Meinungen

Welche Pflege braucht ein Mensch mit Demenz?

«Weil die administrativen Aufgaben zunehmen und Personalmangel besteht, nimmt man die Pflegefachpersonen in vielen Betrieben weiter vom Patienten weg. Das ist eine ungesunde Entwicklung», sagt die Gewerkschafterin Helena Zaugg.
«Weil die administrativen Aufgaben zunehmen und Personalmangel besteht, nimmt man die Pflegefachpersonen in vielen Betrieben weiter vom Patienten weg. Das ist eine ungesunde Entwicklung», sagt die Gewerkschafterin Helena Zaugg. Bild Daniel Kellenberger

Gewichtet die Ausbildung Intellektuelles stärker als die Arbeit mit den Patienten? Was hilft gegen die Personalnot? Wir sprachen mit dem ehemaligen Gesundheitsdirektor Carlo Conti, der Gewerkschafterin Helena Zaugg und der Personalleiterin Monika Schmieder.

Von Martin Mühlegg

«Wir suchen immer» 

Monika Schmieder kümmert sich als Mitglied der Geschäftsleitung in der Wetziker Sonnweid ums Personal. Es ist für sie eine Herausforderung, diplomierte Pflegefachpersonen HF (Höhere Fachschule) zu finden.

alzheimer.ch: Haben Sie im Moment offene Stellen?

Monika Schmieder: Seit vier Wochen haben wir ein Inserat draussen für eine diplomierte Pflegefachperson HF. Wir haben erst drei Bewerbungen erhalten. Zwei haben nicht die gefragte Ausbildung, die dritte Person hat eine Bewerbung geschickt, die unseren Anforderungen nicht genügt.

Warum melden sich nicht mehr Leute?

Ich sehe, dass viele Pflegefachpersonen HF lieber in einer Arztpraxis oder bei Krankenversicherungen arbeiten. Einige wollen nicht mehr Schicht arbeiten. Ich stelle auch fest, dass es mehr Menschen gibt, die nicht zu viel Verantwortung ­tragen wollen.

Das ist ein Widerspruch. In einer HF-Ausbildung wird man darauf vorbereitet, Verantwortung zu tragen …

Zu uns kommen vor allem Pflegende, die viele Jahre im Akutbereich gearbeitet haben. Sie wollen in eine Richtung gehen, wo es ruhiger ist und wo man weniger Verantwortung tragen muss.

Die Geriatrie funktioniert zwar langfristig und mehr auf der Beziehungsebene. Aber es ist nicht ruhig. Und man muss hier viele Entscheidungen treffen. Die Rücksprache mit dem Arzt ist nicht so einfach wie im Spital.

Monika Schmieder.
Monika Schmieder. Bild Véronique Hoegger

Wie sieht es bei den Fachpersonen Gesundheit und Betreuung (FaGe und FaBe) aus?

Wir bekommen viele Bewerbungen. Sehr häufig sind es junge Menschen, die eben die Ausbildung abgeschlossen haben. Meist bleiben sie nicht lange, weil sie sich weiterbilden möchten.

Die Lehre zur FaGe oder FaBe ist für die meisten eine Grundausbildung, nach der man sich weiterbildet. Das ist für uns als Institution schade.

Das ergibt eine hohe Fluktuation …

Bei unserer Grösse mit 160 Betreuenden und Pflegenden gibt es immer wieder Wechsel. Wir suchen immer, auch wenn keine Stellen frei sind. Alle Bewerbenden, die wir interessant finden, laden wir ein. Wir können sie dann einstellen, wenn eine Stelle frei wird. Wir können es uns nicht erlauben, zu warten.

Wie ist es mit den Pflegehilfen SRK?

Hier bekommen wir sehr viele Bewerbungen. Ihr Niveau ist sehr unterschiedlich. Im letzten Jahr konnten wir hervorragende Leute einstellen, die viel Erfahrung haben. Die Jungen können wir nicht so lange halten, die wollen Ausbildungen machen und sich weiterentwickeln. Aber sie sind spannend fürs Team. 

Wie wird sich die Personalsituation in der Zukunft entwickeln?

Ich glaube nicht, dass sich sehr viel ändern wird. Die meisten FaGe und FaBe wird man auch in der Zukunft eher für kurze Zeit anstellen können. Das Problem sind mehr die HF.

An welchen Schrauben würden Sie drehen, wenn Sie Bildungs- und Gesund­heitspolitikerin wären?

Das Berufsbild der HF ist hochgestellt. Fünf bis sechs Jahre Ausbildung ist eine sehr lange Zeit, mit kleinem Verdienst und hohen Anforderungen. Ich würde die Hürden weniger hochstellen.

Ich würde versuchen, das Gefälle zwischen den Berufen kleiner zu machen. Ich würde auch hinterfragen, ob es sinnvoll ist, dass 25 Prozent unserer Betreuenden und Pflegenden HF sein müssen.


«Pflegefach­personen ­gehören zum Patienten»

Helena Zaugg will als Präsidentin des Schweizer Berufsverbandes der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner (SBK) die Pflegeberufe ­attraktiver machen.

alzheimer.ch: Haben sich die Anforderungen an die diplomierten Pflegenden HF in der jüngeren Vergangenheit verändert?

Helena Zaugg: Die demografische Entwicklung, Finanzierungsmodelle und die Fortschritte in der Medizin sind die grössten Treiber für die Veränderungen. Die Kosten sollen gesenkt werden oder zumindest nicht steigen. Die Spitalaufenthalte sind kürzer geworden, damit sind die fachlichen Anforderungen in allen Bereichen gestiegen. 

Diplomierte Pflegende HF pflegen und betreuen auch Menschen mit Demenz. Können sie in diesem Umfeld den Anforderungen gerecht werden?

Da gibt es je nach Versorgungsbereich ein grösseres Problem. Man hat oft die Zeit nicht mehr, um menschengerecht zu pflegen. Alte Menschen brauchen mehr Zeit.

Helena Zaugg.
Helena Zaugg. Bild PD

Die Frage ist, wie und wo man Personen mit unterschiedlichen Berufsprofilen am besten einsetzt, um ­effizient ein optimales Resultat für den Patienten zu erreichen. Es ist auf den Abteilungen eine grosse Herausforderung, den Alltag zu organisieren.

Müssten die Ausbildungen gesplittet werden? Braucht es Spezialisten fürs Akutspital und für die Pflege von Menschen mit Demenz?

Das ist eine sehr schwierige ­Frage. Ich glaube, dass es besser ist, wenn man in der Grundausbildung zur Pflegefachperson einen Grundstock an Demenzwissen vermittelt – so wie man auch vermittelt, wie Menschen mit Kreislaufkrankheiten zu pflegen sind. Denn Demenzpatienten sind in allen Bereichen anzutreffen. Nachher braucht es eine Spezialisierung.

Gemäss Rahmenlehrplan werden die Pflegefachpersonen HF kaum noch am Bett gebraucht. Macht dies Sinn?

Pflegefachpersonen HF und FH werden noch immer für die Praxis am Bett ausgebildet, sie gehören zum Patienten. Für sie bringt ihr Wissen und Können einen ­Nutzen.

Weil die administrativen Aufgaben zunehmen und Personalmangel besteht, nimmt man sie in vielen Betrieben weiter vom Patienten weg. Das ist eine ungesunde Entwicklung. Man müsste den Lehrplan dahingehend besser formulieren.

Will man mit solchen For­­mulierungen den Beruf besser verkaufen, als er ist?

Ich denke, es hat mehr zu tun mit der Orientierung an den Kompetenzen. Das Vokabular hat sich geändert. In diesen Kompetenzen sind die Handlungen am Patienten mitgemeint. Der SBK hat bei der Revision des Rahmenlehrplans Mitsprache und wird bessere Formulierungen vorschlagen. 

Welche Verbesserungen streben Sie mit Ihrer im Herbst 2017 eingereichten Pflegeinitiative an?

Eines der Hauptziele ist die Ausbildung. Sie ist mit der neuen Bildungssystematik vor 15 Jahren verändert worden. Dies schlägt sich jetzt in Personalmangel nieder. Früher hatte man mehr Freiheiten, man konnte bis zum Ausbildungsbeginn mit 18 Jahren tun, was man wollte.

Die HF-Studierenden müssen zwei Jahre lang mit einem Lohn von rund 1000 Franken pro Monat auskommen. Die berufsbegleitende Variante mit höherem Lohn ist sehr streng, da gibt es viele Ausbildungsabbrüche.

Junge FaGe ­sagen mir: «Ich muss runter mit dem Lohn. Nach zwei Jahren anspruchsvoller Ausbildung verdiene ich nur wenig mehr als heute, muss aber mehr Verantwortung tragen. Das ist nicht attraktiv.»

Wie wollen Sie dies ändern?

Wir erwarten, dass der Ausbildungslohn bei den HF besser wird. Die meisten von ihnen ­bringen ja ihren Arbeitgebern als ausgebildete FaGe und FaBe einen Mehrwert. Wir machen damit Druck, dass mehr Leute ausgebildet werden. Zudem braucht es Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Privatleben. Es geht nicht, dass Krippenplätze nur von 8 bis 17 Uhr zur Verfügung stehen.

Es geht auch nicht, dass der Arbeitgeber am Abend vorher anruft und sagt, man müsse morgen arbeiten. Es braucht bessere Planbarkeit für die Pflegenden, die ihre Krippenplätze und Tagesmütter auch zum Voraus buchen müssen. Die Personalverantwortlichen sind hier gefordert.


«Mehr praktische Ausbildung in den Institutionen»

Carlo Conti ist Präsident der Alzheimervereinigung beider Basel und ehemaliger Gesundheitsdirektor des Kantons Basel Stadt. Er fordert von den Institutionen gezielte Weiterbildung der Pflegenden.

alzheimer.ch: Wie haben sich aus Ihrer Sicht die Anforderungen an den Pflegeberuf und die Pflegenden gewandelt?

Carlo Conti: Auf der einen Seite gab es durch technische Entwicklungen Vereinfachungen in der Administration. Auf der anderen Seite wurde es komplizierter, weil die Anforderungen an das Erfassen von Daten und Festhalten von Abläufen gestiegen sind.

Man hört von Pflegenden, dass ihnen Zeit weggenommen worden ist für die ganzheitliche Betreuung und Pflege. Diese Entwicklung ist gesellschaftlich bedingt, es gibt sie nicht nur im Pflegeberuf.

Bei der Betreuung und Pflege von Menschen mit Demenz sind Empathie und Haltung sehr wichtig. Wird dem in der Ausbildung und bei den Personalschlüsseln Rechnung getragen?

Wer Verantwortung trägt, muss dafür sorgen, dass genug Zeit dafür vorhanden ist. Ich glaube, dass in der Ausbildung nach wie vor genug dafür gemacht wird. Allerdings braucht es nach der Grundausbildung eine Spezialisierung. Ein grösseres Problem orte ich in einem anderen Bereich: Wir ­haben sehr viele Pflegende, die nur Teilzeit arbeiten.

Das führt dazu, dass der ganzheitliche Ansatz schwieriger zu erreichen ist, weil unterschiedliche Fachpersonen in unterschiedlichen Positionen zu unterschiedlichen Zeiten pflegen. Es ist letztlich eine Führungsaufgabe der Institutionen. Meine Erfahrung zeigt mir, dass es hier grosse Unterschiede gibt. 

Carlo Conti.
Carlo Conti. Bild PD

Der Rahmenlehrplan für Pflegende HF setzt die Prioritäten nicht im direkten Kontakt mit den Patienten. 

Die Lehrpläne sind von einer theoretischen Warte aus verfasst. Viel wichtiger sind für mich die praktische Tätigkeit in den Institu­tionen und die Erfahrungen, die man dort sammeln kann. Ich bin ein Verfechter der dualen Ausbildung im Pflegeberuf.

Die theoretische Ausbildung an den Hochschulen entspricht nicht wirklich den Anforderungen der Praxis. Man sollte, wie in anderen Berufen auch, mehr praktische Ausbildung in den Institutionen machen. Dies ist eine Führungsaufgabe der Insti­­­tutionen.

Die Anforderungen und Rahmenbedingungen in einem Heim für Menschen mit Demenz sind ganz anders als in einem Kinderspital oder in einem Spital für Sportmedizin. Dem muss man Rechnung tragen.

Der Berufsverband SBK hat die Pflegeinitiative eingereicht. Unterstützen Sie dieses Anliegen?

Ich begrüsse die Initiative. Sie löst eine Diskussion aus und schärft den Blick auf ein Problem, das wir angehen müssen. Aber der Text ist zu stark von der Interessen­optik einer Berufsgruppe geprägt und muss ausgeweitet werden.

Es wird einen Gegenvorschlag geben müssen. Man hört es auch von Führungs­personen in der Pflege, dass noch daran gearbeitet werden muss.

Die Pflege von Menschen mit Demenz wird von der Krankenversicherung bezahlt. Die Betreuung muss jeder selbst bezahlen. Wird sich dies bald ändern?

Es ist richtig, dass die Betreuung nicht von den Krankenversicherungen bezahlt wird, weil es sich dabei nicht um Gesundheitskosten, ­sondern um Sozialkosten handelt. Der Staat müsste diese Kosten tragen.

Ich bin dagegen, dass der Prämien­zahler der Versicherungen damit zusätzlich belastet wird. Wir belasten den Prämienzahler ohnehin so stark wie in keinem anderen OECD-Land.

Wird die Betreuung denn Ihrer Ansicht nach nicht durch die Krankheit Demenz verursacht?

Viele der über 65-jährigen Basle­r­innen und Basler zum Beispiel sind alleinstehend und wohnen in einem Einpersonenhaushalt. Sie sind nicht integriert in eine Sozialstruktur. Aufgaben, die früher die Sozialgemeinschaft – vor allem die Familie – übernommen hat, müssen heute von der Allgemeinheit getragen werden.

Dies ist kein Problem des Gesundheitswesens, sondern der Sozialstruktur. In anderen Ländern Europas werden die Betreuungskosten nicht als Gesundheitskosten deklariert. Die Betreuung muss dort über Steuergelder finanziert werden.

erschienen: 25.10.2018

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