Aus der Praxis

Kreativität und unkonventionelles Denken sind gefragt

Es braucht eine Struktur, die alles zusammenhält, aber darin eingebettet muss auch das anarchistische Chaos vieler Demenzkranker Platz finden.
Es braucht eine Struktur, die alles zusammenhält, aber darin eingebettet muss auch das anarchistische Chaos vieler Demenzkranker Platz finden. Bild Dominique Meienberg

Die Bedürfnisse von Demenzkranken ändern sich im Lauf der Zeit. Betreuende sollen deshalb den Menschen genau beobachten und verschiedene Strategien ausprobieren. Sehr wichtig ist dabei das vertrauensvolle Verhältnis zwischen Betreuenden und Betroffenen.

Von Peter Dolder

Vor drei Jahren kam Frau P. in unsere Wohngruppe. Sie wurde beim Eintritt von einer Freundin begleitet und war guter Dinge. Bisher hatte sie allein ein Haus mit Garten bewohnt. Sie war gerade 60 Jahre alt geworden, ihren Job als Lehrerin hatte sie vor einigen Jahren krankheitsbedingt aufgeben müssen, mittlerweile war sie auch von den alltäglichen Arbeiten in ihrem Haushalt überfordert. Die Diagnose Alzheimer kannte sie, wir konnten mit ihr auch ungezwungen über die Einschränkungen, die sie durch die Krankheit erlitt, sprechen.

Frau P. konnte ihre Bedürfnisse gut kommunizieren: Sie ass vegetarisch, liebte den Kaffee schwarz, duschte jeden Morgen und ging verschiedenen Hobbys nach. So sammelte sie Steine, Blätter, Holzstücke und schnitt aus der Zeitung Bilder und Artikel zu Naturthemen aus, die sie in Ordnern ablegte. Wir animierten sie, auch in der Gruppe Werkarbeiten auszuführen – dies überforderte sie aber sehr.

Sie, die früher filigrane Kunstwerke hergestellt hatte, wurde wütend und erregt, wenn sie die eigenen und auch die Arbeiten der andern anschaute, weil sie derart nicht ihren Ansprüchen genügten. Wir animierten sie zu fotografieren, was sie auch früher schon gemacht hatte, und die sehr gelungenen Aufnahmen bereiteten ihr Freude.

Es lag an uns zu merken, wenn etwas nicht mehr ging; was wir nicht nur an ihrem Unmut erkennen konnten, wir lernten auch, ihre Mimik zu lesen und die Überforderung zu umgehen.

Frau P. äusserte von Beginn an den Wunsch, im Haushalt mitzuarbeiten, entschied sich für die Wäschepflege, sie bügelte und legte die Kleidungsstücke zusammen. Mit dem Fortschreiten der Krankheit wurde diese Aufgabe zur Manie, sie wurde wütend, weinte und schrie, wenn jemand anderer in ihrer Abwesenheit sich der Wäsche annahm. Täglich ging sie jetzt auf ausgedehnte Spaziergänge mit einer andern Bewohnerin, die ihren Hund ausführte, bis sie auch dies überforderte.

Die Bedürfnisse von Frau P. zu erkennen, war vor allem zu Beginn nicht schwierig, da sie sie ja selbst nannte. Doch war es an uns zu merken, wenn etwas nicht mehr ging, was wir nicht nur an ihrem Unmut erkennen konnten, wir lernten auch, ihre Mimik zu lesen und die Überforderung zu umgehen.

Die Selbstständigkeit bewahren

Als sie morgens oft unglücklich war, merkten wir, dass sie zwar ins Badezimmer ging, sich jedoch nicht mehr duschte und ungepflegt wirkte, aber anderseits auch keine Begleitung duldete. Unsere Aufgabe war es jetzt, einen Weg zu finden, wie wir sie bei der Körperpflege unterstützen konnten, ohne ihr diese abzunehmen und ihr das Gefühl eingeschränkter Selbstständigkeit zu geben. So schlugen wir ihr zum Beispiel vor, ihr den Rücken oder die Haare zu waschen, konnten ihr dadurch auch beim Entkleiden helfen, was sie nicht mehr alleine schaffte.

Wenn sie dann frisch geduscht und angezogen den Tag beginnen konnte, war sie wieder bei sich. Nach einiger Zeit konnte sie auch nicht mehr die Wäsche pflegen, dies frustrierte sie sehr, sie weinte häufig. Es wurde zunehmend klar, dass die Wohngruppe nicht mehr der richtige Ort für sie war, weil sie zu oft mit ihrer Überforderung konfrontiert wurde. Sie wurde innerhalb der Sonnweid in eine Station mit einer anderen Wohnform verlegt.

Nicht alle Bewohnerinnen und Bewohner können beim Heimeintritt mitteilen, was ihre gegenwärtigen Bedürfnisse sind. Oft informieren uns Angehörige über die individuellen Bedürfnisse, und wir haben die Möglichkeit, die biografischen Daten aufzunehmen. Häufig stellen wir fest, dass uns diese  Angaben nicht mehr weiterhelfen, weil sich der Mensch verändert hat, weil das, was ihm früher entsprach, heute nicht mehr dieselbe Bedeutung hat. Wozu etwas aufrechterhalten, das nicht mehr denselben Stellenwert hat? Anderseits ist es das Bedürfnis des erkrankten Menschen, seine Fassade zu bewahren.

Das Wichtigste an unserer Betreuungsarbeit ist, dass wir den Menschen beobachten, verschiedene Strategien ausprobieren und ihn nicht mit Alternativen konfrontieren, die ihn überfordern.

Frühere Erfahrungen, Herkunft, soziale Schicht, Beruf, Religion spielen auch für den kranken Menschen eine wichtige Rolle. Was aber ihr Stellenwert ist, müssen wir herausfinden. Ich denke an Herrn K., der uns wie inkompetentes Servicepersonal behandelte und immer damit drohte, einen Leserbrief an die NZZ zu schreiben über die Zustände in diesem Hotel, wo sich die Türen nicht abschliessen lassen. Wir gaben ihm einen Zimmerschlüssel und wir bestätigten ihn in seiner Überzeugung, dass die Bedienung heute sehr zu wünschen übrig liesse.

Vorlieben sollen den gegenwärtigen Bedürfnissen entsprechen

Das Wichtigste an unserer Betreuungsarbeit ist, dass wir den Menschen beobachten, verschiedene Strategien ausprobieren und ihn nicht mit Alternativen konfrontieren, die ihn überfordern. Wir merken, wenn jemand etwas mag oder ablehnt, wenn etwas verwirrt oder unglücklich macht. Die Bedürfnisse ändern sich im Lauf der Zeit, wir müssen uns immer wieder fragen, ob wir nicht Vorlieben aufrechterhalten, die gar nicht mehr den gegenwärtigen Bedürfnissen entsprechen.

So mag elegante Bekleidung noch eine Wichtigkeit haben, oder aber eher belastend sein, so kann die Konfrontation mit dem ausgeübten Beruf einen Zugang verschaffen, oder aber den betreuten Menschen völlig überfordern. Herr A. zum Beispiel, ein früherer Banker, fühlt sich heute wohl in seinen ausgebeulten Hosen und den Wollsocken, Frau M. hingegen achtete immer auf gepflegte Kleidung und wollte, bis sie mit beinahe 100 Jahren verstarb, immer ihre Nägel schön manikürt und lackiert haben.

Das Wissen um die biografische Vergangenheit schafft auch Zugang. Doch müssen wir die Biografien, die uns die Angehörigen geben, immer mit Vorbehalt aufnehmen. Denn sie sind durch die Erfahrungen der Vermittelnden geprägt, ist es ein Sohn oder eine Tochter, der Ehepartner, die Ehefrau, kommt die Erzählung von jemandem, der unter dem oder der Erkrankten gelitten hat oder den eine glückliche oder bereichernde Geschichte verbindet. Wir können unverbindlich Themen aus dem früheren Berufsleben aufnehmen.

Zum Exbanker sagte ich: «Was für einen Verlust hat die Nationalbank in diesem Halbjahr eingefahren!» Er antwortete darauf durchaus professionell: «Das ist nicht tragisch, das sind Buchverluste.» Hätte er aber das Gefühl, von ihm werde wieder Leistung erwartet, würde ihn dies in Stress bringen. Ich kann den Architekten auf ein gelungenes Haus im Vorübergehen ansprechen, er wird es auch unverbindlich kommentieren. Als ich aber mit dem Architekten ein Architekturbüro besuchte, hatte er sofort Schweissausbrüche, und wir mussten den Ort sofort verlassen.

Kenntnisse über die Herkunft können hilfreich sein. Wenn ich der ehemaligen Pfadiführerin gegenüber das Bundeslager erwähne, strahlt sie. Wenn ich die Schaffhauserin frage, ob sie «Bölletünne» mag, strahlt sie, denn es weckt in ihr Erinnerungen. Wenn wir gar nichts  über jemanden wissen, beobachten wir ihn oder sie viel genauer, lassen uns nicht durch Vorwissen in die Irre führen und versuchen aus der Beobachtung heraus, die Bedürfnisse zu erkennen.

Hilfreich sind die Techniken, die wir anwenden, wie Validation®, basale Stimulation sowie Kinästhetik.

Dies erfordert ein gehöriges Mass an Kreativität und unkonventionellem Denken. Hilfreich sind die Techniken, die wir anwenden, wie Validation®, basale Stimulation sowie Kinästhetik. Es braucht eine Struktur, die alles zusammenhält, aber darin eingebettet muss auch das anarchistische Chaos vieler Demenzkranker Platz finden.

Vertrauen überbrückt schwierige Situationen

Eine Beziehung zu einem Erkrankten aufzubauen, ist eine grosse und positive Herausforderung. Es geht darum, ein Vertrauensverhältnis herzustellen, mit dem dann häufig auch schwierige Situationen überbrückt werden können. Wenn eine Bewohnerin zu einer medizinischen Untersuchung ins Spital muss, weiss sie nicht, was ihr geschieht und weshalb. Wenn die Begleiterin so lange wie möglich bei ihr bleiben kann und ihr versichert, dass sie sie später abholt, beruhigt das die Kranke für den Moment nur dann, wenn sie zu ihr Vertrauen hat.

Hilfreich sind auch thematische Gespräche mit mehreren Bewohnern. Häufig kommt es vor, dass sich in diesen Runden auch Menschen äussern, die sonst fast nicht mehr sprechen. Wir müssen merken, welche Themen im Moment wichtig sind. Bei diesen Gelegenheiten kommen oft auch individuelle Bedürfnisse zur Sprache, die uns in der Betreuung weiterhelfen. Wichtig sind der Austausch von Rapporten innerhalb des Teams und die Einträge im Kardex. An Teamsitzungen nehmen wir einzelne Beobachtungen auf und berücksichtigen diese in der Betreuungsplanung.

Wir versuchen die Befindlichkeit der Einzelnen zu spüren. Braucht es Zuwendung, braucht es Humor oder will jemand einfach in Ruhe gelassen werden? Um Mimik, Haltung, Stimmungslage oder Äusserungen zu verstehen, müssen wir die Menschen kennen, erfassen, beobachten und ständig reflektieren, weil sie sich immer verändern.

erschienen: 13.01.2016