Pflegende als Opfer

Oft werden sie kaum wahrgenommen

Das Bewusstsein für die menschliche Fehlbarkeit kann eine Ressource sein.
Das Bewusstsein für die menschliche Fehlbarkeit kann eine Ressource sein. Bild Daniel Kellenberger

Um sogenannte «Second Victims» wirksam zu unterstützen und die Patientensicherheit zu erhalten, bedarf es in der Praxis neben individuellen Massnahmen auch einer Verbesserung der Sicherheitskultur. Wie diese Ziele erreicht werden können, zeigt eine Befragung von Fachleuten.

Von Cornel Schiess und David Schwappach

Um die Erfahrung und Unterstützung von «Second Victims» zu erfassen, entwickeln das Nationale Kompetenzzentrum für Evidenzbasierte Pflege, Patientensicherheit Schweiz und das Universitätsspital Basel ein quantitatives Fragebogen-Instrument für die Schweiz.

Der nachfolgende Ergebnisbericht basiert weitgehend auf Einzelaussagen der sechs ExpertInnen im Durchschnittsalter von ca. 57 Jahren, die die Online-Umfrage vollständig beendet haben und sich hälftig mehr oder weniger als zehn Jahre aktiv mit Patientensicherheit beschäftigt haben.

Second Victims

Unerwünschte Ereignisse im medizinischen Behandlungsprozess wirken sich nicht nur auf Patientinnen und Patienten sowie deren Familien (First Victims) aus, sondern auch existenziell auf involvierte Gesundheitsfachpersonen (Second Victims). Die Erfahrungen von Second Victims gehen häufig mit langanhaltenden, emotionalen, gesundheitlichen und beruflichen Belastungen einher. Grosse wahrgenommene persönliche Verantwortlichkeit und Traumatisierung sind dabei bezeichnend. Starke Versagens- und Schuldgefühle sowie Zweifel an der Berufseignung können bis zum Berufsausstieg führen.

«Second Victims» sind traumatisiert

Unerwünschte Ereignisse können im medizinischen Behandlungsprozess nicht nur PatientInnen («First Victims»), sondern auch die mitbeteiligten, auslösenden oder verantwortlichen Gesundheitsfachpersonen wie Pflegefachpersonen und Ärzte («Second Victims») schädigen.

«Obwohl wir uns bewusst sein müssen, dass wir irgendwann einen grossen Fehler machen werden, ist das Phänomen ‹Second Victim› bislang zu wenig bekannt.»

Die Betroffenheit der «Second Victims» ist nicht nur durch ihre Person, sondern auch durch ihr Umfeld geprägt.

Wie das obige Zitat verdeutlicht, werden «Second Victims» in ihrem Umfeld oft zu wenig wahr- und ernstgenommen, obwohl sie einer bewussten gesundheitlichen, psychologischen und rechtlichen Unterstützung bedürfen. Dabei können KollegInnen und Vorgesetzte mit Zuwendung und Zuspruch eine zentrale Rolle einnehmen.

Reaktionen erfordern Unterstützung

«Second Victims» werden in ihrem Arbeitsumfeld oft als aufgelöst wahrgenommen und reagieren unterschiedlich lange mit z.B. Einbussen im Befinden, veränderten sozialen Kontakten und reduzierter beruflicher Leistungsfähigkeit.

Obwohl eine gewisse Betroffenheit infolge eines unerwünschten Ereignisses auch von Sorgfalt zeugen kann, geht die Betroffenheit von «Second Victims» über eine Alltagsbetroffenheit hinaus und führt zu einer traumatisierenden Erfahrung.

Während Schlaf-, Konzentrations und Appetitstörungen eher zu den physiologischen Reaktionen zählen, zeigen sich auf psychosozialer Ebene nach anfänglichem Schock Merkmale wie Schuld/Scham, Angst/Panik, Nervosität/Unruhe, Wut/Frustration, soziale Isolation und reduziertes Selbstvertrauen.

Folglich stellen «Second Victims» nicht nur ihre Arbeitsumgebung, sondern auch ihre eigene Person infrage.

Von besonderer Relevanz sind die rapid abnehmenden Denk- und Handlungsfähigkeiten von «Second Victims»

Sie können die Versorgungsqualität und -sicherheit reduzieren und das Auftreten weiterer unerwünschter Ereignisse begünstigen. Zusätzlich können «Second Victims» im Langzeitverlauf ein Burnout-Syndrom oder eine Depression entwickeln.

«‹Second Victims› werden im gewinnorientierten und funktional ausgerichteten Spitalbetrieb als Betriebsstörung angesehen.»

Dieses Zitat verdeutlicht, dass der lokale Kontext wie der wirtschaftliche Druck den Umgang und die Auswirkungen auf «Second Victims» beeinflussen kann. In ihrem Umfeld möchten sich «Second Victims» mit KollegInnen austauschen und suchen zwecks emotionaler Entlastung nach Erklärungen für das Ereignis.

Obwohl den ExpertInnen zufolge «Second Victims» Unterstützung bedürfen, ist man vielerorts nicht dafür vorbereitet.

Kollegiale Unterstützung ermöglichen

Um «Second Victims» und Re-Traumatisierungen im Verlauf (frühzeitig) zu erkennen, ist es notwendig, dass zum einen aktiv nach «Second Victims» Ausschau gehalten wird und unerwünschte Ereignisse zum anderen in einer institutionalisierten Form nachbesprochen werden.

Die ExpertInnen sind der Ansicht, dass sich Unterstützungsangebote an unterschiedlichen Ereignisarten und -schweren orientieren und eskalierend aufgebaut werden sollen (z.B. von kollegialer hin zu professioneller Unterstützung). Entsprechend müssen Peer-Teams aufgebaut werden, wie sie in einigen Institutionen implementiert werden.

Zwar sind interne Konzepte zum Umgang mit schwerwiegenden unerwünschten Ereignissen arbeitsintensiv, sie können aber Sicherheit und Klarheit schaffen.

Nebst den vielerorts fehlenden Unterstützungsangeboten und den teilweise implementierten Peer-Systemen wurde von einer Expertin ein ausgereiftes Unterstützungssystem (siehe unten) beschrieben, das sich an einem international vielbeachteten Unterstützungssystem aus den USA orientiert. 

Da unerwünschte Ereignisse auch Teams betreffen und Vorgesetzte herausfordern, können auch sie Unterstützung einfordern oder sie wird ihnen sogar von Peers aus der zweiten Stufe empfohlen.

Da die Unterstützungsqualität wesentlich von kulturellen Aspekten und Vorgesetzten (z.B. soziale Kompetenz) abhängig ist, kann eine sensibilisierende und unterstützende Haltung der Institution hilfreich sein.

Ein erstes Ziel kann sein, kollegiale Unterstützung zu ermöglichen, so dass sich die Situation der «Second Victims» zum einen nicht verschlimmert und sie zum anderen nicht beschuldigt werden.

Sicherheitskultur als Basis

Wie bereits deutlich wurde, kann die Sicherheitskultur als Rahmenbedingung von Unterstützung betrachtet werden. Die zum Teil in Institutionen seit Jahren als Wert verankerte Sicherheitskultur charakterisiere sich durch eine Atmosphäre des Vertrauens.

Ausdruck davon kann sein, dass Mitarbeitende für Fehler nicht blamiert werden, über Fehler sprechen und sich trauen, auf Risiken hinzuweisen.

Flache Hierarchien können hierzu genauso hilfreich sein wie das Sprechen von Vorgesetzten über eigene Fehler.

Es geht in einer Sicherheitskultur nämlich nicht um das Finden von Schuldigen, sondern um das Identifizieren von Ereignisursachen.

Da der Umgang mit menschlicher Fehlbarkeit nicht nur durch die Organisation, sondern auch durch die sich darin bewegenden Individuen (z.B. Sozialisierungsprozesse) beeinflusst ist, kann das Bewusstsein für die menschliche Fehlbarkeit eine Ressource sein.

Sensibilisierung und Klärung von Verantwortung

Während den einen ExpertInnen die in ihrer Praxis bestehenden Konzepte im Umgang mit «Second Victims» ausreichen, messen andere einem spezifischen Instrument zur Erfassung der Erfahrung und Unterstützung von «Second Victims» eine hohe Wichtigkeit zu.

Sie schreiben einem neuen Instrument Potenzial zur Sensibilisierung und zur Entwicklung eines Bewusstseins für die Häufigkeit und das Ausmass der Belastungen von «Second Victims» zu.

Zudem könne es zur Klärung von Verantwortung verhelfen, die zentralen Rollen von KollegInnen und Vorgesetzten widerspiegeln und Anhaltspunkte geben, um institutionsspezifische Unterstützungsangebote zu implementieren und evaluieren.

Fazit

Die vorliegende qualitative Onlinebefragung gibt erstmals systematisiert Einblick in die Sichtweise von ExpertInnen auf das Phänomen «Second Victim».

Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass einige Praxisinstitutionen in der Schweiz das in der Literatur zunehmend differenziert beschriebene «Second Victim»-Phänomen in ihrer Vielschichtigkeit und Sicherheitsrelevanz erkannt haben und mit der Entwicklung und Implementation von Unterstützungssystemen darauf reagieren.

Um «Second Victims» wirksam zu unterstützen und Patientensicherheit zu erhalten, bedarf es in der Praxis einerseits Arbeit an der Sicherheitskultur und andererseits Strukturarbeit.

Um neue Instrumente und Unterstützungssysteme optimal in die Praxis zu integrieren, ist zunächst ein besseres Verständnis zu existierenden Strukturen und Sichtweisen verschiedenster Stakeholder gefragt.  Die vorliegenden Ergebnisse können für repräsentativere Studien Hinweise zur Entwicklung von Fragestellungen und Interview-Leitfäden geben.

Intervention: Das dreistufige Unterstützungssystem

Stufe 1: Kollegiale Unterstützung aus dem beruflichen Umfeld

  • Wahrnehmen und Zuhören ohne zu werten
  • Sichtweise der Betroffenen in Erfahrung bringen
  • Informieren über die Angebote auf Stufe 2

Stufe 2: Peer-Unterstützung von speziell dafür ausgebildeten KollegInnen

  • Erklären, dass «Second Victim»-Gefühle normal sind
  • Anregen der Aktivierung eigener Ressourcen
  • Informieren über die Angebote auf Stufe 3

Stufe 3: Professionelle Unterstützung von z.B. Psychiatern

  • Aktivierung von Professionellen 24h an 365 Tagen
  • Gesprächsangebote
  • Therapeutische Interventionen

Dieser Beitrag ist in der November-Ausgabe von «Krankenpflege» erschienen, dem Magazin des SBK. Herzlichen Dank für die Gelegenheit zur Zweitverwertung. Beim vorliegenden Beitrag handelt es sich um eine leicht gekürzte Fassung.

erschienen: 07.12.2017

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