Mobbing in der Pflege

«Material leidet nicht, der Mensch aber schon»

Deutschland: Wer Missstände aufdeckt oder sich für die Patientin einsetzt, manövriert sich schnell ins Abseits.
Deutschland: Wer Missstände aufdeckt oder sich für die Patientin einsetzt, manövriert sich schnell ins Abseits. Bild fotolia

Pflege soll menschlich, professionell und zugleich wirtschaftlich effizient sein. Doch widersprüchliche Normen sowie überkommene und entgrenzte Strukturen schaffen ein Klima der Ent-Solidarisierung, horizontaler Feindseligkeit und gefährlicher Pflege.

Von Melanie M. Klimmer

Es ist kurz vor Dienstschluss, als Karin S., Pflegefachschülerin auf einer urologischen Station, in ein Patientenzimmer blickt, in das vor knapp zehn Minuten eine ältere Dame von einem endoskopischen Eingriff zurückgebracht wurde. Das Bett neben ihr ist leer. Die Seniorin äussert Angst und möchte im Moment nicht alleine sein. Karins Hand hält sie fest umklammert. Die Schülerin beschliesst, etwas zu bleiben, bis sich die Patientin beruhigt hat.

Wenig später betritt ihre Vorgesetzte, Stationsleiterin Waltraut R., das Zimmer. Sie verlangt von Karin das Zimmer prompt zu verlassen, weil die Patientin jetzt Ruhe benötige. Karin versucht, Waltraut die Situation zu erklären und sich für den Willen der Seniorin auszusprechen. Daraufhin wird sie von der Stationsleiterin gepackt und gewaltsam aus dem Zimmer gestossen. Es gibt keine Zeugen. Die Schülerin Karin S. wird nach diesem «Vorfall» strafversetzt.

Klarstellung der Machtverhältnisse

Diese Begebenheit in einem christlichen Krankenhaus in Deutschland zeigt: Nicht das Wirtschaftlichkeitsgebot oder die zu hohe Arbeitsdichte müssen zwangsläufig dem zentralen Anliegen eines Pflegeprozesses entgegenstehen und das Patientenwohl in Frage stellen. Die Sicherung und strikte Klarstellung von Machtverhältnissen kann eine Situation ebenso beherrschen und eine gute Pflege aus dem Stationsalltag hinausdrängen.

Widersprüchliche Rollen und Anforderungen
Widersprüchliche Rollen und Anforderungen

Fachlichkeit und Distanzierungsfähigkeit der Schülerin werden nicht unterstützt, sondern als Ungehorsam und leistungsmässige Bedrohung ausgelegt. Dabei werden auch Weisungsbefugnisse und das Recht auf Beurteilung missbraucht, um sich ihrer zu entledigen, ohne Konsequenz.

«Mobbing verschafft kurzzeitige Erleichterung und wird häufig als Strategie genutzt, den eigenen Selbstwert zu steigern», erklärt Dr. phil. Josef Schwickerath, Leitender Psychologe an der saarländischen AHG Klinik Berus, im Telefon-Interview. «Nichtsouveräne und leistungsschwache Führungskr.fte, welche die Stärken von Mitarbeitern nicht zu nutzen und zu fördern wissen und stattdessen Angst um Position und Vormachtstellung haben, sind der Umsetzung einer optimalen Pflege abträglich», betont Schwickerath. Mobbing werde zudem von Führungskräften auch häufig indirekt unterstützt, indem im Rahmen «inoffizieller Personalarbeit» die Mobbingprozesse innerhalb eines Teams zugelassen würden.

Aufgeklebte Fingernägel

Sabine K., junge Pflegefachfrau, tritt eine Stelle in einer kardiologischen Station an einer Klinik der Erstversorgung an. Nach kurzer Zeit muss sie feststellen:

Dokumente werden regelmässig gefälscht; es werden bewusst andere Medikamente verabreicht als verordnet, ohne Abklärung, ohne Dokumentation.

Auch das eine wahre Begebenheit. Trotz einzuhaltender Unfall- und Hygienevorschriften tragen fast alle der Pflegefachfrauen zudem als «Team-Zugehörigkeitscode» aufgeklebte Fingernägel. All das wird von der Stationsleitung wissentlich geduldet.

Weil Sabine K. mit diesen «informellen Teamregeln» und den Dokumentenfälschungen im grossen Stil nicht mitmacht, fällt sie (zu positiv) auf. «Wenn die Dokumentation gefälscht wird und du machst nicht mit, dann hast du richtig Ärger», berichtet auch Eva Ohlerth, Altenpflegerin seit 25 Jahren. «Unter diesen Bedingungen musst du heute in der Pflege arbeiten können. Wer die Dokumentation nicht manipuliert, ist nicht mehr tragfähig.»

Es dauert nicht lange und Sabine K. wird bei der Pflegedienstleitung vorgeladen. Ihre Probezeit steht auf dem Spiel. Die Begründung: «Das gesamte Team habe Probleme mit ihr». Die Drahtzieher dieser Vorladung, wie sich herausstellt, waren lediglich die Stationsleiterin und die Pflegefachfrau mit dem zweithöchsten Status.

Tue nichts, was dich von den anderen abhebt, Kritik und Engagement sind nicht (mehr) gefragt.
Tue nichts, was dich von den anderen abhebt, Kritik und Engagement sind nicht (mehr) gefragt. Bild PD

Sabine K. schafft es, die Pflegedienstleitung schliesslich doch noch von ihrer sehr guten Arbeit zu überzeugen. Wenig später kündigt sie selbst: zu gefährlich die Pflege, zu tückisch die Zusammenarbeit, zu wasserdicht der Teamzusammenhalt.

Die Solidarität, die sie hier findet, beruht auf minimalster Verpflichtung und kurzzeitiger Bedürfnisbefriedigung – eine negative Solidarität gegen statt im Sinne einer positiven Solidarität für eine bestmögliche Pflege. Josef Schwickerath sieht die Ursache der mangelnden Solidarität unter Pflegefachfrauen und Pflegefachmännern insbesondere in der sinkenden Personalbemessung und zugleich wachsenden Arbeitsverdichtung.

Dadurch würde die Orientierung der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner zuallererst auf die sehr kurzfristige Bewältigung der Arbeit ausgerichtet und weniger auf eine langfristige Perspektive wie beispielsweise eine gewerkschaftliche Solidarisierung für bessere Arbeitsbedingungen, so der Diplom-Psychologe.

Frustrationen und Neid

Nicht so beliebt zu sein, sei ein häufiger Grund für Mobbing, erklärt Klaus Wolf, Mobbingberater vom Verein «Fair am Arbeitsplatz e.V.», Würzburg im Interview. «Anstatt den Neid positiv auszuagieren und zu versuchen, selbst freundlich oder freundlicher zu den Menschen zu sein, wird versucht, die andere Person aus dem Team hinauszudrängen.» Auch aus der eigenen Unfähigkeit heraus, fair zu führen, werde über Missstände hinweggesehen, stattdessen Mobbing zugelassen oder selbst gemobbt, sagt Wolf.

«So kann von den eigentlichen Problemen und den eigenen Defiziten abgelenkt werden. Es wird einfach abgewartet, bis sich die Sache von alleine erledigt», sagt der Mobbing-Experte. Statistisch lässt sich untermauern, dass Führungskräfte im Allgemeinen direkt oder indirekt weit überdurchschnittlich an Mobbingprozessen beteiligt sind, belegen die Autoren Esser und Martin1.

Nur ja nicht auffallen

In irgendeiner Weise positiv hervorzustechen, bringt in der Pflege offenbar Feindseligkeiten hervor. Das kann auch die Amerikanerin Kathleen Bartholomew bestätigen, die die Ursachen horizontaler Feindseligkeit bei amerikanischen Pflegefachfrauen und Pflegefachmännern erforscht hat. Eine der von ihr interviewten Pflegefachfrauen, Marie, bringt ihre Erfahrungen stellvertretend zum Ausdruck:

«Tue nichts, was dich von den anderen abhebt. Tue nichts, was das System ins Wanken bringt. Wenn du nicht zur Clique gehörst, kannst du nicht überleben.»

Bereits in der Pflegeausbildung scheint es eine solche Sozialisierung hin zum Gehorsam zu geben, sagt Dr. Erika Bock-Rosenthal, Professorin am Fachbereich Sozialwesen der westfälischen Fachhochschule Münster. Sie stellte 1999 fest, dass gerade den «jungen, kritischen und engagierten Frauen die Flügel beschnitten» werden. Mit der auch von ihr damals unterstützten Professionalisierung und Akademisierung in der Pflege hatte sie sich weitreichende Verbesserungen für den Berufsstand erhofft.

Verschärfung der Widersprüche

Zugleich führt diese Entwicklung aber auch zu einer deutlichen Verschärfung der Widersprüche in der Pflegepraxis, diese zu überwinden nur wenigen Einrichtungen vorbildlich gelingt. Seit Jahren wird zwar unermüdlich daran gefeilt, die praktische Pflege am Menschen zu optimieren und die Pflegequalität am Bett zu steigern, indem neue und immer noch bessere, wissenschaftlich fundierte Expertenstandards für die Pflege entwickelt und in die Praxis implementiert werden.

Doch «wenn dann die Geschäftsführung kommt und der Stationsleitung Mehrarbeitsstunden vorrechnet, anstatt sich nach dem Befinden der Mitarbeiter zu erkundigen oder Wert zu legen auf eine gute Pflegequalität; wenn die zu erfüllenden und zu vertretenden Vorschriften mehr und mehr anwachsen, ohne dass man diese mit den eigenen Wertvorstellungen von guter Pflege vereinbaren könnte, muss ich auch die Funktion der Stationsleitung in Frage stellen», konstatiert Annette J., Mitglied eines Leitungsteams an einem Krankenhaus der Regelversorgung.

«Viele Stationsleitungen tun sich schwer, sich schützend vor die Basis zu stellen»

sagt der Fachkrankenpfleger für Psychiatrie Michael Obenauf, der seit 29 Jahren in der praktischen Krankenpflege beschäftigt ist. «Sie befinden sich in einer Sandwichsituation. Diejenigen, die sich nicht den Auflagen von oben fügen, geben irgendwann auf oder werden einfach ausgetauscht», sagt Obenauf. Nach wie vor sei ein auffälliger Gehorsam zu beobachten.

«Aber gerade solche, die nachgeben, sind Gift für die Pflege», sagt Annette J. «Aktuell scheinen die Leitungen dafür gedacht zu sein, die Mitarbeiter möglichst bei Laune zu halten. Mehr nicht. Mit einer Führung, wie ich sie verstehe, hat das nicht mehr viel zu tun», sagt die Stationsleiterin.

Gefahr der «Narrenfreiheit»

Wenn es auf echte Pflegequalität mit der Rechtfertigung ökonomischer Sachzwänge trotz Expertenstandards nicht wirklich ankommt, haben es diejenigen schwer, die gute Pflege umsetzen und den Menschen ins Zentrum rücken wollen. Wo es dann auch noch von Seiten eines Leitungsteams her nicht mehr darauf ankommt, für gute Pflege zu stehen, herrscht eine gewisse «Narrenfreiheit», erklärt der deutsche Sozialpädagoge und Pflegekritiker Claus Fussek:

«Eine Zimmerglocke am Bett höher zu hängen, hat nichts mehr mit Pflegenotstand zu tun, sondern mit dem Ausleben von Macht gegenüber Schutzbefohlenen.»

Christoph Mock, aktives Mitglied der Arbeitsrechtlichen Kommission der Caritas und der Diözesanen Arbeitsgemeinschaft der Mitarbeitervertretungen, teilt der Autorin mit, dass er für den Umgang mit den Alten dramatische Entwicklungen sehe und befürchte.

Mock bezweifelt, dass diejenigen, denen es an Selbstbewusstsein mangele, ihre eigenen Interessen durchzusetzen, genügend Energie aufbringen können, die Interessen der ihnen anvertrauten Klientinnen «z.B. gegen widerstreitende, institutionelle Anstaltsnormen in Stellung zu bringen».

Die Gründe für die Misere sieht Mock in einer Mischung aus Überlastung, Helfersyndrom und fehlenden kritischen Traditionen, die dazu führen, dass Pflegekräfte ihre Verantwortung für diese Arbeitsbedingungen nur unzureichend wahrnähmen und sich zu wenig gewerkschaftlich träger- und betriebsübergreifend organisierten.

Hier wird ein Klima geschaffen, das denjenigen zuträglich ist, die eine direkte Konfrontation mit komplexen Problemen gar nicht erst suchen und ihre Überforderung und ihren Frust fast unbehelligt an den Klienten ausleben, wie es die Bilder des Enthüllungsjournalisten Günther Wallraff ans Licht gebracht haben; ein Milieu, in dem man Bewohner warten lässt, während man in aller Seelenruhe die Wäsche zusammenlegt, um den eigenen Selbstwert zu steigern.

Kraft und Energie vergeudet

«Material leidet nicht, der Mensch aber schon», sagt Klaus Wolf. «Im Grunde bräuchte es eine Supervision für die ganze Organisation, in der solche Strukturen vorherrschend sind, erklärt der Mobbing-Experte. «Schliesslich ist da jemand, der solche Verhältnisse nicht verhindert, sondern auch noch zulässt. Da muss man auch die Träger in die Pflicht nehmen.»

Auf fachliche Pflege angewiesene Menschen sind abhängig von der professionellen Selbstverpflichtung der Pflegefachkräfte, denen sie einen Vertrauensvorschuss geben müssen. Einem Team, das sich lieber in Hinterhof-Banalitäten verstrickt, um einen Zusammenhalt im Notstand zu simulieren, mag es womöglich leichter fallen, die Pflege-Realität zu kaschieren und «schön» zu dokumentieren. Damit werden aber auch Kraft und Energie vergeudet, die besser für übergeordnete, gemeinschaftliche Ziele für eine bessere Pflege gebraucht werden könnten.

 

1 Esser, Axel und Martin Wolmerath (2011): Mobbing und psychische Gewalt. Der Ratgeber für Betroffene und ihre Interessenvertretung. Bund-Verlag GmbH: Frankfurt, 8.,völlig überarbeitete und aktualisierte Auflage.

Dieser Beitrag erschien in der Oktoberausgabe von «Krankenpflege», dem Fachmagazin des Schweizer Berufsverbandes der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner SBK.

Vielen Dank für die Gelegenheit der Zweitverwertung.

erschienen: 08.12.2016

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