Die Pflegehexe

Eine Frage der Ehre

«Wenn ihr Gefahr läuft, eure Ehre zu verlieren, dann geht», schreibt Madame Malevizia.
«Wenn ihr Gefahr läuft, eure Ehre zu verlieren, dann geht», schreibt Madame Malevizia. Bild Eve Kohler

Für einen Betrieb, der mit niedrigem Personalbestand hohe Rendite erzielt und die Menschlichkeit aussen vor lässt, will die Pflegehexe nicht mehr arbeiten. Sie appelliert an ihre Kolleginnen, es ihr gleich zu tun.

Von Madame Malevizia

Ich gebe es zu, ich habe geweint. Ich habe geweint, als ich den Bericht einer Tochter las, die eindrücklich schildert, wie ihrer dementen Mutter ein Blasenkatheter eingelegt wurde. Offensichtlich ohne jegliche Empathie und dermassen brutal, dass sie blutete.

Ich habe geweint, als eine weitere Angehörige in der Sendung «Club» darüber berichtete, wie sie zusehen musste, wie ihre Mutter und andere Bewohner in verschmutzter Kleidung oder Betten gelassen wurden und ohne Getränke dasitzen müssen. Ich weine jedes Mal, wenn ich solche Dinge höre oder lese. Ich weine, um diese Menschen, die missachtet und misshandelt werden.

Ich weine um die Angehörigen, die dieser Situation hilflos gegenüberstehen.

Und ich weine um die Pflegenden, die im alltäglichen Personalmangel und dem daraus resultierenden Zeitdruck ihre Berufsehre verloren haben.

Ich bin sicher, jede Pflegende hat diesen Beruf ergriffen, weil sie Menschen mag, weil sie Gutes tun will. Es ist bestimmt nicht das einzige Motiv, aber bestimmt in jeder Pflegenden mehr oder weniger vorhanden. Was muss also passiert sein, dass eine Pflegende dies vergisst und mechanisch einfach nur tut, was getan werden muss?

Und eigentlich nicht einmal mehr das. Was ist passiert, dass Pflegende ihre Menschlichkeit verlieren und es nur noch darum geht, möglichst wenig Zeit für eine Handlung zu benötigen? Für mich ist es offensichtlich.

Solche Pflegenden haben ihre Berufsehre hergegeben.

Berufsehre sind für mich eben diese kleinen Dinge, das Halten der Hand während einer schmerzhaften Intervention, das Anbringen eines Netzverbands, zum Schutz des Venenkatheters. Das Wechseln von verschmutzter Kleidung oder Bettwäsche. Solche kleinen Dinge sind für mich Teil meiner Berufsehre.

Meine Berufsehre ist mir heilig, so pathetisch das auch klingt. Für einen Betrieb, der seinen Personalbestand so niedrig hält, dass ich meine Berufsehre nicht mehr leben kann, stehe ich nicht zur Verfügung. Für einen Betrieb, der nach der Auffassung lebt «dafür bekommen wir kein Geld» und deshalb die Menschlichkeit aussen vor lässt, möchte ich nicht eine Minute arbeiten.

In einem Betrieb, der wochen-, monate- oder gar jahrelang (ja das geht!) nicht adäquat und sinnvoll auf kurzfristige Personalausfälle reagiert, bin ich früher oder später Geschichte. Das ist nicht immer so gewesen.

Auch ich habe viel zu viel mit mir machen lassen.

Das ist heute so, weil ich bis zu meinem letzten Atemzug für meine Berufsehre einstehen werde. Wenn ich diese aufgebe, verliere ich einen Teil meiner Seele.

Gebt auch ihr sie niemals auf, meine lieben Pflegenden! Kämpft um jeden Zentimeter Menschlichkeit in euren Betrieben. Und wenn ihr merkt, dass ihr Gefahr läuft, eure Ehre und damit auch euch selbst zu verlieren, dann geht.

Fachpersonen sind so gefragt, ihr könnt heute kündigen und habt morgen eine neue Stelle.

Vielleicht nicht die Traumstelle, aber ihr arbeitet an einem Ort, an dem ihr nicht eure Berufsehre und eure Seele verkaufen müsst. Es ist wichtig, dass ihr das tut. Dass ihr das bewusst und transparent tut. So können nämlich nur jene Betriebe überleben, bei denen die Menschlichkeit mindestens den gleichen Wert hat wie das Geld.

Ich weiss, einige sagen jetzt: «Aber das kann ich doch nicht machen. Das Team, die Bewohner!» Oh ja, ich verstehe euch sehr gut. Darum sage ich ja auch: Kämpft! Bringt zur Sprache, was läuft. Gute Vorgesetzte und Pflegedienstleitungen werden euch zuhören. Geht nicht nur jammern und weinen. Nein, bleibt sachlich, bleibt korrekt.

Schlagt ihnen euer Fachwissen um die Ohren.

Lasst euch nicht mit Zahlen abspeisen, sondern kommt mit Fakten, mit der Realität.

Dass es beispielsweise nicht möglich ist, zu dritt zwölf Personen das Mittagessen einzugeben, leuchtet jedem halbwegs intelligenten Menschen ein. Macht Vorschläge, wie die Situation positiv verändert werden könnte. Macht klar, dass ihr bereit seid, diesen Missstand noch eine Weile mitzutragen und an der Lösung zu arbeiten, ihr aber für euch selbst regelmässig evaluiert.

Ja, manchmal muss man ein Ultimatum stellen, auch wenn es bedeuten kann, dass ihr den Betrieb dann auch definitiv verlasst. Es geht um eure Seele. Geht nicht leichtfertig damit um!

Eure Madame Malevizia

erschienen: 02.08.2018

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