Glosse

Höchst fragwürdige neue Richtlinien

Niemand hat die Absicht, einen Menschen mit Demenz zu täuschen!
Niemand hat die Absicht, einen Menschen mit Demenz zu täuschen! Bild PD

Die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) hat neue medizin-ethische Richtlinien zur Betreuung und Behandlung von Menschen mit Demenz in die Vernehmlassung gegeben. Im Kapitel «Fürsorgliche Täuschung / Medikamentöse Täuschung» sagen die Autoren ja zur Lüge.

Von Michael Schmieder

Die zur Vernehmlassung gegebenen Richtlinien stellen die Würde des Menschen in den Vordergrund, was sehr zu begrüssen ist. Ebenfalls ist ein grosses Wohlwollen gegenüber Menschen mit Demenz zu spüren.

Im krassen Gegensatz dazu steht jedoch der ganze Abschnitt, der sich mit der Frage der virtuellen Realität auseinandersetzt. Dort werden zum Beispiel der Einsatz von Roboter-Robben, von fiktiven Bushaltestellen und künstlichen Bahnabteilen befürwortet.

Begründet wird dies unter anderem mit der «Wiederbelebung biografischer Erfahrungen». Solche Elemente sollen «die menschliche Interaktion zwischen Betreuenden und Demenzerkrankten erleichtern und intensivieren».

Ich erlaube mir hierzu die Frage: Welche Menschen (mit Demenz) haben denn biografische Erfahrungen mit Robben?

Die Erfahrung mit Bushaltestellen, an denen der Bus nicht kommt, haben wir tatsächlich alle. Ob dies jedoch die Motivation für Bushaltestellen in Altersheimen ist, darf bezweifelt werden. In der Realität dienen sie der Täuschung.

Wenn die Wendung «positiv aufgenommen» als Grundargument dient, wird damit ein ganzes Feld eröffnet, was man alles dürfen dürfte. Darf man dann ganze Kasernenhöfe nachstellen? An solchen Orten erfuhren ja viele Männer besondere biografische Prägungen.

Bushaltestellen im Garten, an denen weder ein Bus vorbeifährt noch anhält, dienen ausschliesslich dazu, den Menschen zu täuschen. Man benennt ihm ein (falsches) Ziel, wenn er etwas sucht oder nach Hause will. «Warten Sie hier, bis der Bus kommt».

Dies wird dann zum Alltag und erleichtert tatsächlich die menschliche Interaktion für den Betreuenden. Der Betreuende bietet eine Lösung an, von der nur er weiss, dass es keine Lösung ist.

Es gibt keine Hinweise darauf, dass getäuschte Menschen mit Demenz eine höhere Lebensqualität haben.

Es ist erstaunlich, dass die SAMW nur aufgrund der Diagnose Demenz Unwahrhaftigkeit legalisiert. In der Beziehung zwischen Patient und Personal ist Wahrhaftigkeit und Vertrauen existenziell. Ausgerechnet bei Menschen mit Demenz, die besonders viel Schutz brauchen, soll nun dies nicht mehr gelten. 

«Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten», sagte Walter Umbricht, bevor er aus der DDR ein Gefängnis machte. Niemand hat die Absicht, einen Menschen mit Demenz zu täuschen! Nein, wir haben das hehre Verlangen, durch Wiederbelebung biografischer Erfahrungen positives Erleben zu ermöglichen!

Diese Argumentation ist nicht nachvollziehbar, und sie wird der Verletzlichkeit und den speziellen Bedürfnissen von Menschen mit Demenz nicht gerecht. Die Richtlinien werden dadurch in ihrer Gesamtheit entwertet und haben für mich keinerlei Relevanz. Noch besteht aber die Chance, dass diese kritischen Punkte überarbeitet werden.


 

Ergänzende Überlegungen zur Vernehmlassung

von Theres Meierhofer-Lauffer, Leiterin des Alters- und Pflegeheims Erlenhaus, Engelberg Schweiz.

Michael Schmider spricht mir aus dem Herzen – auch ich habe mich im Rahmen der Vernehmlassung zu den Richtlinien der SAMW zur Betreuung und Behandlung von Menschen mit Demenz an der Richtlinie zur «Fürsorglichen Täuschung» gestossen.

Dieser Begriff ist für mich neu und fragwürdig, soweit damit die Simulation einer virtuellen Realität als ethisch verantwortbar erklärt wird. Das ethische Prinzip der Fürsorge bedeutet gleichzeitig «Gutes tun» und «vor Schaden bewahren».

Im Zusammenhang mit strafrechtlich relevanten oder einschränkenden Begriffen wie «Täuschung» oder «Unterbringung», darf Fürsorge nur «vor Schaden bewahren» bedeuten. Fachpersonen verletzen – im Rahmen einer Güterabwägung in der ethischen Entscheidungsfindung – bewusst die Rechte des Betroffenen (Recht auf freie Wahl des Aufenthaltes, Recht auf Wahrhaftigkeit), um ihn vor einem Schaden zu schützen.

Fürsorgliche oder fürsorgerische Täuschungen können im Fall von Notlügen bei drohender Gefahr oder bei der versteckten Verabreichung von dringend benötigten Medikamenten (im Sinne einer Zwangsbehandlung mit überprüfbarem Behandlungsplan) bei Menschen mit Demenz ethisch vertretbar sein, aber nie mit dem Simulieren von Realitäten (Eisenbahnabteil, Bushaltestelle).

Letztere dienen nicht dazu, Schaden abzuwenden, sondern werden damit begründet, dass solche Objekte von den demenziell erkrankten Menschen «positiv aufgenommen» würden.

Menschen mit Demenz absichtlich zu täuschen, um ihnen damit etwas «Gutes zu tun», ist meiner Meinung nach höchst problematisch, selbst wenn dies mit der ausschliesslichen (?) Absicht geschieht, biographische Erinnerungen wieder zu beleben.

Erfahrungsgemäss leben Menschen mit einer Demenz nicht nur in ihren Erinnerungen, sondern immer auch im «Hier und Jetzt». Darum kann eine Bushaltestelle, an welcher nie ein Bus vorbeikommt, sehr verstören und beunruhigen.

Menschen mit Demenz ohne Begleitperson in ein virtuelles Zugsabteil zu setzen, ist unverantwortlich, könnten doch dabei unvermittelt «Reiseängste» aufkommen. Es braucht also eine Betreuung, die wesentlich sinnvoller eingesetzt ist, wenn sie einen Menschen mit Demenz auf einer echten Zug- oder Busfahrt begleiten kann.

erschienen: 29.08.2017

Kommentare