Kolumne

Erinnerungen sind die Rosen im Alter

Bild PD

Die Redewendung im Titel beschreibt die vielfältige Wirkung, die Erinnerungen im Alter haben können – von stachlig und abweisend bis herrlich duftend und wunderschön farbig. Mittels einfühlender Kommunikation können wir Menschen mit Demenz unterstützen, ihre Erinnerungen auszudrücken. Aus einzelnen Blüten kann ein ganzer Teppich entstehen.

Von Andrea Mühlegg-Weibel

Gesprächstechniken wie bestätigen, offene Fragen stellen, an früher erinnern, umformulieren, nach dem Extrem fragen und aktives Zuhören können Erinnerungen wecken. Auch Berührungen oder Musik können Menschen mit Demenz in ihrer Ausdrucksfähigkeit stärken. Der berühmte Psychologe Abraham Maslow definierte diese Ausdrucksfähigkeit als emotionales Grundbedürfnis.

Ich begleitete eine Pflegende beim validierenden Gespräch in einem Heim im Berner Seeland. Die Bewohnerin erzählte: «Als junge Mutter war meine Beziehung zum Ehemann sehr schlecht. Er trank oft Alkohol und hat mir und den Kindern viel Gewalt angetan. In einem Rausch hat er mich aus quälender Eifersucht angeschossen und schwer verletzt. Er musste ins Gefängnis, und unsere Ehe wurde darauf geschieden. Die Kinder mussten ohne den Vater aufwachsen.» Meine Kollegin war sehr betroffen und wollte von mir wissen:

«Was mache ich falsch? Weshalb erzählt mir die Frau diese Geschichte immer wieder? Wie kann ich sie validieren, damit sie vergessen kann?»

Die Betreuerin machte nichts falsch. Die Bewohnerin hatte Vertrauen zu ihr gefasst. Durch ihre einfühlende Gesprächsführung half sie der Bewohnerin, ihre Erinnerungen in Worte zu fassen. Sie hatte diese Erfahrungen viele Jahre mit sich getragen. Da genügten wohl einige Validationsgespräche nicht, um die Erinnerungen abzulegen. Wir vermuten: Die Frau muss die Geschichte so oft erzählen, bis sie für sie abgeschlossen ist. Einfühlende Kommunikation und Validation bedeutet: Geteiltes Leid ist halbes Leid.

Anteilnahme kann zur Belastung werden

Anteilnahme am Erleben der Bewohner ist ein bedeutender Teil unseres Pflegeauftrags. Wird aber Anteilnahme zur Belastung, empfehlen wir, die Gesprächsführung zu schmerzlichen oder angstbeladenen Erfahrungen an Seelsorger, Psychologen oder Ärzte zu delegieren.

Manche Menschen mit Demenz neigen dazu, ihre Erinnerungen auszuschmücken. Mein Vater, der immer bescheiden und ehrlich gewesen war, entwickelte mit zunehmender Demenz die Gewohnheit, seine Biografie mit Heldentaten auszuschmücken. Auf einem Spaziergang im Oberengadin erinnerte er sich an seine Teilnahme am Engadiner Skimarathon. Wir passierten den Stazerwald, und ich wollte wissen: «Wie war das für dich, gemeinsam mit 10 000 andern Langläufern hier hochzulaufen?» Er meinte gelassen: «Überhaupt kein Problem, ich war ja immer bei den vordersten Fünf!»

Obwohl er nie gerne geschwommen war, erzählte er uns immer wieder glaubhaft, dass er mehrfach den Bodensee schwimmend überquert habe. Er sei auch Mitglied gewesen der Eishockey-Nationalmannschaft. Deshalb könne er auch heute noch sehr gut Schlittschuh laufen. Er berichtete vom Meistertitel, den er mit dem FC St.Gallen gewonnen habe. Auch im Badminton, seinem Lieblingssport, hatte er in seiner Wahrnehmung grosse Erfolge erzielt. Diese starken und guten Erinnerungen schienen ihn zu beflügeln, er genoss es, diese immer wieder zu erzählen.

Sinneseindrücke sind immer subjektiv und können in der Betreuung durch einfühlende Kommunikation verstärkt werden. Denn das Teilen von Lebensgeschichten mit uns gibt dem Leben einen Sinn. Ob die Geschichten in unseren Augen wahr oder unwahr sind, spielt dabei keine Rolle. Validation bedeutet eben auch: Geteilte Freude ist doppelte Freude.

erschienen: 13.01.2016