeinschaft zu fördern: Die Bewohnerinnen und Bewohner des «Kompetenzzentrums für das Alter» haben die Möglichkeit, gemeinsam mit den Angehörigen und Betreuenden den Garten für die Tiere im Vorfeld einzuzäunen sowie Wasser und Futter bereitzulegen, um danach Zeit mit den Tieren geniessen zu können. 

Am Morgen findet jeweils ein erster Block im Zeichen von Einzel- oder Gruppenaktivierung statt. Danach erhalten die Bewohnenden und die Tiere eine Ruhepause, bevor am Nachmittag weitere Aktivitäten wie gemeinsames Kochen über dem Feuer oder auch mal Schafe scheren anstehen.

Da die Schafsbesuchstage von März bis Oktober stattfinden, erleben die Bewohnenden drei Jahreszeiten hautnah – im Freien, bei jeder Witterung, mit Tieren, die selbst bei Menschen mit weit fortgeschrittener Demenz zu ungewöhnlichen Interaktionen führen.

Die Austragung des sechsten St. Galler Demenzkongresses stand unter dem Motto «Freiheit leben – (gem)einsame Wünsche und Hoffnungen». alzheimer.ch/youtube

Stroh, Wolldecken und Punsch

Auf den zweiten Platz geschafft hat es das Projekt «Weihnachtszelt» des Alterswohnsitzes Bürgerspital in St.Gallen. Dabei dürfen Menschen mit Demenz an verschiedenen Abenden während der Adventszeit Angebote in einem speziellen Zelt mit Stroh, Wolldecken, Weihnachtsgebäck und Punsch besuchen. 

Der Ablauf erfolgt beim Eindunkeln stets gleich: Besammlung vor der Gartentüre. Jeder Bewohner, jede Bewohnerin, erhält eine Kerze. Spaziergang durch einen Fackelweg bis zum Zelt – ein Expeditionszelt ohne Boden, dafür mit Strohballen und Heu.

Die beiden Initiantinnen Ruth Moyano und Brigitte Eugster freuen sich über den zweiten Platz.
Die beiden Initiantinnen Ruth Moyano und Brigitte Eugster freuen sich über den zweiten Platz. Bild PD

Vor Ort werden die Bewohnenden je nach Mobilität und Bezug zueinander auf den Strohballen oder im Rollstuhl positioniert. Warme Decken werden verteilt. Dann folgt eine persönliche Begrüssung jedes Einzelnen mit einem Händedruck.

Erste Eindrücke werden verarbeitet – Kälte, Gerüche, Dunkelheit und Licht. Gemeinsam singen die Anwesenden bekannte Weihnachtslieder nach individuellen Wünschen der Bewohnenden, begleitet von Instrumenten und rhythmischen Bewegungen.

Es folgen Kurzgeschichten mit dazu passenden Eindrücken, bevor weitere typische Adventsaktivitäten durchgeführt werden: Degustieren der Weihnachtsbäckerei, Glühwein, Punsch, spezielle Klänge hören wie eine Glocke, und mehr.

Für Frühbetroffene

Mit dem dritten Platz wurde ein Projekt des Vereins «mosa!k» aus St.Gallen ausgezeichnet, das speziell für Frühbetroffene erarbeitet wurde: Unterstützte Gesprächsgruppen.

«Du kannst dich in deiner Angehörigengruppe austauschen. Und wo kann ich meine Fragen und Nöte besprechen?» Diese Frage eines bereits früh an Demenz erkrankten Mannes an seine Ehefrau haben die beiden Pflegefachfrauen Cristina De Biasio Marinello und Ulla Ahmann vom Verein «mosa!k» dazu veranlasst, zu handeln.

Die beiden Pflegefachfrauen Cristina De Biasio Marinello und Ulla Ahmann erreichten den dritten Platz.
Die beiden Pflegefachfrauen Cristina De Biasio Marinello und Ulla Ahmann erreichten den dritten Platz. Bild PD

Ihr Verein hat zum Ziel, im Raum St.Gallen/Appenzell Angebote für Menschen mit Demenz anzubieten, insbesondere für Frühbetroffene. In diesem Rahmen entwickelten sie das Projekt «Unterstützte Gesprächsgruppen».

Dabei geht es um Gruppen von frühbetroffenen Personen, die sich einmal im Monat über ihren Alltag, die Demenz und die damit verbundenen Herausforderungen unterhalten und sich dadurch gegenseitig unterstützen.

Aktuell bestehen zwei Gesprächsgruppen: eine mit Teilnehmenden unter 65 Jahren und eine mit älteren Personen, welche die Diagnose erst kürzlich erhielten. Aus diesen Gesprächsgruppen sind bereits einige Aktionen entstanden, welche die Sensibilisierung der Demenz weiter vorantreiben sollen.

 

Auf neuen Wegen zu mehr Lebensqualität. «Der lebendige Austausch zwischen Pflegepraxis und Wissenschaft ist ein wichtiges Anliegen des St.Galler Demenz-Kongresses», sagt Susi Saxer, Mitarbeiterin der Fachstelle Demenz der FHS St.Gallen

Aus diesem Grund haben die Fachstelle und die Viventis Stiftung im Februar 2018 die Ausschreibung für herausragende Praxisprojekte lanciert. Gesucht waren zum übergeordneten Thema «Freiheit leben – (gem)einsame Wünsche und Hoffnungen» innovative Pflegeansätze zur Förderung des Wohlbefindens von Menschen mit Demenz, der pflegenden Angehörigen oder der professionellen Pflegenden. Um den Viventis-Pflegepreis konnten sich Praxisorganisationen aus dem Gesundheits- und Sozialbereich bewerben.

Die Bewertung erfolgte durch eine Jury, bestehend aus Fachexpertinnen und -experten aus Praxis und Wissenschaft mit Erfahrung und Fachkompetenz im Bereich Demenz. Zur Evaluation wurden die Projekte anonymisiert. Die Jury wählte in drei Evaluationsschritten die drei besten Projekte aus. Die drei besten wurden dann von zwei Vertreterinnen von Praxis und Wissenschaft vor Ort begutachtet.

erschienen: 16.11.2018

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