Sexualität

Keine unnötigen Reize liefern

Der Sex kann dem nicht erkrankten Partner durchaus entgegenkommen, weil sich der andere jetzt mehr traut als früher. Dann kann der Sex durchaus eine Bereicherung sein – für beide.
Der Sex kann dem nicht erkrankten Partner durchaus entgegenkommen, weil sich der andere jetzt mehr traut als früher. Dann kann der Sex durchaus eine Bereicherung sein – für beide. Bild unsplash

Sexualität und Demenz – oft ein heikles Thema. Die Paar- und Sexualtherapeutin Anica Plaßmann weiss, wie Angehörige und Pflegekräfte mit schwierigen Situationen umgehen können.

Von Franziska Wolffheim

alzheimer.ch: Manche Menschen, die an Demenz erkrankt sind, entwickeln ein gesteigertes Interesse an Sex, bedrängen ihre Ehefrauen oder Ehemänner. Wie können die Partner damit umgehen? 

Anica Plaßmann: Das hängt vom Stadium der Erkrankung ab. Macht es Sinn, wenn ich mein Nein begründe, kann der Partner mich noch verstehen? Oder sollte ich mich strikt abgrenzen, also etwa weggehen oder notfalls auch einschliessen, um mich vor Übergriffen zu schützen? Das muss jeder Angehörige selbst entscheiden.

Manche Partner klären frühzeitig ab, ob zum Beispiel der Erkrankte auch fremde Unterstützung in Anspruch nehmen will, um seine sexuellen Bedürfnisse auszuleben.

Sie meinen Sexualbegleiter?

Genau, diese sind meist sehr geübt, auch im Umgang mit Menschen mit Demenz, sie wissen, Grenzen aufzuzeigen. Völlig zu Unrecht haben sie ein Schmuddel-Image, dabei ist gar nicht so viel Sex dabei, wie viele sich vielleicht vorstellen. Man kann ihren Einsatz ja auch als Wellness-Behandlung sehen.

Für die Ehefrau kann eine Sexualassistenz eine echte Entlastung sein.

Am besten ist es, wenn das Paar rechtzeitig herausfindet, ob es tatsächlich um Sexualität geht, die mit Dritten ausgelebt werden soll, oder um den Wunsch nach zärtlicher Nähe, der in der Beziehung erfüllt werden kann.

Kann das Sexualleben sogar für beide bereichernd sein, wenn bei dem erkrankten Partner Hemmungen und Kontrollverhalten wegfallen?

Ein guter Gedanke! Sagen wir mal so: Die Medaille hat zwei Seiten. Wenn der nicht erkrankte Partner mitmacht, kann das bei dem Demenzpatienten die Freude am (egoistischen) Genuss steigern. Unter Umständen wird aus dem Sex jedoch eine sehr einseitige Sache, die vor allem dem Demenzpatienten Spaß macht und den Partner überrollt.

Anica Plaßmann, 46, ist Paar- und Sexualtherapeutin in Kiel.
Anica Plaßmann, 46, ist Paar- und Sexualtherapeutin in Kiel. Bild Thomas Faust

Selbst wenn beide vereinbart haben, dass der Sex nicht zu heftig sein soll, kann der erkrankte Partner das schnell wieder vergessen, zu Lasten des anderen.

Aber auch der umgekehrte Fall ist möglich: Der Sex kann dem nicht erkrankten Partner durchaus entgegenkommen, weil sich der andere jetzt mehr traut als früher. Dann kann der Sex durchaus eine Bereicherung sein – für beide.

Immer wieder kommt es vor, dass Heimbewohner andere Menschen falsch erkennen, etwa für den Partner halten und Sex mit ihm suchen. Wie können die Pflegekräfte reagieren?

Verständnisvoll und gleichzeitig klar. Wichtig ist zu sehen, dass der Erkrankte nicht aus bösem Willen heraus handelt. Um Himmels Willen nicht bestrafen! Am besten sollte das Pflegepersonal derlei Berührungsversuche nicht zu hoch hängen.

Damit meine ich: Ist die Personenverkennung krankheitsbedingt, sollte man bloß nicht von Übergriff, Vergewaltigungsversuch etc. vor dem Dementen sprechen.

Gleichzeitig ist es wichtig, Demenzerkrankte, die andere nicht mehr zuverlässig erkennen, nicht fahrlässig sexuell zu stimulieren – sei es durch visuelle Anregungen oder durch das Verharmlosen von ungewollten Berührungen bei anderen. Dadurch lassen sich Anzüglichkeiten oder die öffentliche Masturbation unter Umständen verhindern. Das schützt auch den Demenzpatienten vor für ihn unverständlicher Zurückweisung oder gar Ächtung.

Nicht selten bekommen Pflegekräfte im Heim unmissverständliche Angebote. Wie sollen sie reagieren?

Klar nein sagen. Keine komplizierten Erklärungen abgeben, die versteht sowieso nicht mehr jeder.

Zielgerichtet, eventuell auch aktiv eingreifen, also zum Beispiel die Hand vom eigenen Schenkel nehmen.

Dabei sollten die Pflegekräfte aber nicht fester als bei anderen Berührungen zufassen, die körperliche Unversehrtheit ist für beide wichtig. Die Pflegkräfte sollten unbedingt konsequent bleiben, nichts bagatellisieren oder Ausnahmen gestatten – das macht es für alle unnötig schwer.

Pflegekräfte, die Demenzkranke an ihren Genitalien waschen, haben immer wieder damit zu tun, dass die Betroffenen das als Aufforderung zum Sex missverstehen. Was raten Sie?

Es kann hilfreich sein, Bewohner an ein Signalwort zu gewöhnen. Sei es Nein oder Stopp, gern auch in Zusammenhang mit dem Namen. Offene Teamgespräche mit erfahrenen Mitarbeitern können ebenfalls helfen. Aber Achtung: Pflegekräfte sollten Konkurrenz untereinander unbedingt vermeiden, also nicht in einen Wettkampf treten, wer unter den Kolleginnen mehr «aushält». Das entspräche einer besonders üblen Form, Opferverhalten zu kultivieren.

Wie können Pflegekräfte reagieren, wenn sie am Morgen einen Patienten wecken wollen und dabei entdecken, dass er gerade masturbiert?

Pragmatisch betrachtet: Wenn die Zeit da ist, zuerst einen anderen Bewohner zu waschen, dann können sie denjenigen machen lassen. Dabei sind natürlich immer auch die Häufigkeit der Selbstbefriedigung und der Allgemeinzustand des Bewohners zu berücksichtigen. Hier gilt das Prinzip Safety first.

Damit meine ich: Lässt man den Bewohner in Ruhe masturbieren, muss selbstverständlich dessen Sicherheit gewährleistet sein. Manchmal ist es ein schmaler Grad zwischen bevormundender Einschränkung und Schutz.

Würden Sie empfehlen, Patienten, die in einer Einrichtung leben und offenbar sexuell aktiv sind, Hilfsmittel wie Vibratoren zur Verfügung zu stellen oder eventuell eine Sexualassistentin?

Das lässt sich nicht verallgemeinern. Man muss schauen, ob der Patient weiss, wie er mit dem Sextoy umgeht, ohne sich an seinem Genital zu verletzen. Sexualassistentinnen können eine gute Alternative sein. Sie sollten sich Zeit für Gespräche und eine langsame Annäherung lassen, damit sie ihre Gäste kennenlernen und ihre kognitive wie auch gesundheitliche Situation einschätzen können.

Ich empfehle für Einrichtungen, Sexualbegleiter einzuladen und eine Gesprächsrunde oder einen Fortbildungsabend mit ihnen zu gestalten, um offene Fragen zu klären.


Sexualität einen Raum geben. Stephanie Klee spricht im Video über ihre Erfahrungen als Sexualassistentin.


Wie kann man in der Einrichtung die Kinder der Erkrankten sinnvoll einbeziehen, denen die sexuelle Aktivität der Mutter oder des Vaters oft peinlich ist?

Grundsätzlich sollte es in diesem Punkt eine Generationengrenze geben, das heisst: Das Sexleben der Eltern ist deren Sache und soll es auch bleiben. Wenn aber zum Beispiel der Vater sexuell sehr aktiv ist, die Hand andauernd in der Hose hat, alle Damen in der Einrichtung ständig anflirtet, bekommen die Kinder das natürlich mit.

Anica Plaßmann: Sexfrei. Weil es okay ist, keine Lust zu haben, 320 Seiten, Knaur Verlag.
Anica Plaßmann: Sexfrei. Weil es okay ist, keine Lust zu haben, 320 Seiten, Knaur Verlag.

Wichtig ist, dass die Pflegekräfte dieses Verhalten nicht bagatellisieren, im Sinne von: Ihr Vater ist hier ja Hahn im Korb und geniesst das total. Eventuell können die Kinder gemeinsam mit den Pflegekräften überlegen, inwieweit eine Sexualbegleiterin sinnvoll ist.

Hatten Sie in Ihrer Praxis Klienten, deren Partner an Demenz erkrankt und sexuell sehr aktiv sind? Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Ich habe immer wieder mit Angehörigen, meist Frauen, zu tun, deren Partner noch zu Hause leben. Für sie ist die sexuelle Aktivität des Mannes meist schambehaftet, zumal sie im fortgeschrittenen Lebensalter sind und ihnen das Sprechen über Sex generell schwerer fällt.

Oft kommen sie ohne ihren erkrankten Partner und fühlen sich illoyal, haben ihm gegenüber ein schlechtes Gewissen. Ich überlege dann zusammen mit der Frau, wie sie mit der Situation umgehen kann.

Hat sie das Gefühl, der Sex ist zu heftig, und sie erreicht ihren Mann nicht, wenn sie ihm das signalisiert, sollte sie sich Notausgänge überlegen.

Das heisst, sie kann zum Beispiel sagen: Hör mal auf, es klingelt gerade an der Tür. Oder sie kuschelt sich gar nicht erst auf dem Sofa an ihn, damit er nicht auf den Gedanken an Sex kommt. Ausserdem sollte sie ihm keine unnötigen Reize liefern – also bloss keine tiefen Dekolletés.

 

Weitere Informationen über Sex und Demenz: Pro familia hat zu dem Thema eine umfangreiche Broschüre herausgebracht, die Sie hier finden.

erschienen: 23.05.2021