Ans Bett gefesselt

Immobilität – die körperliche Seite der Demenz

Jennifer Holenstein (18), Fachfrau Gesundheit im 3. Lehrjahr in der Sonnweid.
Jennifer Holenstein (18), Fachfrau Gesundheit im 3. Lehrjahr in der Sonnweid. Bild Véronique Hoegger

Viele Alltagsaktivitäten von Menschen mit schwerer Demenz werden von Betreuung und Pflege übernommen. Auch bei diesen praktischen Aufgaben geht es im Kern immer darum, Beziehung zu gestalten.

Von Gerd Kehrein

«Am Anfang war es für mich schockierend, diese Menschen so hilflos in ihren Betten liegen zu sehen. Ich mache mein Bestes, um ihnen ein möglichst schönes Leben zu ermöglichen. Ich glaube, diese Bewohner möchten von uns wie vollwertige Menschen behandelt werden. Sie wünschen sich, dass wir gut auf die (nonverbalen) Signale achten, die sie uns noch geben können. Man soll sanft mit ihnen umgehen, sie aber nicht wie Kinder behandeln.» Riccarda Kistler (17), Fachfrau Gesundheit im 2. Lehrjahr

Wenn von Demenz gesprochen wird, drehen sich die Diskussionen und Befürchtungen meist um kognitive Einbussen (Vergessen, Erkennen, Sprache usw.) und Verhaltensveränderungen (Rückzug, Agitation, Bewegung usw.). Die körperlichen Einschränkungen werden dabei häufig, wahrscheinlich auch aufgrund ihres meist späteren Auftretens, nur am Rande erwähnt.

Dabei sind sie, wenn sie denn einmal auftreten, von allergrösster Bedeutung für die betroffene, und in der Folge auch für die betreuende Person. Primär sind neben der Mobilität auch die Ausscheidung, Ernährung und Körperpflege tangiert.

Das heisst, dass Menschen in einer weit fortgeschrittenen Phase der Demenz die Fähigkeit verlieren, sich bewusst und sicher zu bewegen, ihre Ausscheidung zu kontrollieren, sich zu ernähren und die eigene Körperpflege (inklusive Kleidung) auszuführen (siehe Grafik am Ende des Beitrags)

«Ich erinnere mich an eine Frau, die ich mit einer anderen Pflegeperson vom Bett in einen Lehnstuhl transferierte. Es ist nicht einfach, dies zu sehen, wenn man daran denkt, dass die Frau früher Wanderungen gemacht hat. Ich kann mir vorstellen, dass sie Schamgefühle hat, wenn sie auf Hilfe angewiesen ist. Ich denke, die Frau merkt, wie die Stimmung der Pflegenden ist. Man muss deshalb immer respektvoll und angemessen mit ihr umgehen.» Désirée Gubser (19), Fachfrau Gesundheit im 3. Lehrjahr

Was kann das im Einzelnen bedeuten? Welche konkreten Beeinträchtigungen sind zu erwarten, welche Risiken, beziehungsweise Folgen können diese nach sich ziehen?

Nach den Veränderungen, die zu Beginn der Demenz kognitive Einbussen mit sich bringen, bedeutet der hier aufgezeigte Verlust körperlicher Fähigkeiten einen nochmaligen Eingriff in das Alltagsleben der betroffenen Person. Und damit einhergehend ändert sich auch die Aufgabe von Pflege und Betreuung weitgehend.

War diese bisher darauf ausgerichtet, unterstützend und ergänzend tätig zu sein, geht es jetzt darum, ganz praktische Alltagsaktivitäten komplett zu übernehmen. Die Rolle von Pflege wird eine andere. Aus «Unterstützung bei …» wird «Übernahme von …». Dazu einige Beispiele:

Konnte Herr Sieber in den ersten Jahren seiner Demenz die tägliche Körperpflege noch selbständig, oder später unter Anleitung, ausführen, fällt diese Tätigkeit heute den Pflegenden zu. Sie müssen jetzt das tun, was Herr Sieber sein ganzes Leben lang selbständig gemacht hat, um sich in seiner Haut wohlzufühlen: Sie waschen, duschen oder baden ihn, sie kümmern sich um eine angemessene Hautbeobachtung und -pflege, sie tragen dafür Sorge, dass er seinen Vorstellungen und den äusseren Bedingungen entsprechend gekleidet ist und sie sorgen für die Mundhygiene.

«Eine unserer Bewohnerinnen leidet an Spitzfüssen und reagiert mit Spastik auf Berührungen. Sie schwitzt stark und ist deshalb Dekubitus (Wundliegen)-gefährdet. Wenn immer möglich, versuche ich ihr eine Eins-zu-eins-Betreuung zu ermöglichen. Das beruhigt sie und hilft mir, ihre Situation besser zu verstehen. Mir wurde beigebracht, jeden Menschen so zu behandeln, wie ich selbst behandelt werden möchte.» Jennifer Holenstein (18), Fachfrau Gesundheit im 3. Lehrjahr

Konnte sich Herr Sieber in den ersten Jahren seiner Demenz noch frei bewegen, fällt es heute den Pflegenden zu, die Folgen der Immobilität möglichst erträglich zu machen und die Risiken zu minimieren: Sie lagern, mobilisieren, bewegen, beobachten, berühren, pflegen die Haut, wechseln die Umgebung und setzen Hilfsmittel angemessen ein.
Konnte Herr Sieber in den ersten Jahren seiner Demenznoch bewusst die Toilette benutzen, fällt es heute den Pflegenden zu, die Toilettenbenützung, beziehungsweise die Ausscheidung zu «managen»: Sie sind bestrebt, die gewohnte Benutzung der Toilette so lange wie möglich zu gewährleisten, sie setzen gezielt Inkontinenzprodukte ein, sie sorgen für gesunde Haut, sie beobachten und regulieren nach ihren Möglichkeiten die Ausscheidungshäufigkeit.

«Eine Bewohnerin lag eigentlich immer im Bett – ausser wenn sie einmal in der Woche mit dem Lift in die Badewanne mobilisiert worden ist. Ich denke, für sie ist es gut, wenn sie in der Oase leben kann. So spürt sie, dass sie nicht allein ist. Vielleicht spürt sie auch, wenn man sich wirklich Zeit nimmt für sie und nicht nebenbei noch etwas anderes macht.» Larissa Gyger (18), Fachfrau Gesundheit im 3. Lehrjahr

Konnte Herr Sieber in den ersten Jahren seiner Demenz wie gewohnt essen und trinken, fällt es heute den Pflegenden zu, die angemessene Ernährung sicherzustellen: Sie sorgen für ein ausgewogenes, ausreichendes und den persönlichen Vorlieben entsprechendes Essensangebot, bestimmen die passende Kostform, geben Essen ein, gehen angemessen mit Schluckstörungen um und achten auf genügende Flüssigkeitszufuhr.

All dies geschieht auf eine achtsame und respektvolle Art und Weise, welche nie vergisst, dass es bei all den praktischen und körperbezogenen Aufgaben im Kern immer darum geht, Beziehung zu gestalten.

Wenn es Pflege und Betreuung gelingt, Menschen in grösster Abhängigkeit das Erleben gleichwertiger Beziehung zu ermöglichen, schafft sie die Voraussetzung für grösstmögliche Lebensqualität – auch bei weit fortgeschrittener Demenz.


Dieser Beitrag erschien in «das Heft», Nr.7, April 2017


 

erschienen: 16.03.2017

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