Freiberufliche Pflege

«Es herrscht grosse Verunsicherung»

Das Material macht in der Wundpflege einen beträchtlichen Teil des Umsatzes aus – wird es nicht
vergütet, ist die Arbeit nicht kostendeckend.
Das Material macht in der Wundpflege einen beträchtlichen Teil des Umsatzes aus – wird es nicht vergütet, ist die Arbeit nicht kostendeckend. Bild PD

Der Entscheid des Schweizer Bundesverwaltungsgerichts, dass die Krankenkassen das Pflegematerial nicht mehr bezahlen müssen, trifft gerade die Wundpflege stark. Die Existenz zahlreicher Wundpraxen ist durch dieses Urteil gefährdet.

Von IG Wundspezialisten

Freischaffende Wundspezialisten und -spezialistinnen betreuen vom Insektenstich, der nicht heilen will, über chronische Ulceras und diabetische Füsse bis hin zu Tumorwunden. Dabei kommt die ganze Palette an Wundversorgungsmaterialien zum Einsatz.

Die Dauer der Behandlung wird von vielen Faktoren beeinflusst: Art der Wunde, Alter des Patienten, vaskuläre Situation, Ernährung und vieles mehr. Manche Behandlungen dauern nur wenige Wochen, einige Klienten kommen mehrere Jahre lang.

Wichtig ist die Zusammenarbeit mit den Patienten. Deren aktive Mitarbeit und ihr Verständnis für die Behandlung und die Therapie sind grundlegende Voraussetzungen für einen positiven Verlauf der Heilung.

Die Patienten schätzen an der Betreuung durch eine freischaffende Wundspezialistin vor allem die Bezugspflege.

Die Kontinuität schafft eine Vertrauensbasis, die sowohl für die Klienten als auch für die Fachperson wichtig ist.

«Als Einzelpflegende weiss ich, was ich beim letzten Verbandswechsel gesehen habe,was sich allenfalls verändert hat und auch, was in der Beratung bereits gesagt und angesprochen wurde», sagt Monika Sutter, Präsidentin der IG Wundspezialisten. (Das Interview mit Monika Sutter gleich anschliessend unten)

IG Wundspezialisten

Die Interessengruppe Wundspezialisten – eine IG des SBK – besteht seit 2015 und setzt sich aus Wundspezialistinnen im Bereich der Wundversorgung aus der ganzen Schweiz zusammen. Ziel der IG ist, die Gesellschaft dafür zu sensibilisieren, dass die Wundpflege in der heutigen Zeit in die Hände von Fachpersonen gehört. Sie setzt sich für eine kompetente, effiziente und kostensparende Wundversorgung ein und engagiert sich sowohl im direkten Berufsfeld als auch auf politischer Ebene. Die Mitglieder der IG betreuen Menschen mit akuten und chronischen Wunden und arbeiten in Wundambulatorien oder freischaffend eng mit den interdisziplinären Dienstenn (Hausarzt, Spitex, Spital, Physiotherapie etc.) zusammen. www.ig-wundspezialisten.ch

Da etwa gerade bei der Behandlung eines venösen Ulcus die Kompression das A und O ist, müsse der Klient die Therapie verstehen und akzeptieren. Dabei ist es hilfreich, dass die Wundspezialistinnen die Bedürfnisse, aber auch die Ängste ihrer Klienten kennen.

Auch für die Kassen sei diese Behandlungsform von Vorteil, da die Materialkosten tiefer seien, sagt Monika Sutter. Sie rechnet den einzelnen Verband ab und gibt keine ganzen Packungen an Patienten ab, die bei einem Therapiewechsel nicht mehr benutzt werden können.

Da die freischaffenden Wundspezialistinnen zudem den Klienten und den Verlauf kennen, sei die Behandlung effizienter, denn die Wundversorgung werde fachgerecht der Situation angepasst. Und nicht zuletzt erkenne sie Warnzeichen, die auf einen möglichen Infekt hinweisen, könne frühzeitig handeln und eine eventuelle Hospitalisation verhindern.

Die Wundspezialisten sehen sich nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung zur Spitex. Auch die Wundambulatorien der umliegenden Kliniken scheinen sich von den Wundpraxen der freischaffenden Pflegefachperson nicht bedroht zu fühlen, wie die Zuweisungen aus den Ambulatorien zeigen.

So gesehen bieten die freischaffenden Wundspezialistinnen ein Versorgungsmodell an, das bei niedrigen Kosten eine qualitativ hochstehende Versorgung für die Patientinnen und Patienten bietet.

Seit jedoch die Krankenkassen das benötigte Material nicht mehr zurückerstatten, ist die Situation für viele sehr schwierig geworden.


→ Lesen Sie zum Thema auch den Blogbeitrag von Madame Malevizia «Die Kranken sind wichtiger als die Krankenkassen!


Interview mit Monika Sutter, Präsidentin der Interessengemeinschaft Wundspezialisten

Welche Herausforderung stellt für Sie der Bundesverwaltungsgerichtsentscheid dar?

Monika Sutter: Es ist vor allem eine finanzielle Herausforderung. Der Verbrauch der Materialien macht bei mir einen Drittel des Umsatzes aus. Wenn ich diese nicht mehr rückvergütet erhalte, ist meine Arbeit nicht mehr kostendeckend.

Sollten Rückforderungen bis ins 2015 gemacht werden, bedeutet dies der Konkurs für mich.

Welche Konsequenzen hat dies für Ihre Arbeit?

Ich werde meine Wundpraxis gezwungenermassen schliessen müssen.

Was bedeutet dies für Ihre Klienten?

Ich müsste die Klienten an die öffentliche Spitex überweisen oder an die Tagesklinik des Spitals. Das bedeutet für sie mehr Aufwand, eine Umstellung in der Betreuung und für die Krankenkassen höhere Kosten. Es herrscht aktuell grosse Verunsicherung und Ungewissheit, was die Zukunft bringt, auch für andere Wundambulatorien.

Was sind die volkswirtschaftlichen Folgen dieses Bundesverwaltungsgerichtsentscheid?

Ich sehe höhere Kosten für den Steuerzahler. Immerhin werden die Kosten von Pflegematerial bei der Spitex und in den Heimen auf 120 Millionen Franken geschätzt. Der Entscheid des Gerichts bedeutet, dass die Kosten auf die Kantone oder Gemeinden abgewälzt werden sollen.

Monika Sutter befürchtet, dass viele Wundambulatorien geschlossen werden müssen.
Monika Sutter befürchtet, dass viele Wundambulatorien geschlossen werden müssen. Bild PD

Weiter darf nicht vergessen werden, dass unsere Klienten häufig nicht ausreichend über die Änderungen in der Abrechnung ihrer Krankenkassen informiert sind und aktuell mit immensen Rechnungen konfrontiert sind.

Wie geht es in der Zukunft mit der Wundversorgung im ambulanten Bereich weiter?

Im Parlament wurden mittlerweile drei Vorstösse eingereicht, zuletzt im Juli eine Motion der nationalrätlichen Sozial- und Gesundheitskommission. Falls die Materialkosten schliesslich über die Restfinanzierung, also durch die Kantone oder Gemeinden bezahlt werden, ist die Frage offen, ob die Freiberuflichen der Spitex gleichstellt werden.

Falls nicht, werden in der Folge viele Wundambulatorien schliessen müssen. Niemand kann ein defizitäres Geschäft führen. Die Patienten müssten dann in den Wundambulatorien der Spitäler versorgt oder für die Versorgung komplexer Wunden gar stationär aufgenommen werden.

Dies wird zu einer rasanten Kostensteigerung führen. Zudem besteht das Risiko, dass die Qualität aus Kostengründen sinkt und zum Beispiel auf billigere Wundprodukte zurückgegriffen wird, was einerseits das Infektionsrisiko erhöht und anderseits die Lebensqualität der Patienten stark beeinträchtigt.

Welche Unterstützung wünschen Sie sich?

Ich wünsche mir, dass das Bundesamt für Gesundheit BAG zusammen mit den Versicherern eine Übergangslösung mit Sofortwirkung erlässt.

Nur so kann in den Verhandlungen mit allen Beteiligten eine akzeptable Lösung für die ambulante Pflege erarbeitet werden.

Was wünschen Sie sich persönlich für die Zukunft?

Dass die Wundpflege und der Pflegeberuf die Anerkennung erhalten, die sie verdienen. Dank einer adäquaten Wundversorgung kann die Wundheilung gefördert, Infekte vorgebeugt und viele Spitalaufenthalte verhindert werden.

Dadurch können immense Kosten eingespart und die Lebensqualität unserer Klienten massiv verbessert werden. Persönlich wünsche ich mir, dass ich meine Wundpraxis weiterführen kann. Ich hoffe sehr, dass ich mich auch in Zukunft prioritär um meine Klienten kümmern kann und nicht hauptsächlich administrative Aufgaben bewältigen muss. Ich möchte auch in Zukunft fachlich hochstehende und bedürfnisangepasste Pflege anbieten. 

www.safw.ch

www.sbk-asi.ch

Dieser Beitrag erschien in der Zeitschrift «Krankenpflege» des SBK (Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner), Nr.9/2018. Herzlichen Dank an die Redaktion für die Gelegenheit der Zweitverwertung!

erschienen: 01.11.2018

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