Präventionsstudie

Wie man ein Delir nach der Operation verhindert

Drei Viertel der Delirien können durch einfache pflegerische Interventionen verhindert werden.
Drei Viertel der Delirien können durch einfache pflegerische Interventionen verhindert werden. Bild PD

Eine Präventionsstudie zeigt, dass drei Viertel der postoperativen Delirien durch pflegerische Eingriffe verhindert werden können.

Von Melanie M. Klimmer

In Kliniken steigt der Anteil der über 70-jährigen Patienten an. Die Deutsche Alzheimer-Gesellschaft prognostiziert für 2030 einen Anteil von 70 Prozent. Eine besondere pflegerische Herausforderung für Intervention, Kommunikation und Haltung stellt dabei die Prävention des post-operativen Delirs und von damit einhergehendem, herausforderndem Verhalten dar.

Eine Präventionsstudie belegt: Drei Viertel der Delirien können durch einfache pflegerische Interventionen verhindert werden.

Das post-operative Delir gehört zu den am häufigsten auftretenden Komplikationen einer stationären Krankenhausbehandlung bei Senioren. Wird nicht gegengesteuert, entwickelt – laut einer aktuellen Präventionsstudie1 – etwa jeder zweite Patient über 70 Jahre ein post-operatives Delir. Ein Drittel von ihnen überlebt dieses nicht, ein weiterer Teil bleibt in dessen Folge kognitiv beeinträchtigt.

Das «Evangelische Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge» in Berlin (KEH), ein 748-Betten-Haus, hat sich vorgenommen, die Versorgung geriatrischer Patienten in Kliniken der Regelversorgung zu verbessern.

Die Risikofaktoren 

Bedeutende Risikofaktoren für ein postoperatives Delir sind laut KEH-Präventionsstudie ein höheres Lebensalter sowie Infektionen. Letztere werden bei geriatrischen Patienten aufgrund oft atypischer oder vom Patienten nicht artikulierbarer Symptome (z.B. Harnwegsinfekte) hinter Grunderkrankungen, polypharmazeutischen Nebenwirkungen und natürlichen Altersprozessen nicht vermutet.

Symptome eines akuten Delirs

– plötzlicher Beginn; akuter Verlauf
– eingeschränktes Bewusstsein
– deutlich verminderte Konzentrationsfähigkeit
– Desorientierung; bei Menschen mit Demenz stärker beeinträchtigte Kognition
– geminderte und/oder gesteigerte Psychomotorik
– gestörter Tag-Nacht-Rhythmus; Tag-Nacht-Umkehr
– psychotische Halluzinationen; Situationsverkennung.
(Delir-Pocketcard des KEH)

Die genaue pflegerische Krankenbeobachtung vor einer akuten oder vom Arzt veranlasste Klinikeinweisung und begleitend zum Klinikaufenthalt ist daher unerlässlich.

Weitere Ursachen für ein post-operatives Delir sind Dehydrierung und Mangelernährung. Weisen Patienten bei der Aufnahme Zeichen dafür auf, wie beispielsweise stehende Hautfalten, trockene Zunge, Kachexie oder trinken sie zu wenig, ist eine zusätzliche Flüssigkeits- und Nährstoffsubstitution bereits vor einem medizinischen Eingriff und danach unentbehrlich.

Zudem können fremde Stationsabläufe und wechselndes Personal die Reizverarbeitung des geriatrischen Patienten überfordern. Besonders Heimbewohner sind gefährdet, da ihre Ressourcen sich in fremder Umgebung zu orientieren in hohem Masse aufgebraucht sind. Verlegungen und Veränderungen jeglicher Art seien tunlichst zu vermeiden, sagt Albert Diefenbacher, Chefarzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am KEH.

Gerade das Zusammenspiel präventiver Massnahmen sei wichtig, sagt Eckehard Schlauss, Gerontologe am KEH und seit 2013 Leiter des dortigen «Demenz-Delir-Managements».

Orientierende Hilfen

Es gibt eine Reihe von Symptomen, die auf ein akutes Delir hinweisen (siehe Box). Mit folgenden sicherheitsspendenden und orientierenden pflegerischen Massnahmen kann man jedoch postoperativen Delirien vorbeugen:

Förderung der zeitlichen Orientierung

  • richtig eingestellte Zimmerund/ oder Armbanduhr, Tischoder Wandkalender
  • an die tatsächliche Tages- und Nachtzeit angepasste Lichtverhältnisse
  • klare Tagesstruktur mit häufiger Aktivierung (regelmässige Mobilisation zu den Mahlzeiten, zur Körperpflege ans Waschbecken, regelmässige Toilettengänge).

Förderung der räumlichen Orientierung

  • keine Verlegungen!
  • vestibuläre Wahrnehmungsförderung, u.a. durch eine postoperative frühzeitige Mobilisation, kinästhetische Bewegungsförderung oder das einfache Anheben des Kopfteiles für einen besseren Überblick fördern neben der räumlichen Orientierung die Kognition
  • Verzicht auf Anti-Dekubitus-Matratzen und Einsatz von wahrnehmungsfördernden Lagerungshilfen (z.B. sandtherapeutische Lagerungshilfen)
  • Bereitstellung sensorischer Hilfen (Brille, Hörgerät).

Förderung der persönlichen Orientierung

  • validierende, zugewandte und deeskalierende Kommunikation, präsente Haltung
  • Einbeziehung naher Bezugspersonen (Angehörige, soziale Betreuer)
  • Liaison-Pflege über die Dauer des Klinikaufenthaltes
  • persönliche Gegenstände (Fotos, gemalte Bilder von Enkeln/Urenkeln).

Herausforderndes Verhalten könne, so Diefenbacher, im weitesten Sinne Hinweis und Ausdruck von Verzweiflung, Angst und Unsicherheit sein. Der Patient, erklärt Schlauss, brauche die Gewissheit, dass man sich Zeit nimmt und er im Mittelpunkt steht.

 

1 Kratz Torsten, Manuel Heinrich, Eckehard Schlauß, Albert Diefenbacher: Prävention des postoperativen Delirs, Deutsches Ärzteblatt, Jg. 112, Heft 17, 24. April 2015, S. 289–296 (Originalarbeit).

Herzlichen Dank an den SBK für die Gelegenheit der Zweitverwertung.

erschienen: 03.10.2017

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