Pflanzenheilkunde

Im Pflegealltag verlangt, in der Ausbildung vernachlässigt

Eine grosse Anzahl der professionell Pflegenden wendet die Phytotherapie eigenverantwortlich an. Dazu benötigen sie Wissen, das ihnen während der Ausbildung kaum vermittelt wird.
Eine grosse Anzahl der professionell Pflegenden wendet die Phytotherapie eigenverantwortlich an. Dazu benötigen sie Wissen, das ihnen während der Ausbildung kaum vermittelt wird. Bild PD

Pflanzliche Heilmittel sind aus der Pflege nicht wegzudenken und geniessen in der Bevölkerung grosse Akzeptanz. In den Pflegeausbildungen wird das entsprechende Fachwissen jedoch stiefmütterlich behandelt.

Von Brigitte Waser-Bürgi

Die diesem Artikel zugrundeliegende Master-Arbeit befasst sich mit der Phytotherapie (Pflanzenheilkunde) in der aktuellen Schweizer Pflegeausbildung. Sie geht insbesondere der Frage nach, ob Fachfrauen und Fachmänner Gesundheit (FaGe) in der Ausbildung in den Lehrmitteln genügend Phytotherapie-Fachwissen angeboten wird.

Mittels einer Lehrmittelrecherche wurde untersucht, in welchem quantitativen Umfang Lehrmittel der zurzeit grössten Bildungsgänge für Pflegeberufe in der Schweiz die Phytotherapie gewichten.

Dazu wurden mittels einer Häufigkeitsanalyse Textbestandteile in vier Lehrbüchern der Deutschschweizer Pflegeausbildungen gezählt und daraus Schlussfolgerungen abgeleitet.

Als Kategorien gelten die Begriffe der Phytotherapie, nach denen das Material durchsucht wurde. Diese umfassen innerliche Phyto-Anwendungen in Form von Tee oder Phytopharmaka oder äusserliche in Form von Wickeln, Auflagen oder Aromapflege.

Phytotherapie

Nach europäischer Definition ist Phytotherapie «die Heilung, Linderung und Vorbeugung von Krankheiten und Befindungsstörungen durch Pflanzen, Pflanzenteile und deren Zubereitungen». Die Anwendung von Phytotherapie gehört seit Menschengedenken zur Arbeit von Pflegenden. Das traditionelle Erfahrungswissen über Heilpflanzen wird heute mit evidenzbasiertem Phytotherapie-Fachwissen ergänzt. Es enthält Angaben zu den Anwendungsgebieten, Dosierungen, Nebenwirkungen, Kontraindikationen und Wechselwirkungen von Heilpflanzen sowie deren Anwendungsformen.

Die Schweizerische Medizinische Gesellschaft für Phytotherapie (SMGP) bezeichnet die Phytotherapie als die Anwendung von Pflanzenvielstoffgemischen, um den Menschen in seiner Gesamtheit zu unterstützen und die, richtig angewendet, gut verträglich ist.

Es wurden Lehrmittel von verschiedenen Pflegeberufen verglichen1.Das Ergebnis zeigt, dass die Phytotherapie in den Lehrbüchern der Pflege keinen grossen Stellenwert hat. Im neusten Lehrmittel der FaGe-Ausbildung (2017) wurden am wenigsten Angaben zu Phytotherapie-Fachwissen gefunden. Nur 0,3 Prozent der Gesamtseitenzahl widmet sich dem Thema. Im Lehrmittel für Pflegefachpersonen HF sind es 1,2 Prozent.

Und in der Praxis?

In allen 14 befragten Institutionen des Gesundheitswesens, die zum Zeitpunkt der Umfrage insgesamt 761 Lernende ausbilden, benötigen diese Phytotherapie-Fachwissen zu innerlichen und zum Teil auch äusserlichen Anwendungen.

100 Prozent der FaGe müssen die Phytotherapie in Form von Teeverabreichung eigenverantwortlich anwenden. Dazu benötigen sie Wissen zu den Heilpflanzen, die als Basis von Tee dienen.

Phytopharmaka sind pflanzliche Arzneimittel, bei deren eigenverantwortlichen Abgabe man ebenfalls Wissen zu Heilpflanzen benötigt. In 23 Prozent der Betriebe geben FaGe Phytopharmaka eigenverantwortlich ab.

Die äusserlichen Anwendungen mit Aromapflege, Wickeln und Wundversorgung werden nicht in allen Betrieben eingesetzt. 

Dennoch benötigen die FaGe am Ende ihrer Ausbildung Wissen und Können auch zu diesen Themen, da sie diese Handlungskompetenzen in der Hälfte aller Betriebe eigenverantwortlich ausüben müssen.

Fazit

Mit richtig angewendetem Phytotherapie-Fachwissen unterstützen FaGe die ganzheitliche Heilung, Linderung und Vorbeugung von Krankheiten und Befindungsstörungen. In den befragten Betrieben sind FaGe auf professionelles Phytotherapie-Fachwissen angewiesen.

Was bedeutet dies für die Lehrmittel an FaGe-Berufsfachschulen? Im Bildungsplan des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) ist das Thema Phytotherapie oder Komplementärpflege  bisher nicht zu finden. Im aktuellen Lehrmittel der FaGe-Ausbildung findet man kaum Angaben zum Thema.

Darum ist die wichtigste Forderung dieser Masterarbeit die Einführung einer neuen Handlungskompetenz. Diese soll heissen: «Komplementärpflegerische Anwendungen zur Vorbeugung und Linderung von Krankheiten und Befindungsstörungen.» 

In den letzten Jahren ist in der Schweizer Bevölkerung und dank verschiedenen rechtlichen Anpassungen2 die Anerkennung der Phytotherapie gestiegen.

Die Zeit ist also reif, dass innerhalb der formalen Bildung der FaGe das Thema Phytotherapie in die Bildungsverordnung und den Bildungsplan einfliesst.

Nur so kann Phytotherapie oder Komplementärpflege innerhalb des Lehrmittels richtig aufgearbeitet werden. FaGe sollen im Lehrmittel der Berufsfachschule mindesten 60 Seiten (4 Prozent) Phytotherapie-Fachwissen vorfinden. So viel wird in den Lehrmitteln durchschnittlich den anderen Handlungskompetenzen gewidmet.

Bis die Lehrmittel genügend qualitativ hochstehende Fachinformationen zu Komplementärpflege enthalten, sollen Fachexpertinnen und -experten den Unterricht an der Berufsfachschule begleiten.

 

1 Folgende Lehrmittel wurden verglichen: Assistenz Gesundheit und Soziales (Blunier & Ammann, 2013), Fachfrau/Fachmann Gesundheit EFZ, Bivo 2009, korrigierter Nachdruck (Bornand & Snozzi, 2014), THIEMES Pflege für Pflege HF (Schewior-Popp & Juchli, 2012) und FaGe Lehrmittel gesamt (Snozzi, N., Leitner, N., 2017).

2 Mit der Annahme des Verfassungsartikels 118a im Jahre 2009 wurden in der Schweiz der Bund und die Kantone verpflichtet, für die Berücksichtigung der Komplementärmedizin zu sorgen. Ärztlich verordnete komplementärmedizinische Leistungen aus Phytotherapie, anthroposophischer Medizin, klassischer Homöopathie und Traditioneller Chinesischer Medizin werden seit dem 1. August 2017 definitiv von der obligatorischen Krankenpflegeversicherung übernommen. Damit anerkennt der Bundesrat, dass Komplementärmedizin die Anforderungen des Krankenversicherungsgesetzes hinsichtlich Wirksamkeit, Gewährleistung hoher Qualität und Sicherheit erfüllt (vgl. Dachverband Komplementärmedizin, 2017).

Dieser Beitrag erschien in einer etwas längeren Fassung in der Zeitschrift «Krankenpflege» des SBK (Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner), Nr.5/2018. Herzlichen Dank an die Redaktion für die Gelegenheit der Zweitverwertung!

erschienen: 31.05.2018

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