Umfrage

Teilhabe am Pflege-Rapport

Wir wissen nicht, ob und was sie hören. Aber sie merken, dass wir über sie reden.
Wir wissen nicht, ob und was sie hören. Aber sie merken, dass wir über sie reden. Bild Daniel Kellenberger

Eine interne Weiterbildung im Demenzzentrum Sonnweid brachte eine schwierige Frage zutage: Soll das Pflegepersonal Menschen mit Demenz in der mittleren Phase aktiv in den Prozess des Rapportierens mit einbeziehen? Wir sind gespannt auf Ihre Meinung.

Von Doreen Sommer

In zwei Wohngruppen in der Sonnweid ist während des Rapports und der Dienstübergabe von der Frühschicht zur Spätschicht eine räumliche Trennung zu den Bewohnern nicht möglich. Die Bewohnerinnen und Bewohner sitzen während des Rapports am Esstisch und/oder im Stübli und hören, dass beim Rapport über sie gesprochen wird.

Mittleres Stadium

Im mittleren Stadium der Alzheimer-Demenz sind Sprache und Sprachverständnis der Betroffenen meist spürbar beeinträchtigt: Fehler im Satzbau treten auf, Antworten werden floskelhaft und Unterhaltungen schwierig, da Betroffene den «roten Faden» verlieren. Da sich die Patienten kaum noch etwas merken können, fällt es ihnen schwer, sich im Alltag zurechtzufinden. Sie bringen Tageszeiten und Daten durcheinander. Ausserhalb und innerhalb der eigenen vier Wände fällt die Orientierung immer schwerer. Bei vielen Kranken ist darüber hinaus der Schlaf-Wach-Rhythmus gestört. (Wegweiser Demenz)

Für mich als Stationsleiterin stellte sich die Frage, ob man Menschen mit Demenz in der mittleren Phase aktiv in den Prozess des Rapportierens mit einbeziehen soll. Kann man diese «ungute Rapportsituation» in den zwei von mir geleiteten Wohngruppen verändern?

Um eine differenzierte Antwort zu finden, habe ich die Fragen an unterschiedlichste Fachpersonen aus der Pflege gerichtet, an Pflegeexperten und Ethiker, um die Fragen gesamtheitlich auszuwerten.

Gerne richte ich diese Fragen auch an Betroffene und Fachpersonal ausserhalb der Sonnweid. Ihre Meinung zu dieser Frage interessiert mich sehr und ich würde mich auf ein Feedback freuen.

Ausgangssituation

Es ist 12.15 Uhr. Mittagszeit. Einzelne Bewohner sitzen nach dem Mittagessen noch am Tisch, andere haben sich im Stübli in der Wohngruppe verteilt. Der Spätdienst kommt zum Dienst und nimmt den Rapport des Frühdienstes entgegen.

Wir sprechen dabei über die Bewohner/innen, die bei uns leben: Was sie am Morgen erlebt haben, wie ihr Wohlbefinden ist, welche medizinischen Fragen im Raum stehen. Es sind sieben Frauen mit einer Demenz in der mittleren Phase. Wir drehen die Musik an, damit sie unsere Stimmen übertönt.

Die Bewohner hören und sehen uns. Sie wissen und spüren, dass wir über sie reden. Wir wissen nicht was sie hören, was sie verstehen und was sie wahrnehmen.

Aber wir reden über sie – nicht mit Ihnen. Für uns stellt sich deshalb die Frage, ob es eine Möglichkeit gibt, die Bewohner in den Rapport ganz oder teilweise einzubeziehen, sie selbst über ihre Situation und ihr Wohlbefinden reden zu lassen.

Zu diesem Zweck habe ich eine Umfrage gestartet, um von einer breiteren Öffentlichlichkeit Antworten auf die Frage zu bekommen: Soll man Menschen mit Demenz in der mittleren Phase in den schichtübergreifenden Rapport von Pflegemitarbeitern mit einbeziehen?

Der Demenzexperte und Philosoph Christian Müller-Hergl meint zu der Frage, ob man sie in den Rapport mit einbeziehen kann:

«Menschen mit Demenz beziehen alles auf sich, können oft nicht zwischen dem, was über andere und dem, was über sie gesagt wird, unterscheiden. Zudem haben sie vielleicht auch schon vergessen, was sie am Morgen erlebt, gesagt, getan haben. Sie verlieren die «bird`s eye perspective» oder Selbstdistanzierungsfähigkeit, haben demnach nur eingeschränkt einen objektiven Bezug zu sich selbst. Daher sind Urteile oder Aussenperspektiven über sie in ihrer Gegenwart schwierig, wenn sie nicht der eigenen Auffassung entsprechen.»

Michael Schmieder, Demenzexperte und ehemaliger Leiter der Sonnweid in Wetzikon meint dazu:

«Grundsätzlich sehe ich den Einbezug sehr positiv. Also nicht einfach dabei sitzen, sondern: was soll ich aufschreiben, was war wichtig für sie? Man sollte den Rapport als Kommunikationsplattform nutzen.»

Vielleicht gibt es kein Ja oder Nein, kein schwarz oder weiss, kein Richtig oder Falsch. Vielleicht ist es eher eine Frage des wie und nicht des ob?

Uns interessiert, was Sie denken. Nehmen Sie sich doch etwas Zeit und teilen Sie uns ihre Gedanken zu folgenden Fragen mit:


  • Halten Sie es für möglich, Menschen mit Demenz in der mittleren Phase in den Rapport mit einzubeziehen?


  • Wenn ja – wie?


  • Wenn nein – warum nicht?


Gerne können Sie die Fragen hier unter diesem Link beantworten. Vielen Dank!

Bitte teilen Sie uns mit, ob Sie Betroffener, Angehöriger oder eine Fachperson aus der Pflege sind.


 

Gerne fordern wir Sie auf, Ihre Meinung entweder per Mail an Doreen Sommer zu schicken, oder in der Kommentarspalte unten kund zu tun. Dazu brauchen Sie sich nur einzuloggen. Mit der Registrierung sind keinerlei Verpflichtungen verbunden (Redaktion).

erschienen: 26.09.2017

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