Magie der Hände

Ein Weg aus der Vereinsamung

«Die Hände sind es, die das Glück schaffen und den Kummer vertreiben.» (Russische Redensart)
«Die Hände sind es, die das Glück schaffen und den Kummer vertreiben.» (Russische Redensart) Bild Sabine Vanerp

Handauflegen ist «Be-hand-lung» im ursprünglichsten Sinn. Heute weiss man, dass therapeutisches Handauflegen depressive Verstimmungen signifikant reduziert, gerade auch bei Menschen mit Demenz.

Von Andrea Schmider

Erst ist da nur eine ruhige Präsenz, dann streckt diese behutsam eine Hand aus; fremde Hand trifft auf fremde Hand, die Berührung elektrisiert. Die Hand bleibt, ohne etwas zu fordern, ohne etwas zu erwarten. Wärme breitet sich aus, Entspannung tritt ein.

So in etwa muss sich das therapeutische Handauflegen anfühlen, wenn es Anemone Eglin, Pfarrerin im (Un-)ruhestand, praktiziert. Die 64-jährige Expertin beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Handauflegen und der spirituellen Begleitung von Pflegebedürftigen.

Besonders behutsam nähert sie sich Menschen mit Demenz an, denn diese können sich nicht wehren.

Doch wie wirkt sich diese Therapiemethode auf diese Menschen aus? Und welchen messbaren Effekt hat das Handauflegen?

«Bei Menschen, die kognitiv nicht mehr erreichbar sind, müssen wir andere Zugänge finden: Gerüche, Musik oder eben – Berührung», sagt Anemone Eglin. Wohl als Erste überhaupt hat sie untersucht, welche Wirkung achtsame Berührungen bei Menschen in der Langzeitpflege entfalten.

Anemone Eglin
Anemone Eglin Bild PD

Das bedeutsamste Ergebnis dieser Studie, Teil eines Forschungsprojekts des Instituts Neumünster und des Zentrums für Gerontologie der Universität Zürich, lautet: Therapeutisches Handauflegen scheint depressive Symptome nachhaltig und signifikant zu reduzieren. 

Unmittelbar nach der Intervention hätten sich ausserdem Wohlbefinden, Zufriedenheit und Motivation der 20 Teilnehmenden klar verbessert. Auch körperliche Beschwerden konnten gemindert werden.

Die Studienteilnehmer waren alle kognitiv nicht beeinträchtigt, niemand litt an Demenz. Dieses Kriterium war bei der Auswahl der Teilnehmer zentral. Menschen mit Demenz können zwar durchaus Auskünfte über ihr Innenleben geben, aber diese bedürfen der empathischen Interpretation. Diese Form der Auswertung hätte den Rahmen dieser Untersuchung gesprengt.

Vor Beginn der Studie hatte Anemone Eglin einen Vor-Test mit drei an einer schweren Demenz erkrankten Frauen durchgeführt. Die Erfahrungen, die sie dabei machte, sind zwar nicht in die Auswertung eingeflossen, doch sie hat alzheimer.ch ihre Erlebnisse exklusiv geschildert:

«Die drei Frauen waren schwer dement. Ein Gespräch mit ihnen war ein Ding der Unmöglichkeit. Sie haben keine zusammenhängenden Sätze mehr gesagt. Zuerst bin ich einfach ans Bett gesessen, habe mich vorgestellt, habe dann meine Hand unter ihre geschoben, sie offen liegen lassen und abgewartet.

Eine Frau hat angefangen, mit ihren Fingern in meiner Hand zu spielen. Eine andere sagte ganz unvermittelt: ‚Schön!’ Meine Hand ist dann noch weitergewandert, zum Ellbogen. Eine Frau suchte meine Hand und legte sie sich aufs Knie.

Nach einer Weile sagte ich jeweils: ‚Ich gehe jetzt dann gleich.’ Wie aus der Pistole geschossen rief die eine: ‚Wieso?’ Eine andere: ‚Du bist aber eine ganz Liebe.’ Und die dritte, als ich schon bei der Tür war, sagte: ‚Wir müssen das Schöne, das wir haben, annehmen. Das Andere aber auch.’»

Diese Erlebnisse zeigen im Kleinen, im Nicht-wissenschaftlichen, dass achtsames Handauflegen bei Demenzerkrankten etwas auslöst. «Kurze, verständliche Sätze, die zur Situation passten, waren plötzlich wieder möglich», sagt Anemone Eglin.

Handauflegen

Therapeutisches Handauflegen unterscheidet sich von den alltäglichen Berührungen durch die innere Haltung. Sie zeichnet sich aus durch absichtslose Offenheit und Respekt. Es gibt diverse Traditionen des Handauflegens, die sich vorab in der spirituellen Einbettung unterscheiden: wie etwa Reiki, Therapeutic Touch oder Open Hands. Anemone Eglin praktiziert Letzteres. Als Theologin stellt sich Eglin damit in eine lange christliche Tradition eines religiösen Heilrituals. (aes)

Es sei ein Weg gegen das Vereinsamen, um sich nicht allein zu fühlen, sich nicht zu entfremden. Sie empfiehlt deshalb Pflegenden, Angehörigen und Freiwilligen einen Kurs zu besuchen. Auch um zu erfahren, welche Berührungen helfen, welche nicht. 

Ruth Kellerhals hat einen Workshop bei Anemone Eglin besucht. Die Fast-Pensionierte, wie sie sich nennt, suchte nach einem neuen Instrument, um helfen zu können. Beim Begleiten von schwerdementen Menschen habe sie sich zuweilen hilflos gefühlt. «Ich fand keinen Zugang, weil ich nichts über die Person wusste. Mochte sie Tiere? Welche Lieder hat sie gesungen? Ich wusste es nicht.»

Vor dem Kurs sei sie unsicher gewesen, wie und wo sie das fremde Gegenüber berühren darf und soll, ohne die Person zu stören oder zu irritieren. Denn Widerstand sei kontraproduktiv. Aufmerksam und respektvoll nähere man sich dem Patienten, das wisse sie nun.

«Die Behandelnde ist nur ein Gefäss, ein Kanal, der sich für die universale Kraft öffnet, damit Heilung geschieht», schildert es Ruth Kellerhans nach dem Kurs. Sie werde das neue Instrument beim Begleiten von Schwerkranken auf jeden Fall anwenden.

Video: Kann Berührung heilen?


Quelle SWR/youtube

 

erschienen: 04.11.2017

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