Basale Stimulation

Leben ist jetzt

Die Krankheit Demenz wirkt wie der frostige Winter. «In meinem Kopf schneit einer», sagte einst ein Bewohner der Sonnweid. Gedanken, Sprache und Bewegungen werden langsamer, wirken wie eingefroren.
Die Krankheit Demenz wirkt wie der frostige Winter. «In meinem Kopf schneit einer», sagte einst ein Bewohner der Sonnweid. Gedanken, Sprache und Bewegungen werden langsamer, wirken wie eingefroren. Bild Daniel Kellenberger

Die Identität eines Menschen entwickelt sich einhergehend mit sinnlichen Erfahrungen. Menschen mit Demenz finden zu diesen Motiven kaum mehr bewussten Zugang. Sie brauchen Betreuende, die ihr Erleben und den Ausdruck ihrer Bedürfnisse erkennen können.

Von Thomas Buchholz

Frühling, der Duft nach blühenden Obstbäumen, frischem Gras und das Zwitschern der Vögel. Die wärmenden Sonnenstrahlen locken uns nach draussen. Gerne folgen wir dieser Einladung der Natur, die uns Wachstum verspricht, Begegnungen und neue Erfahrungen im Freien.

Unsere Sinne werden freundlich angesprochen, nach der Kälte und Nässe der Übergangszeit vom Winter ins Frühjahr. Die Tage werden länger, Zeit zum Wandern oder für Skitouren.

Wir sitzen auf unserer Terrasse, trinken Kaffee oder besuchen den Biergarten. Vielleicht gehen wir mit einem geliebten Menschen zur wohlbekannten Parkbank, unten am See, mit einem Glacé in der Hand, schauen den Schwänen und Enten zu oder erleben Frühlingsgefühle beim Beobachten verliebter Paare.

Die Stimmung des Frühlings lässt unseren Gedanken freien Lauf. Neue Ideen entstehen, Projekte werden angedacht.

Derartige Eindrücke scheinen normal zu sein – für uns. Wir nehmen sie als gegeben hin, gar als Selbstverständlichkeit. Menschen halten Ausschau nach derartigen Sinneseindrücken, begeben sich auf die Suche nach Erleben von Resonanz, dem völligen Verschmelzen und Überwältigt-Sein mit der Welt oder anderen Menschen.

Solche Erlebnisse, aber auch die alltäglichen Erfahrungen unseres Lebens, prägen die Strukturen der neuronalen Netzwerke unseres Gehirns und leisten ihren Beitrag zur Bildung unserer Persönlichkeit.

Entwicklung der Identität

All diese Dinge können wir einordnen, sie mit früheren Erkenntnissen und Erinnerungen zusammenbringen. Sie tragen zur Gewohnheitsbildung bei und werden gegebenenfalls zu vertrauten Ritualen.

Meist unbewusst, aber immer einhergehend mit sinnlichen Erfahrungen des eigenen Körpers, entwickelt sich auf diese Weise die unverwechselbare Identität eines jeden Menschen.

Doch dann, plötzlich, unerwartet und unvorhersehbar, ohne Übergang zwischen «Sommer und Herbst», der Zeit der Reife und des Überflusses, kann jeden von uns der raue, nasskalte Sturm eines zunehmenden Gedächtnisverlustes treffen.

Wir sind an Demenz erkrankt. All die Dinge, die früher von Bedeutung waren, verlieren scheinbar zunehmend ihren Sinn. Bekanntes wird zu Fremdem, selbst langjährig intime Menschen verlieren vermeintlich an Gewicht.

Was mit Gedächtnisverlust von einzelnen Wörtern beginnt, setzt sich fort in der Unfähigkeit zur Selbstpflege und findet ein Ende in der Bewegungs- und Orientierungslosigkeit in Raum und Zeit.

Aus Neugierde wird Altgier (Schürenberg, 2013), die Suche nach bekannten Dingen, erlebten Erfahrungen und vertrauten Ankern im komplexen Netzwerk der Erinnerungen. Der aktuelle Zugriff darauf fällt schwer.

Die Welt verliert ihren Klang

Knüpfen wir weiter an das Bild der Jahreszeiten an, so wirkt die Krankheit Demenz wie der frostige Winter. «In meinem Kopf schneit einer», sagte einst ein Bewohner der Sonnweid. Gedanken, Sprache und Bewegungen werden langsamer, wirken wie eingefroren.

Der Körper sinkt in sich zusammen, wie schneebeladene Äste, die kurz vor dem Zerbersten maximal gebogen herabhängen. Der Gang wird schlurfend, schwer wie in hohem Neuschnee. Die Welt verliert ihren Klang, hört sich gedämpfter an.

Zugleich wirken fremde Sinneseindrücke der unbekannten Welt Pflegeheim bedrohlich, wie ein Lawinenhang, der durch geringste Erschütterungen Zerstörung der inneren Stabilität mit sich bringt.

Selbst wenn der Geist hypothetisch in den Winterschlaf verfällt, bleiben der Körper und sein Erleben mit all den eingebundenen Erinnerungen als Ausdruck des Person-Seins ganz wach.

Betrachtet man die Entwicklung des Menschen im Mutterleib, so sind wir zuallererst Körper, noch bevor sich die neuronalen Vernetzungen unseres Gehirns ausbilden. Andreas Fröhlich, Begründer des Konzepts Basale Stimulation, stellt fest:

«Wir sind der Überzeugung, dass alle unsere Erfahrungen, die wir im Laufe unseres Lebens machen, nicht nur unter kognitivem Aspekt, das heisst in einer bewussten Erinnerung, sondern in einer umfassenderen, eher ganzheitlichen, den Körper selbst einbeziehenden Erinnerung vorhanden sind.

Die Summe aller sensorischen Erfahrungen, aller kommunikativen Erlebnisse, die Erfahrungen mit dem eigenen Körper, aber auch mit anderen Menschen, haben uns zu dem gemacht, was wir jeweils jetzt sind.»

Was brauchen Menschen mit Demenz — möglicherweise?

Bleiben wir im Bild der mit den Jahreszeiten einhergehenden Empfindungen, so braucht der Mensch mit Demenz all die körperlich sinnlichen Erfahrungen, die an die Normalität von Leben anknüpfen.

Den Unterschied zwischen Wärme und Kälte, Wachstum und Stillstand, Licht und Schatten, Nässe und Trockenheit, Helligkeit und Dunkelheit, Freude und Trauer, Hunger und Sättigung, Nähe und Distanz, Getrennt- und Verbunden-Sein, Aktivität und Ruhe, ja sogar «mit Honigbrot» verschmierte und wieder saubere Hände.

Alle Aktivitäten des Demenzkranken können auf derartige Sinnsuche und Sinneserfahrung ausgerichtet sein.

Nur, die demenzkranke Person findet zu diesen Motiven gedanklich kaum bewussten Zugang.

Die Motive ihres Handelns drücken sich eher in einem Gefühl oder der Wahrnehmung einer vegetativen Funktion aus, wie zum Beispiel Hunger, aber auch Schmerzen, die geistig nicht eingeordnet und sprachlich kaum mehr mitgeteilt werden können.

Was Menschen in solchen Situationen brauchen, sind andere Menschen, die ihr Erleben und den jeweiligen Ausdruck ihrer Bedürfnisse zu lesen in der Lage sind. Ohne andere Menschen können wir Menschen, kann der Mensch mit Demenz, nicht sinnerfüllt leben.

Schwierig für Lebenspartner und Familienangehörige hingegen wird es, wenn bisher bekannte Verhaltensweisen sich grundlegend verändern. Der Betroffene ist nicht mehr wiederzuerkennen, man wird einander fremd oder fühlt sich gar selbst von der jahrzehntelang vertrauten Person entfremdet.

Möglicherweise brauchen beide Beteiligte eine neue oder andere Form der Begegnung, um sich wieder näherzukommen. Der gewohnte Kuss zur Begrüssung muss zunächst vielleicht einem zugewandten Blick und gleichzeitig freundlichen Winken weichen, weil die frühere Art von Nähe dem Betroffenen jetzt distanzlos erscheint: Wer ist das? Was will die von mir?

Der Aufbau von Sicherheit und Vertrauen geschieht dann zuerst durch mimische und, oder gestische Kommunikation. Ob eine körperliche Kontaktaufnahme überhaupt erfolgen kann, bleibt abzuwarten. 

Dies ist abhängig von der jeweiligen Gestimmtheit der Demenzperson, dem momentan vorherrschenden Gefühl im Hier und Jetzt, dem nonverbalen Ausdruck ihres Empfindens und Erlebens.

Der nonverbale Ausdruck

Wie sieht sein Gesicht aus? Was sagen Sitzposition und Körperhaltung aus? Welche Botschaft vermittelt der Klang ihrer Stimme, ihres Rufens? Das Beobachten und Innehalten des Gegenübers  geschieht vor der Kontaktaufnahme!

Dieses In-sich-Spüren und Wahrnehmen, was sich in mir bewegt, was ich gerade brauche, weckt eigene Gefühle, ruft diese ins Bewusstsein und führt in der Folge zu intuitiv richtigem Handeln im Umgang mit dem Demenzkranken.

Insbesondere Angehörigen kann ein voraussetzungsloses Begegnen schwerfallen.

Spielt doch die als Kind, Ehepartner oder Lebensgefährtin miterlebte Geschichte der Beziehung stets unbewusst eine Rolle, bei jedem Kontakt.

Sich widerstrebende, nicht sprachliche, körperliche Signale werden als emotional ungereimte Botschaften sehr wohl vom Demenzkranken wahrgenommen und durch tönende, mimische oder gestische Mitteilungen beantwortet.

Mit Achtung und Respekt

Nun ist eine andere Form der Resonanz gefragt. Ein Gegenseitig-aufeinander-Bezogen-Sein, das Verstehen von Anrede und das Suchen einer passenden Antwort, zum Beispiel durch eine Auswahl von auf die Sinne bezogenen Angeboten, die heute von Bedeutung sind.

Umso wichtiger erscheint Resonanz bei notwendigen körpernahen Verrichtungen durch die Pflegenden. Ihre Aufgabe ist es, Sorge zu tragen, dass keine zusätzlichen Schäden zugefügt und pflichtgemässe Aufgaben mit Achtung und Respekt ausgeführt werden.

Forscher der Hochschule für angewandte Wissenschaft St.Gallen gingen der Frage nach, wie sich basale Berührung der Pflegenden während der Körperpflege auf die Demenzperson auswirkt.

Eine Studienteilnehmerin beschreibt ihre Berührungserfahrungen mit einer sich zur Wehr setzenden demenzkranken Pensionärin so: «Aber es ist ein Körperkontakt, wo ich sie hab abholen wollen, damit sie mir nicht ausflippt, und es ist wirklich gelungen. Also, sie war dann ruhig und hat sich nachher wie bedankt.»

Wesentlich für Betroffene scheint also zu sein, wie man ihnen als Mensch begegnet, wie sie als Person angerührt werden. Fangen wir aufmerksam damit an!

Eine Pflegeperson verbringt im Durchschnitt etwa zwei Drittel ihres ganzen Tuns damit, Menschen zu berühren. Das ist enorm viel und sollte dazu anregen, uns Gedanken darüber zu machen wie Berührungen und Begegnungen zustande kommen und wie sie gestaltet werden sollten. Das fängt bei uns selbst an: Welche Art der Berührung und Begegnung mögen wir? Welche weniger? alzheimer.ch/Youtube

 

 

erschienen: 17.10.2019

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