Pflege-Praxis

Der Kopf benötigt Hände

Beziehung und Pflege sind Ausdruck einer wohlwollenden und zugewandten Begegnung.
Beziehung und Pflege sind Ausdruck einer wohlwollenden und zugewandten Begegnung. Bild Dominique Meienberg

Für kranke Menschen ist es nicht relevant, ob Pflegende ein Diplom in der Tasche haben. Michael Schmieder, ehemaliger Leiter der Sonnweid, ist zu seinen Ursprüngen zurückgekehrt und hat sich für ein paar Stunden als Pfleger engagiert.

Von Michael Schmieder

Ich weiss nicht mehr, wann ich das letzte Mal einen Bewohner der Sonnweid beim Aufstehen unterstützt und gepflegt habe. Theoretisch kann ich gut von Empathie sprechen – von «sich ganz hineinbegeben in die Beziehung», von «dem Menschen auf Augenhöhe begegnen», wie ich das in meinen Referaten oft blumig umschreibe.

Meine Beispiele aus der Praxis sind alt, und das ist nicht gut. Deshalb gehe ich wieder einmal als Pflegender für zwei Stunden auf eine Station. Eines vorneweg: Eine Hilfe war ich nicht. Aber ich durfte Menschen kennenlernen und staunen. 

Ich bin mit Asghar auf dem Weg zu Frau Moser*. Asghar flüchtete vor 20 Jahren aus dem Iran in die Schweiz. Er arbeitet seit einigen Monaten bei uns. Wir kommen uns rasch näher, duzen uns und tauschen Grundinformationen aus.

Diese Nähe braucht es, wir sind ja ein Team.

Im Zimmer nehme ich den im Gedächtnis eingebrannten Geruch der Inkontinenz wahr. Frau Moser liegt auf einer Matratze auf dem Boden. Ihr Gesicht ist an verschiedenen Stellen blau unterlaufen. Sie hatte viele Stürze.

Wir haben die daraus resultierenden Dilemmata Anfang Woche in der Ethikkommission der Sonnweid besprochen. Wir haben überlegt, wie wir ihre Situation verbessern können. 

Asghar und ich stellen uns vor und sagen, warum wir da sind. Schon beim ersten Anfassen gibt Frau Moser einen grellen Laut von sich. Asghar sagt, dies sei immer so. Wir helfen Frau Moser beim Aufstehen und begleiten sie langsam ins Badezimmer. Sie geht sehr wackelig.

Wir setzen sie aufs WC. Anschliessend will ich loslegen. Doch Asghar weiss besser, wie man mit Frau Moser umgeht. Er beginnt mit dem Waschen und der Pflege. Ich stehe daneben und staune ob seiner hohen Empathie und zugewandten Routine. Damit vermittelt er Frau Moser das Gefühl, dass es hier nur um sie geht.

Ihr Gesicht entspannt sich, ein Lächeln entsteht, sie sagt ihre ersten Worte des Tages. 

Hier geschieht Beziehung auf Augenhöhe. Sicher kann nur wirken, wer sicher ist, kommt mir in den Sinn.

Asghar ist sicher, er informiert fortlaufend, gezielt und verständlich. Meine Fragen kann er begründet beantworten, und ich geniesse die Lehrstunde in der Praxis. Frau Moser redet jetzt entspannt mit uns.

Wir schauen gemeinsam im Spiegel die Blutergüsse an und lachen über die schlechte Schminke. Wir schaffen es zu dritt, aus dem Waschen einen guten Start in den Tag zu kreieren – für Frau Moser, Ashgar und mich.

Ich bin stolz darauf, dabei gewesen zu sein. Es wäre einfacher gewesen, Frau Moser im Bett zu pflegen. Doch ihr Wunsch, sich zu bewegen und zu gehen, erschwert diese Arbeit. Er erfordert von den Pflegenden Können und Gelassenheit. 

Jetzt gehen wir zu Herrn Volpi*.

Der ehemalige Offizier mit dem asketischen Kopf liegt quer über zwei Betten verteilt.

Wir nehmen ihn so auf, dass wir das zweite entfernen können. Meine Aufgabe ist es, ihn nass zu rasieren. Ich hatte immer das Gefühl, wir Männer könnten dies besser als Frauen, da wir wissen, wie es sich anfühlt. Heute bin ich mir nicht mehr so sicher, obwohl es mir nicht schlecht gelang.

Beziehung findet nur beim Tun statt, nirgendwo anders.
Beziehung findet nur beim Tun statt, nirgendwo anders. Bild Dominique Meienberg

Nach zwei Stunden ist mein Einsatz auf der Station beendet. Ich habe viele positive Eindrücke gesammelt. Trotzdem bin ich in der Meinung bestärkt, dass im Gesundheitswesen vieles nicht mehr stimmt. Was macht Langzeitpflege aus? Man kann darunter verstehen, dass jemand über lange Zeit, über Wochen, Monate oder Jahre, Pflege braucht.

Man kann darunter auch verstehen, dass jemand viel Zeit benötigt, um gepflegt zu werden. Unter Pflege ist alles zu verstehen, was der pflegebedürftige Mensch braucht. Wenn er alles bekommt, geht es darum, wie die Pflege ausgeführt wird.

Dieses «Wie» ist von zwei Dingen abhängig: vom Pflegenden als Menschen und von seiner fachlichen Kompetenz. Mit den derzeitigen Quoten von diplomiertem und ausgebildetem Personal (Höhere Fachschule, Fachhoch­schule, Fachfrau Gesund­heit, Fachfrau Betreuung) und von Pflegehilfen wurde eine Hierarchie zementiert.

Diese Hierarchie bringt zum Ausdruck, was man gerne verschweigen würde.

Je mehr Hand, desto tiefer in der Hierarchie. Je mehr Kopf, desto weiter oben.

Je weiter oben, desto mehr Lohn, Büro, Computer und Abschottung vom Bewohner.

Beziehung findet nur beim Tun statt, nirgendwo anders. Das bedeutet, dass wir diese Beziehung, die angeblich so hoch gewichtet wird, letztendlich preisgeben, als Opfer der Hierarchie.

Den Pflegehilfen stellen wir Study Nurses zur Seite oder APN (Advanced practise nurses), damit sie wissen, wie Beziehung gestaltet werden soll. Die kantonalen Vorgaben zementieren diesen Ablauf.

Im Verhältnis zu jenen, die an der Basis arbeiten, haben wir ein Heer von Hochqualifizierten.

Diese Hochqualifizierten müssen täglich (ausser samstags und sonntags, da haben sie frei) sich selbst und den unterstellten Mitarbeitenden beweisen, dass es sie braucht, damit alle ihre Arbeit verrichten können. Was die Pflege an der Basis ausmacht, nämlich Beziehung durch Begegnung und gemeinsame Aktivität, wird ausgeblendet

Am Ende meines Einsatzes dankte ich Asghar für eine Einsicht, die jenseits aller Theorie und Pflegemodelle liegt: Beziehung braucht Herz, Kopf und Hände. Sie ist Ausdruck einer wohlwollenden, zugewandten Begegnung. Ob Ashgar ein Diplom hat, war weder für Frau Moser noch für Herrn Volpi relevant.

*Die Namen sind geändert

erschienen: 30.04.2018

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