DemenzPoesie

Von Kühen und Mondnächten

Pauline Füg mit Auszubildenden und Lehrkräften der Schule für Heilerziehungspflege Altenhohenau im Rahmen des Projekts WORT:BILDER.
Pauline Füg mit Auszubildenden und Lehrkräften der Schule für Heilerziehungspflege Altenhohenau im Rahmen des Projekts WORT:BILDER. Bild Franz Kimmel

Mit ihrem Projekt DemenzPoesie nutzen Pauline Füg und Henrikje Stanze die Magie der Gedichte. In ihren Sessions wird es mal lustig, mal leise. Was steckt hinter dieser Form der Gedächtnisreha? Und was können Angehörige von Menschen mit Demenz für ihren Alltag mitnehmen?

Von Peggy Elfmann

Es beginnt und endet mit einem Handschlag, einem freundlichen Lächeln und lieben Worten. Dazwischen ist die Poesie.

Wenn Pauline Füg und Prof. Dr. Henrikje Stanze zur DemenzPoesie einladen, wissen die Teilnehmenden oft nicht genau, was sie erwartet. Es geht um Gedichte, das ist meist klar, aber was kann das bringen?

Wenn die Session vorbei ist, haben die beiden oft etwas geschafft, was im Alltag mit Demenz häufig untergeht: unbeschwerte Augenblicke zu erleben, Erinnerungen zu wecken und Erfolgserlebnisse zu vermitteln. Wie? Mit ihrer Art und Weise, Gedichte vorzutragen.

«Knusper, knusper, knäuschen…», beginnt Pauline Füg häufig eine Veranstaltung. «Meist steigt da schon jemand mit ein», erzählt sie. Dann sprechen sie gemeinsam weiter: «Wer knuspert an mein Häuschen?»

Oft nutzen sie auch die Technik des «Call and Response»: Eine der Poetinnen sagt eine Zeile vor und die Teilnehmenden sprechen diese Zeile nach oder antworten darauf.

«Wir passen unser Programm auf die Jahreszeit und das Umfeld an und beziehen oft Gegenstände mit ein», erklärt Pauline Füg.

Das können duftende Blumen im Sommer sein oder raschelndes Laub im Herbst, aber auch Alltagsutensilien wie eine alte Milchkanne von früher.

Pauline Füg ist Psychologin und arbeitet freiberuflich als Coach und Autorin, Henrikje Stanze ist Professorin für Pflegewissenschaften an der Hochschule Bremen. Beide arbeiten auch als Autorinnen und teilen die Leidenschaft für Poesie.

Die Poetinnen beim Abschlussrundgang des Projekts WORT:BILDER im Museum DASMAXIMUM.
Die Poetinnen beim Abschlussrundgang des Projekts WORT:BILDER im Museum DASMAXIMUM. Bild Gastager

Sie traten als Poetry Slammerinnen auf und lernten dadurch den amerikanischen Poetry-Slammer Gary Glazner kennen. Er entwickelte das Alzheimer's Poetry Project, eine Therapieform für Menschen mit Demenz.

«Wir hospitierten bei ihm und entwickelten daraus eine eigene Therapieform für die deutschsprachige Region», erzählt Pauline Füg. Therapie klingt nach tiefen Gesprächen und medizinischer Atmosphäre.

Bei den beiden Poetinnen geht es oft sehr lustig zu.

Etwa wenn Henrikje Stanze ihre beiden Zeigefinger als Hörner an den Kopf hält, durch den Raum stolziert und dabei das Gedicht «Die Kuh» von Heinz Erhardt vorträgt. «Da kommt oft von alleine ein ‹Muh› von den Zuhörern», erzählt Henrikje Stanze.

Die beiden treten immer als Team auf: abwechselnd trägt die eine das Gedicht mit grossem Körpereinsatz vor, die andere geht herum und aktiviert die Teilnehmenden. Sie regt zum Mitmachen an und nimmt Reaktionen und Gefühle auf.

«Die Kuh» – Heinz Ehrhardt

Auf der saftig günen Wiese
weidet ausgerechnet diese
eine Kuh,
eine Kuh.

Ach ihr Herz ist voller Sehnen
und im Auge schimmern Tränen
ab und zu,
ab und zu. 

Was ihr schmeckt das wiederkautse
mit der Schnauze, dann verdautse
und macht muh,
und macht muh. 

Träumend und das Maul bewegend,
schautse dämlich in die Gegend
grad wie du,
grad wie du.

«Besonders Gedichte aus der Schul- und Jugendzeit kommen gut an, denn die sind im Langzeitgedächtnis oft fest verankert», sagt die Pflegewissenschaftlerin. Deshalb haben sie häufig Gedichte von Schiller, Goethe oder Eichendorff im Repertoire. Je nach Region ergänzen sie dies um lokale Dichter.

«Wir freuen uns, wenn die Teilnehmenden mitsprechen, aber das ist gar nicht das eigentliche Ziel», sagt Pauline Füg. «Menschen mit Demenz erleben im Alltag viele Frustrationen, weil sie merken, dass ihre Fähigkeiten abnehmen und ihre Erinnerungen nachlassen.»

«Uns geht es vor allem um Spass am Moment, um das Gemeinschaftsgefühl, das durch die Sessions entsteht und um die Erfolgserlebnisse, die durch bekannte Texte und Gedichte entstehen.»

Die beiden Poetinnen nutzen die Ressourcen der Teilnehmenden und laden zum kreativen Miteinander ein.

Vor jeder Session stellen sie ein Programm mit Gedichten zusammen. «Wie wir das umsetzen und aufführen, hängt aber immer auch von der Gruppe ab», erzählt Henrikje Stanze. Jeder sei eingeladen, egal, welche Fähigkeiten und Fertigkeiten sie noch haben.

Musik und Geräusche können viele Erinnerungen wecken:

Musikspiegel

Klangspuren des Lebens

Für ihr Poesie-Projekt haben sie auch schon mit Wachkoma-Patientinnen gearbeitet. «Das hat wunderbar funktioniert. Das merken wir an kleinen Reaktionen wie einem leichten Kopfdrehen oder Augenbewegungen», erinnert sich Pauline Füg.

Tatsächlich wirken Gedichte auf eine ganz besondere Art und Weise auf den Körper – und deshalb profitieren etwas auch Menschen davon, die nicht mehr sprechen oder sich aktiv äussern können.

«Der Rhythmus vieler Gedichte ähnelt dem Sinusrhythmus des Herzens. Deshalb erzeugt das Vortragen eine Ruhe und entspannt den Körper.»

Mit ihrem Projekt touren die beiden normalerweise durch Museen, Pflegeheime und soziale Einrichtungen. In der Corona-Pandemie fielen solche Angebote aus. «Hoffentlich geht das bald wieder. Wir möchten vor allem auch all jenen ein Angebot liefern, die zu Hause wohnen», erklärt Pauline Füg.

80 Prozent der pflegebedürftigen Menschen werden im häuslichen Umfeld betreut und gepflegt, Angebote für sie sind häufig Mangelware. «Wir merken immer wieder, wie gut es ihnen und auch den Angehörigen tut», ergänzt Henrikje Stanze.

«Mondnacht» – Joseph von Eichendorff

Es war, als hätt' der Himmel
die Erde still geküsst,
dass sie im Blütenschimmer
von ihm nun träumen müsst'.

Die Luft ging durch die Felder,
die Ähren wogten sacht,
es rauschten leis' die Wälder,
so sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
weit ihre Flügel aus,
flog durch die stillen Lande,
als flöge sie nach Haus.

Darin sehen die beiden auch eine andere Chance: «Wir möchten die Angehörigen motivieren, mehr Poesie in den Alltag zu integrieren», sagt die Expertin. Das könne auch in schwierigen Situationen den Umgang erleichtern.

«Beim Waschen oder Anziehen können kleine Reime helfen, weil sie die Situation entspannen», erklärt Henrikje Stanze. Oder beim Treppengehen. «Mein Tipp ist der: kreativ zu werden und einfach auszuprobieren. Alles, was Spass macht und ein Lächeln hervorruft, ist erlaubt», rät Pauline Füg. Besonders geeignet seien häufig Reime aus der Kinderzeit.

Fester Bestandteil jeder Sitzung ist das Gruppengedicht. Dabei leiten die Poetinnen die Teilnehmenden an, selber kreativ werden.

Die Vorschläge und Ideen nehmen Pauline Füg und Henrikje Stanze auf und fassen es zu einem Gruppengedicht zusammen. Sie tragen es gemeinsam vor – jeder mit seinen eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten – und schafft so zusammen ein Gruppenerlebnis.

Zum Abschluss wird es oft noch einmal emotional, wenn Pauline Füg die «Mondnacht» vorträgt.

«In unseren Sitzungen sind alle Gefühle willkommen», sagt Henrikje Stanze. Im Pflegealltag seien Angehörige und Pflegekräfte oft auf ein positives Gefühl aus. «Hier ist Raum für Traurigkeit – und auch das ist wichtig, denn es bestätigt die Menschen in ihrer Person.»

Beide hoffen, dass sie demnächst wieder mit regelmässigen Veranstaltungen beginnen können – und so Poesie und viel Positives zu den Menschen mit Demenz bringen können.

Die Poetinnen beim Abschlussrundgang des Projekts WORT:BILDER im Museum DASMAXIMUM.
Die Poetinnen beim Abschlussrundgang des Projekts WORT:BILDER im Museum DASMAXIMUM. Bild Gastager

«Für mich ist das vor allem auch eine Würdetherapie», sagt Henrikje Stanze. «Uns geht es darum, Menschen mit Demenz nicht mit ihren Verlusten zu konfrontieren, sondern sie zu ermutigen und ermuntern».

Pauline Füg ergänzt: «Ich mag den inklusiven Gedanken. Mit unserem kreativen Projekt fördern wir das Selbstverständnis der Menschen. Die Demenz ist da, spielt aber keine Hauptrolle, wie sonst oft im Alltag».

erschienen: 07.07.2021