System Pflege

Im Büro stören die Bewohner nicht

Pflegen heisst Beziehung leben. Heute steht viel Administration dieser Beziehung im Weg.
Pflegen heisst Beziehung leben. Heute steht viel Administration dieser Beziehung im Weg. Bild PD

Managen, skillen, coachen und dokumentieren: Je höher der Ausbildungsgrad der Pflegenden, desto weniger sind sie in Kontakt mit dem Patienten. Die Beziehung zum kranken Menschen steht einem optimierten Gesundheitswesen diametral im Weg.

Von Michael Schmieder

Wer pflegt uns in Zukunft? Wer pflegt uns heute? Wer pflegte uns gestern? Wenn es eine Berufsgruppe auf die Titelseite der «Zeit» schafft, scheint Diskussionsbedarf vorhanden zu sein. Wenn es in der Schweiz eine Verfassungsinitiative zur Pflege gibt, scheint das Thema Aktualität zu haben.

Es gibt jedoch eine andere pflegerische Aktualität, die es weder auf die Titelseiten schafft noch in der Verfassungsinitiative vorkommt. Es geht um die Frage, was man unter Pflege versteht und wie das System Pflege funktionieren kann. Ich behaupte, dass derzeit viel dafür getan wird, dass es nicht funktioniert.

Die Langzeitpflege geht vor die Hunde. 

Pflegen heisst, Beziehung zu leben. Heute steht dieser Beziehung sehr viel im Weg. Die Ausbildungsschwerpunkte sind auf die Beschreibung des Pflegeprozesses gerichtet und nicht auf die Beziehung zwischen Pflegenden und Patient.

Pflege findet mehr und mehr im Büro und nicht beim Kranken statt. Je höher der Ausbildungsgrad, desto weniger Patientenkontakt. Heute wird gemanagt, gecoacht, standardisiert, geskillt, beschrieben, dokumentiert– sogar wenn die delegierte Hilfskraft die Bettdecke aufschüttelt. Die Tätigkeiten werden dorthin verlegt, wo kein Bewohner stört: ins Büro.

Wenn keine Menschen mehr da sind zur Pflege, braucht es mehr Stofftiere.
Wenn keine Menschen mehr da sind zur Pflege, braucht es mehr Stofftiere. Bild Daniel Kellenberger

Immer wieder lesen wir Aufforderungen, die Pflege müsse familienfreundlicher, entwicklungsfähiger, und attraktiver gemacht werden. Ist dies möglich? Wenn ja, auf wessen Kosten?

Pflegen findet beim Menschen und für den Menschen statt – 24 Stunden am Tag. Auch samstagabends, sonntagmorgens und montagnachts.

Die so wichtige pflegerische Beziehung kann nicht auf familienfreundliche Arbeitszeiten reduziert werden. Ich zweifle daran, dass sie mit einem zerstückelten 20-Prozent-Pensum möglich ist. Derzeit wird so getan, als ob der angeblichen Attraktivität des Berufes alles untergeordnet werden könne.

Dies trifft genau die Menschen, die dafür verantwortlich sind, dass Pflege unattraktiv ist: die Kranken selbst.

Heute wechseln viele junge Pflegende nach der Lehre den Beruf.

Dies hat weniger mit der Aufgabe an sich zu tun als vielmehr mit dem dauernd gehörten Argument der Unattraktivität. In Organisationen, die Kontrollfunktionen haben, finden diese unattraktiven Dienste nicht statt.

Noch nie wurde eine Rai-Kontrolle (RAI = Resident Assessment Instrument) an einem Sonntag durchgeführt – weil die kontrollierende Pflegefachkraft einen Job hat, der nur an fünf Werktagen stattfindet, von 8 bis 17 Uhr. Der Lohn einer solchen Person ist vermutlich höher als jener einer Pflegenden, die im Heim arbeitet. 

Im Umgang mit Menschen mit Demenz bestimmt der Kranke, was geschieht und wie der Tagesablauf ist. Dafür braucht es keinen Laptop, kein Pad und kein Smartphone. Der Kranke braucht einfach den Menschen. 

Wer Menschen mit Demenz nahe sein will, wird sehr oft mit Störungen konfrontiert.

Störungen sind unser täglich Brot.

Diese entstehen, weil unterschiedliche Wirklichkeiten vorhanden sind und gelebt werden. Pflegende müssen in der Lage sein, solche Störungen in einem frühen Stadium zu erkennen.

Sie begleiten den Menschen auf Augenhöhe. Sie bewältigen Konflikte, fördern das Zusammenleben und entwickeln Lösungen. Sie anerkennen die Andersartigkeit von Menschen mit Demenz und begegnen ihnen mit Respekt, Toleranz und Vertrauen.

Gut ausgebildetes Personal verbringt heute viel Zeit am Computer.
Gut ausgebildetes Personal verbringt heute viel Zeit am Computer. Bild PD

In diesem Umfeld muss nicht zuerst ein Prozess beschrieben werden. Es braucht auch keine standardisierte Pflegeplanung, sondern Menschen, die wissen, was zu tun ist.

Menschen, für die es natürlich und sinnhaft ist, Bedürftige und Notleidende zu begleiten. Diese Kompetenzen werden durch zu viel System zerstört und kommen in der Ausbildung zu kurz.

Man bezeichnete diese Kompetenz einmal als «gesunden Menschenverstand». Aber dieser scheint mehr und mehr zu verschwinden. Als Führungspersonen kennen wir ein Phänomen: Wenn (zu) viel Personal da ist, wird weniger fokussiert gearbeitet. Es geht mehr vergessen, und der Einzelne hat weniger Verantwortung fürs Ganze. In Rapporten, Instruktionen und Besprechungen gibt es mehr Informationen auszutauschen.

Die Führungsarbeit findet noch mehr im Büro statt – und weniger draussen bei den Menschen, die pflegen. Darunter leiden auch die Wertschätzung und der Teamgeist. Es entsteht kaum mehr ein Gefühl im Sinne von «wir sind diejenigen, die es können und schaffen».

Die Beziehung zum kranken Menschen steht einem optimierten Gesundheitswesen diametral im Weg. Regulierungen ziehen noch mehr Fragen nach sich.

Die Mitarbeitenden verschanzen sich hinter Formalkorrektheit und verlieren das Wohl des Bewohners aus den Augen.

Die immer grösser werdende Bürokratie erlaubt den Rückzug aus der menschlichen Beziehung.

Und wir kommen wieder zur Unattraktivität des Pflegeberufes: Auf den «Zwang», Beziehung zu leben, wollen sich immer weniger Menschen einlassen. Die Kontroll- und Regulierungswut verhindert schon in den Grundzügen jegliche Beziehungsarbeit. Die Mitarbeitenden sind deshalb dauernd damit konfrontiert, dass «Büro vor Pflege» und «Maschine vor Mensch» die Maximen unserer Zeit sind. 

Video: Pflege der Zukunft – alle oben, niemand unten


Michael Schmieder im Gespräch mit Gerd Kehrein. Quelle alzheimer.ch/youtube

erschienen: 26.04.2018

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